Haben Sie Angst vor dem Altwerden?

Frank Matter: Nicht gerade Angst. Natürlich sehe ich, dass mit dem Älterwerden die Energie sinkt, man vieles langsamer angehen muss. Aber ich bin erst 49.

Sie haben sich durch Ihren Film «Von heute auf morgen» intensiv mit dem Altsein beschäftigt. Hat sich Ihre Haltung dazu seither verändert?

Ich hatte mich vorher nie so richtig mit dem Älterwerden befasst. Für diesen Film musste ich das. Im ersten Moment dachte ich: Oje, wie wird das wohl, wenn ich mal so alt bin? Aber mit den Dreharbeiten wuchs meine Gelassenheit. Ich habe gesehen, wie viel Humor und Lebensfreude auch Hochbetagte noch haben.

Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit dem Leben alter Menschen zu befassen?

Der Basler Filmemacher Peter Aschwanden war mit diesem Thema an mich herangetreten. Es war für ihn aus persönlichen Gründen aktuell. Als wir gerade mit den Recherchen fertig waren, starb Peter Aschwanden völlig unerwartet. Nach einigem Überlegen habe ich beschlossen, das Projekt alleine weiterzuführen. Der Film ist ihm gewidmet.

Es war also eigentlich Aschwandens Thema. Wie haben Sie es zu Ihrem gemacht? Was ist anders?

Jeder Filmemacher hat seinen eigenen Stil und eine andere Art, die Beziehungen zu den Protagonisten aufzubauen. Peter wollte sich ursprünglich stärker auf den erhöhten Stress und die Ansprüche des Pflegeberufs konzentrieren. Ich verlagerte den Schwerpunkt auf die alten Menschen.

Wie haben Sie Ihre vier Protagonisten ausgewählt?

Wir haben zuerst rund ein Jahr immer wieder die Spitex Allschwil-Schönenbuch bei ihren Besuchen begleitet. Insgesamt habe ich 40 bis 50 Leute kennen gelernt. Als wir fragten, wer bereit wäre mitzumachen, waren es bis auf zwei, drei Ausnahmen alle. Das hat mich sehr überrascht bei diesem intimen Thema. Bei der Wahl der Protagonisten spielten meine Intuition und die persönliche Beziehung eine grosse Rolle. Und mir war wichtig, dass es nicht nur ein trauriger Film wird. Deshalb habe ich Menschen gesucht, die Humor haben und Kämpfer sind; die trotz ihrer schwierigen Situation nicht aufgeben im Leben, so wie Frau Hofmann.

Wie haben Sie das Vertrauen dieser vier Menschen gewonnen?

Das war einfacher, als ich gedacht hatte. Die alten Menschen waren sehr offen. Sie hatten Freude daran, dass etwas läuft und man sie ernst nimmt, sich wirklich für ihr Leben und ihre Situation interessiert. Auch bei der Spitex war eine grosse Bereitschaft da, über ein Thema zu reden, das sonst gern ausgeblendet wird.

Sie durften auch intime Szenen filmen, die vier liessen Sie nah ran.

Ich kannte diese Menschen bereits seit einem Jahr, als wir das erste Mal mit der Kamera auftauchten. Ausserdem haben wir mit einer kleinen, feinfühligen Crew und kleinen Kameras gearbeitet. Das war künstlerisch ein Kompromiss, der aber viel zur Authentizität des Films beiträgt. Ausserdem wurde mir bewusst, dass alte Menschen – vielleicht weil sie schon so viel erlebt haben – gelassener sind und beim Gefilmtwerden nicht mehr jedes Detail kontrollieren wollen.

Man erfährt viel über diese vier Menschen, aber die ganz persönlichen Lebensgeschichten und Gedanken kommen nur am Rand vor.

