Interview

«Game of Thrones»-Star: «Wir sind alle an unsere Grenzen gekommen»

Kit Harington spielt in «Game of Thrones» Jon Schnee – und schleppt einen 20 Kilo schweren Mantel mit sich herum.

Die Rolle als dauerdeprimierter Aussenseiter Jon Schnee machte Kit Harington zum Star. Das Ende von «Game of Thrones» trieb ihm Tränen in die Augen.

Wir erschrecken ein bisschen, als Kit Harington zum Interviewtermin erscheint. Jon Schnee, seine Figur in «Game of Thrones», haben wir doch ganz anders in Erinnerung. Weg ist der schwere Fell-Mantel, weg sind auch die lange Mähne und der Bart. Der 32-jährige britische Schauspieler ist dabei, die Rolle, die ihn zehn Jahre lang prägte und ihn zum internationalen Star machte, abzustreifen. Er erzählt, was er vom Drehen nicht vermisst und wie er sich selbst von der Serie verabschieden wird.

Sie spielten zehn Jahre lang die Hauptfigur Jon Schnee, jetzt geht «Game of Thrones» zu Ende. Wie fühlen Sie sich?

Kit Harington: Ich fühle mich putzmunter. Unser «Game of Thrones»-Team feiert gerade an verschiedenen Orten die Premiere der letzten Staffel. Sollten wir später für Preise nominiert werden, kommen wir alle wieder zusammen. Ganz fertig ist «Game of Thrones» für mich also noch nicht.

Über die letzte Staffel dürfen Sie bekanntlich nichts verraten, aber offenbar kamen Ihnen Tränen, als Sie das Drehbuch lasen. Wieso geht Ihnen die Serie so nahe?

Ich hatte offenbar unterschätzt, was da alles für Gefühle aufkommen würden. Was mich letztlich wohl am meisten berührt, sind die Gedanken an den Kit, der ich vor zehn Jahren war, als alles anfing. Ich habe mich so sehr verändert in dieser Zeit. Vielleicht bin ich ein bisschen zynisch geworden. Ich nehme Dinge wie Interviews und rote Teppiche jetzt als selbstverständlich hin. Damals hat mich alles aus den Socken gehauen. Deshalb werde ich «Game of Thrones» am Schluss nochmals von Anfang an schauen, um mich an all das zu erinnern. Danach werde ich die Serie dankend ins Regal stellen. Das wird mein wahrer Abschied sein.

Was sind Ihre persönlichen Hochs und Tiefs der Serie?

Unsere Produzenten David Benioff und Dan Weiss fragten mich mal, welche Staffel ich am liebsten hatte und welche am wenigsten gerne. Da gibt es natürlich verschieden Kriterien, aber meine Lieblingsstaffel ist die zweite, als wir in Island drehten. Die Handlung war toll, und wir wussten inzwischen, dass die Serie ein Publikum gefunden hatte. Und natürlich lernte ich damals meine Frau Rose Leslie, mit der ich gemeinsame Szenen drehte, kennen. Am wenigsten mochte ich die sechste Staffel: Man hatte mich abgesondert von den anderen in einem Apartment untergebracht. Ich musste mich verstecken und alle anlügen, weil niemand wissen durfte, dass Jon Schnee von den Toten auferstehen würde.

Ihren Fell-Mantel werden Sie angeblich auch nicht vermissen …

Nein, er war etwa 20 Kilo schwer, er ist ein richtiger Killer, wenn man ihn den ganzen Tag tragen muss. Die Serie ist überhaupt physisch sehr anspruchsvoll: In der Mitte jeder Staffel war ich jeweils krank, was davon kommt, dass wir mal tagsüber, mal nachts, mal hier und mal woanders drehten und das Wetter nicht immer mitspielte. Wir warteten manchmal nachts, bis es aufhörte zu schneien und der Schnee schmolz, weil der richtige Schnee für die Kamera nicht gut aussieht. Ich bin ja eigentlich ziemlich resistent, aber ab und zu sagt auch mein Körper, dass es genug ist. In der letzten Staffel sind wir alle an unsere Grenzen gekommen. Damit wir wohl alle genug haben und die Serie nicht zu sehr vermissen (lacht).

