«Hier haben Frauen die Hosen an», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga an den Solothurner Filmtagen. Gemeint hat sie Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer, Festivalpräsidentin Christine Beerli, ein bisschen sich selbst – und natürlich «Die göttliche Ordnung», den Eröffnungsfilm über die Einführung des Frauenstimmrechts. Sommaruga traf damit voll ins Schwarze: Petra Volpes grossartiger Film löste Begeisterungsstürme aus und dürfte am Mittwoch, wenn die Nominierungen für den Schweizer Filmpreis verkündet werden, ganz vorne mit dabei sein.

Frauen und die Filmtage, das ist auch in den darauffolgenden Festivaltagen ein spannendes Verhältnis geblieben. Bundesrätin Sommaruga hatte während ihrer Rede korrekterweise moniert, dass Frauen im Schweizer Kino unterrepräsentiert sind. Umso erfreulicher, dass von den acht Filmen, die an den Filmtagen um den Prix de Soleure, den Hauptpreis, konkurrieren, ganze sechs aus Frauenhand sind.

Ein Film bis vor Gericht

Ihre Protagonistinnen sind Straftäterinnen, die um ihre Kinder kämpfen («Double peine», Léa Pool), Prostituierte, die ihren Körper für den Lebensunterhalt verkaufen müssen («Impasse» von Elise Schubs), oder solche, die auf die wahre Liebe hoffen («I am Truly a Drop of Sun on Earth», Elene Naveriani). Stimmlose Frauen am Rande der Gesellschaft, denen Gehör verschafft wird.

Am beeindruckendsten: «Cahier Africain» von Heidi Specogna. Die Dokumentarfilmerin ist seit 2008 wiederholt in die Zentralafrikanische Republik gereist, um die über 300 Frauen und Mädchen zu dokumentieren, die dort während des Bürgerkriegs von Soldaten missbraucht wurden. Ihr Langzeitporträt gibt der Tragödie ein Gesicht. Specognas Film ist ein unverzichtbares Zeitdokument, ihre Arbeit hat mitgeholfen, die schrecklichen Kriegsverbrechen vor den Europäischen Gerichtshof in Den Haag zu bringen.

Cahier africain von Heidi Specogna

Cahier africain von Heidi Specogna

In Solothurn zeigt sich: In Filmen von Frauen sehen wir starke, komplexe Frauen. Und in jenen von Männern? Ihre Filme dominieren in der Panorama-Reihe oder unter jenen, die um den Publikumspreis buhlen. In Hollywood gibt es eine nicht unumstrittene, aber genial einfache Methode, die filmische Repräsentation von Frauen zu messen: den Bechdel-Test. Er stellt einem Film drei Fragen: Hat er mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Über etwas anderes als einen Mann?

Wir prüfen: «Lotto» (von Micha Lewinsky) und «Der Frosch» (von Jann Preuss) haben mit Liliane Amuat eine sensationelle Hauptdarstellerin. Doch in beiden Fällen definiert sich ihre Filmfigur fast nur über ihr männliches Gegenüber: den sterbenskranken Papa und den depressiven Liebhaber. Die Integrationssatire «Usgrächnet Gähwilers» (von Martin Guggisberg) setzt ihre Protagonistin gar in ein Spannungsfeld zwischen zwei Männern. Hier der sympathische Sans-Papiers, dort der rassistische Ehemann. Die Pointen sitzen, doch die Figuren kleben in Klischees fest: Der Mann der kühl kalkulierende Kopf, die Frau das warme, einladende Herz.

Der Frosch

Der Frosch

Ähnlich ist das im Kurzfilm «Bon Voyage» von Marc Wilkins, dem heute eine Oscar-Nominierung winkt. Das Drama zeigt ein Schweizer Ehepaar (Stefan Gubser und Annelore Sarbach), das während eines Segeltrips im Mittelmeer auf ein Flüchtlingsboot trifft. Sie will helfen, er aber weitersegeln – das Unheil nimmt seinen Lauf. Fernab von Qualitätsfragen lässt sich ein Trend erahnen: Gehts um Flüchtlinge, bleiben die Geschlechter in Rollenmustern stecken, Männer sind die Orbáns und Frauen die Merkels.

Der Trailer zu «Bon Voyage»

Der Trailer zu «Bon Voyage»

Raffinierter geht «Miséricorde» mit den Geschlechtern um. Fulvio Bernasconis existenzialistisches Drama spielt in der Einöde Kanadas, wo eine Indianer-Frau um ihren bei einem Verkehrsunfall getöteten Sohn trauert. Der gesuchte Trucker entpuppt sich bald als eine Frau. Eine genialer Kniff, der die männlichen Figuren, die auf blinde Vergeltung aus sind, zum Umdenken zwingt. Bernasconi erzählte in Solothurn, dass die Rolle für einen Mann vorgesehen war. Bis er erkannte, dass eine Frau in dieser Schlüsselrolle mehr dramatisches Potenzial mitbringt.