Neugierig schleicht er durchs Unterholz, hält seine Nase schnuppernd in die Luft und stellt seine Lauscher. Fuchs Fix ist in seinem Element. Die Kameras und Menschen in der Ferne scheinen ihn überhaupt nicht zu stören. Bei der nächsten Einstellung verspeist er genussvoll ein frisches Stück Fleisch. Und bei der letzten stapft er wacker durch den Schnee. Fix führt die Zuschauer im Film «Das Geheimnis unseres Waldes» durch die vier Jahreszeiten. «Er ist sozusagen das ‹Plot-Vehikel› durch den Film», erklärt Regisseur Heikko Böhm. Zum UNO-Jahr des Waldes hat er diesen aufwändigen Kino-Dokumentarfilm über die Wälder der Schweiz realisiert.

Man fragt sich, wie der Filmer so nahe an das Raubtier herangehen konnte, ohne dass dieses Reissaus genommen hatte. «Es war stets eine Zitterpartie», gibt Böhm zu. Aber Fix ist auch kein gewöhnlicher Fuchs, er wuchs mit Menschen auf und ist sie gewohnt. Vor allem seinen Besitzer Albert Mächler aus St. Moritz, der im Film ebenfalls eine Rolle spielt. Fix ist ein zahmer, aber kein dressierter Fuchs. Er wurde als Welpe von Tierliebhabern in der Nähe von Gossau gefunden und mit der Flasche grossgezogen.

Weil ihn kein Tierpark aufnehmen wollte, kam er schliesslich zu Albert Mächler ins Engadin – selbstverständlich mit einer offiziellen Bewilligung. Und Fix wohnt auch nicht irgendwo, sondern an einer der berühmtesten Strassen der Schweiz: an der Via Suvretta in St. Moritz, der sechstteuersten Adresse der Welt. Er darf sich wohl als einziger Fuchs damit rühmen, zeitweise der legitime Nachbar von Silvio Berlusconi gewesen zu sein.

Beheiztes Schlaflager

Für die Filmaufnahmen allerdings durfte er die wilde Natur erleben. Man liess ihn frei laufen und baute lediglich grossräumig Schranken auf, damit er nicht türmen konnte. Auch wenn er in einer Sequenz übers weite Feld rennt, hatte er offensichtlich nicht das Bedürfnis nach unbegrenzter Freiheit. Mit einem Stück Fleisch oder der ihm vertrauten Stimme von Mächler war der Rotrock jeweils schnell wieder zurückzulocken.

Als wir ihn während der Dreharbeiten in seinem St. Moritzer Domizil besuchen, zeigt er auch den Neuankömmlingen gegenüber keine Scheu. Obwohl damals bereits mehr als 13 Jahre alt, und damit der älteste nachweislich in der Schweiz lebende Fuchs, blinzelt er keck aus seiner Kiste, wo er sein Schlaflager hat. Im Winter wird dieses mit einer elektrischen Schlafdecke gewärmt, weil er sonst die arktische Kälte des Engadins nicht überleben würde. «In der freien Natur würde er sich unter der Erde verkriechen, wo die Temperaturen wärmer sind», erklärt Mächler.

Auch handzamer Fuchs bleibt ein Raubtier

Es ist 19 Uhr, allmählich erwacht das nachtaktive Tier, streckt und reckt seine Glieder und tappt ein paar Schritte Richtung Futternapf. Es riecht ein bisschen muffig hier und nach frischem Fleisch. In einer Ecke liegt ein totes Eichhörnchen, das Fix im ersten Moment unbeachtet lässt. Er strebt auf den Futternapf mit Pedigree zu. Dann gehts zur Wasserstelle und für eine kurze Runde in seinen grosszügigen Auslauf, von dem aus er einen grandiosen Blick auf den Piz Mezdi und Rosatsch hat.

Man möchte den Rotrock mit seinem dichten Fell am liebsten knuddeln, wohlwissend, dass der Allesfresser ein Raubtier ist und bleibt – auch der handzahme Fix. Schlauheit, Gerissenheit, Bosheit sind Attribute, die man seinesgleichen gerne zuschreibt. Nur: Die kann man sich bei Fix nur schwer vorstellen.

Enorm anpassungs- und lernfähig

«Füchse sind enorm anpassungsfähig und lernfähig», erklärt Andreas Moser, Biologe und Redaktionsleiter von Netz Natur. Moser setzte Fix vor ein paar Jahren in seinem Film «Füchse in der Stadt» ein und spazierte mit ihm durch die Stadt Zürich. Darin thematisierte er unsere Wegwerfgesellschaft, die Füchse immer mehr in städtische Gebiete lockt. Es tue sich heute ein Stadt-Land-Graben auf, so Moser. «In der Stadt findet man die Füchslein niedlich und füttert sie, auf dem Land sind sie eine Plage.» Im Jahr 2008 wurden in der Schweiz 33387 Füchse erlegt.

Dies dürfte Fix nicht widerfahren, ist er doch nicht nur ein begehrter Filmstar, sondern auch ein Fotomodell. Mächler ist nämlich ein passionierter und erfolgreicher Tierfotograf. Kürzlich hat er das Buch «Fix – Begegnungen mit dem Fuchs» (Salm- Verlag) herausgegeben. Ein beeindruckendes Buch mit Bildern, wie man den Allesfresser noch selten gesehen hat.

Zur Zitterpartie wurde letztlich das Engagement von Fix für Filmer Heikko Böhm doch noch. Die Dreharbeiten mit Fix für die Sequenzen im Sommer, Herbst und Winter verliefen problemlos. Doch in diesem März, als es darum ging, den filmischen Auftakt mit dem Frühling zu realisieren, machte sich dessen Altersschwäche bemerkbar. Kurzfristig wurden nochmals Dreharbeiten angesetzt. Fix hielt durch – und verstarb kurz danach an Altersschwäche.