Welche Bedeutung hat «Game of Thrones» für Fernseh-Unterhaltung in einem weiteren Sinn?

Ich glaube, wir haben beeinflusst, wie Geschichten heute am Fernsehen erzählt werden. Wir drehten die Pilot-Episode, die 2011 ausgestrahlt wurde, bereits 2009. Obama war gerade neu im Amt und die Leute waren hoffnungsvoll und happy. Jon Schnee hingegen war die dauer-deprimierte Emo-Figur. Wäre er in einem modernen Drama zu Hause, wäre er der Goth-Typ in einer Rockband. Ich hoffe, er war für Aussenseiter jemand, mit dem sie sich identifizieren konnten.

Sie und Emilia Clarke sind seit Jahren die Aushängeschilder der Serie. Die ersten gemeinsamen Szenen hatten Sie aber erst in der bisher letzten, der siebten Staffel. Wie ungewohnt war das für Sie?

Sehr ungewohnt. Entweder entwickelt man über eine paar Monate eine gute Arbeitsbeziehung, bevor man Liebesszenen spielen muss, oder man dreht die Liebesszenen gleich am Anfang, wenn man sich noch überhaupt nicht kennt. Mit Emilia Clarke war es anders: Wir waren seit sieben Jahren befreundet, als wir uns küssen mussten. Sie und meine Frau Rose sind zudem sehr gut befreundet. Es gab viel peinliches Gekicher und ich tat so, als sei es die schwierigste schauspielerische Herausforderung meiner Karriere.

Einer besonderen Herausforderung musste sich Emilia Clarke stellen, als sie zu Beginn der Serie Hirnblutungen erlitt und sich zwei Operationen unterziehen musste, wie sie vor kurzem bekannt machte. Was haben Sie von all dem mit bekommen?

Wir haben schon mitbekommen, dass sie wegen der zwei Hirnblutungen im Spital war. Es war furchtbar für uns alle und für sie auch ernsthaft lebensverändernd. Ich bewundere sie für die Stärke, die sie an den Tag legen musste, um den sehr anspruchsvollen «Game of Thrones»-Job trotzdem durchzuziehen. Sie war so tapfer. Zuviel möchte ich darüber jedoch nicht sagen, denn es ist ihre Geschichte, aber ich bin froh, dass sie nun darüber öffentlich reden kann und finde es toll, dass sie sich mit einer eigenen Wohltätigkeitsorganisation für Menschen, die Schlaganfälle und andere Hirnschäden erlitten haben, einsetzt.

Derzeit ist eine Ablegerserie in Arbeit, die Tausende von Jahren vor «Game of Thrones» spielt. Welchen Tipp haben Sie für Ihre Nachfolger?

Dass sie Spass haben und die Show nicht mit «Game of Thrones» vergleichen sollten. Unsere Erwartungen waren nicht sehr hoch, als wir die erste Staffel drehten. Niemand dachte, dass wir wirklich abheben würden. Über die neue Serie weiss ich nur, dass das Team im Hintergrund und die Zeitperiode ganz anders sind. Was in meinen Augen ein schlauer Entschluss ist. Ich werde mir auf jeden Fall anschauen, was da kommt.

Könnten Sie sich vorstellen, selber wieder in einer Serie mitzuwirken?

Ja, aber in der unmittelbaren Zukunft möchte ich mich nicht wieder für viele Jahre verpflichten. Ich glaube, das wäre auch falsch. Nun konzentriere ich mich vorerst auf Theater, Filme und limitierte Serien – von denen gibt es ja momentan sehr viele spannende.

Die Erwartungen an das Ende von «Game of Thrones» sind sehr hoch. Wird es zu ähnlichen Kontroversen kommen wie bei «Lost» oder «The Sopranos», deren Ende nicht alle Fans zufriedenstellte?

Na klar! Es ist doch kein gutes Ende, wenn alle sagen: Ja, genau, so ist es richtig rausgekommen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1