Für Aussenstehende wirkte es wie eine schallende Ohrfeige. In der Ausgabe vom 18. Januar geht in der «NZZ am Sonntag» Filmjournalist Christian Jungen hart mit den Solothurner Filmtagen ins Gericht. Er nennt das Festival, das sich als wichtigste Werkschau des Schweizer Films versteht und mit der Eröffnung sein 50. Jubiläum feiert, «überflüssig» und ohne «Daseinsberechtigung».

Seraina Rohrer, die Direktorin der Filmtage, nimmt im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» Stellung zu diesen Vorwürfen.

Seraina Rohrer, wie sehr schmerzt diese Kritik so kurz vor Festivalbeginn?
Seraina Rohrer: Diese Kritik ist wirklich nicht berechtigt. Mich stört, dass mit falschen Fakten operiert wurde. Es stimmt überhaupt nicht, dass Solothurn zu wenig für junge Filmemacher macht. Im Gegenteil. Als ich 2011 zu den Filmtagen gestossen bin, haben wir uns bewusst dafür entschieden, dem Nachwuchs mit der Sektion «Upcoming» einen Platz zu geben. Und betrachtet man das diesjährige Programm, findet man beachtlich viele Werke von jungen Filmschaffenden. Der heutige Eröffnungsfilm «Unter der Haut» beispielsweise ist das Erstlingswerk einer jungen Regisseurin.

Der Artikel behauptet, die Filmtage seien «überflüssig». Hat der Schweizer Film Solothurn wirklich noch nötig?
Auf jeden Fall! Die Besucherzahlen in Kinos sind in den letzten Jahren rückläufig. Bei allen Festivals dagegen steigen sie an. Die Filmtage haben sich von einem reinen Branchenanlass zu einem Publikumsanlass entwickelt. Menschen schauen Filme zunehmend auf ihren Smartphones und Tablets. Wenn sie an Festivals gehen, dann mit der Lust auf Begegnung. Und die Begegnung steht bei den Filmtagen im Zentrum.

Solothurn sei unter Ihnen zu einer «Hochburg der politischen Korrektheit» geworden – wie entgegnen Sie dieser Kritik an Ihrer eigenen Person?
Ich bin immer dafür, dass auch Frauen bei Panels vertreten sind. Frauen haben heute gleich viel mitzureden, nicht nur in der Filmbranche. Und ich sehe die Filmtage auch als Treffpunkt zwischen den verschiedenen Landesteilen. Diese Kritik stört mich nicht. Ich weiss, dass das so ist. Das kann man als politische Korrektheit bezeichnen – ich würde es eher ein Interesse am Austausch und an der Vielfalt nennen.»

Der Filmchef beim Bundesamt für Kultur ist Ivo Kummer – langjähriger Leiter der Filmtage und Ihr Vorgänger. Ein Vorteil für Solothurn, wenn es um Festivalsubventionen geht.
Das zu behaupten, ist falsch. Kummer entscheidet bewusst nicht über dieses Dossier. Das überlässt er anderen. Die Solothurner Filmtage wurden bereits damals als Werkschau und nicht als reguläres Festival kategorisiert, als Kummers Vorgänger Nicolas Bideau Filmchef beim Bund war.

Gibt es bestimmte Argumente im Artikel, die tatsächlich Anstoss zur Reflexion geben?
Die Frage, was eine Werkschau ist und wofür man sie braucht, finde ich nicht uninteressant. Diese Diskussion muss aber die Branche führen. Wenn von der Branche ein solcher Input kommt, dann bin ich bereit zu diskutieren. Die Rückmeldungen auf den Artikel, die ich bislang erhalten habe, deuten aber überhaupt nicht darauf hin. Darum nehme ich die Kritik gelassen.

Also blicken Sie der Eröffnung heute Abend immer noch gleich optimistisch entgegen?
Ja, auf jeden Fall!