Das war ein bewusster Entscheid. Es gibt viele biografische Filme, in denen alte Menschen von ihrer Vergangenheit erzählen. Aber man weiss relativ wenig über den aktuellen Alltag alter Leute. Ausserdem habe ich den Protagonisten versprochen, dass sie mitbestimmen dürfen, worüber sie sprechen möchten. Ich stellte ihnen Fragen, aber ich drängte sie nie zu Antworten. Manchmal sagen Blicke und Gesten mehr. So merkt man, wenn jemand Angst vor der Einsamkeit hat oder sich von der Familie verlassen fühlt, ohne dass es deutlich ausgesprochen werden muss.

Wie hat der Film den vier gefallen?

Das müssten Sie sie selber fragen. Elisabeth Willen etwa habe ich den Film im Altersheim gezeigt, und sie war wahnsinnig berührt, weil sie sich wieder an ihre Zeit in ihrem schönen Haus erinnert fühlte. Silvan Jeker, der zur Premiere nach Solothurn reiste, wartet nun auf einen Anruf aus Hollywood. Ich habe das Gefühl, dass er während der Dreharbeiten aufgeblüht ist. Auch ein alter Mensch kann sich noch verändern.

Der Film handelt auch von der Situation der Spitex-Angestellten, die immer stärker unter finanziellem und damit zeitlichem Druck stehen. Das rasante Tempo, das sie anschlagen müssen, passt nicht zum langsamen Rhythmus der alten Menschen.

Das ist eines der zentralen Anliegen des Films – ohne dass wir jetzt einen politischen Thesen-Film machen wollten. Wir haben nur beobachtet, was passiert, wenn alte, pflegebedürftige Leute und die Betreuerinnen der Spitex sich begegnen. Wie beeinflussen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen das Verhältnis? Wie bleibt eine Pflegerin unter dem enormen Kosten- und Zeitdruck menschlich?

Die Spitex-Angestellten kommen sympathisch rüber, doch manche neigen dazu, die alten Leute ein wenig wie Kinder zu behandeln.

Der Grat zwischen Hilfe und Bevormundung ist schmal. Einerseits neigen die Pflegenden manchmal aus praktikablen Gründen dazu, ein wenig bevormundend zu sein. Anderseits ist es schon so, dass manche alten Menschen nicht in jeder Situation voll urteilsfähig sind. Sie vergessen etwa oft, ihre Medikamente zu nehmen.

Eine Art Running Gag ist Silvan Jekers Coach-Tischchen. Ständig wird er von den Spitex-Frauen ermahnt, es aufzuräumen. Was geht es diese Frauen an, wenn dieser mündige, erwachsene Mann ein wenig Unordnung hat.

Es ist interessant, wie unterschiedlich die Zuschauer auf diese Szenen reagieren. Ich verstehe auch hier beide Seiten. Die Spitex erlebt, dass Unordnung schnell in Verwahrlosung kippen kann.

Es gibt einen Fall, bei dem eine Spitex-Angestellte in einen Distanzwahrungs-Kurs geschickt wurde, weil sie eine alte Frau umarmt hat.

Ich kenne den Fall nicht, das scheint mir etwas extrem. Doch grundsätzlich ist es wichtig für die Betreuer, dass sie sich nicht überidentifizieren mit den Klienten, denn sonst frisst einen dieser anstrengende Job auf.

Sie zeigen Menschen mit Witz und Lebensfreude. Aber es wird auch klar, dass sie oft einsam und in ihrer Freiheit eingeschränkt sind.

Uns war wichtig, alle Facetten ihres Lebens zu zeigen, die düsteren und die fröhlichen. Wir wollten das Thema Altsein nicht verharmlosen.

Machten Sie die Dreharbeiten nicht traurig?

Manchmal schon. Ich habe bei den Recherchen auch Menschen gesehen, die sehr einsam in völlig verwahrlosten Wohnung lebten. Aber mir wurde klar: Es gibt auch im Leben sehr alter, gebrechlicher Menschen viele schöne Momente.