Zu einer waschechten Hexe gehören: Besen, Kopftuch, lange Nase und – Musik. Dieses Geheimnis war bisher lediglich Hexen bekannt. Schliesslich tanzen sie Jahr für Jahr in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg. Ins Geheimnis eingeweiht waren aber auch alle Kinder, die Otfried Preusslers Geschichte von der «Kleine Hexe» kennen.

Doch zurzeit verbreitet sich das Geheimnis der musikalischen Hexen wie ein Lauffeuer. Dies, seit Anfang Februar, seit der Kinofilm über die kleine Hexe die Besucher verzaubert – nicht zuletzt mit seiner Musik. Denn der Film zeichnet eine musikalische Hexe. Regisseur Mike Schaerer: «Die Geschichte beginnt mit einer Walpurgisnacht und sie endet mit einer. Daraus entstand Schritt für Schritt die Idee, dass die kleine Hexe eine musikalische Hexe ist.» Doch Halt. Immer schön alles der Reihe nach.

Weil die kleine Hexe mit ihren 127 Jahren, 2 Monaten und 22 Tagen für eine Hexe viel zu jung ist, wird sie zur Walpurgisnacht nicht eingeladen. Da hilft alles Wünschen und Wollen nichts. Also schleicht sich die kleine Hexe heimlich ans Fest. Im Spielfilm von MikeSchaerer eine veritable Hexen-Party mit allem Drum und Dran: «Bom-dada-Bom-Bom», dröhnt der Beat der Trommeln gleichmässig in die Nacht hinaus. Eine Fiedel aus einem Ast mit aufgespannten Hexenhaaren sorgt für eine Extraportion «meh Dräck», ein Horn bläst einen archaischen Signal-Ton dazu. All das mischt sich zu einer Musik, die direkt in den Bauch – und in die Beine geht.

Die Kinder von Pfuri

Wow!, denkt die kleine Hexe und tanzt los, wow!, denkt man auch als Zuschauer und spitzt die Ohren. Was für ein Sound! Ausgetüftelt haben ihn die Geschwister Diego Baldenweg (* 1979), Nora Baldenweg (* 1981) und Lionel Vincent Baldenweg (* 1977), auch bekannt als Great Garbo. Aufgewachsen im aargauischen 400-Seelen-Dorf Ammerswil am Hallwilersee, 1985 ausgewandert nach Sydney und Byron Bay, Australien, seit Ende der 90er-Jahre in Zürich ansässig, haben die Baldenwegs früh gemeinsam Musik gemacht.

Sie sind Kinder von Marie-Claire Baldenweg und Pfuri, der in den 1970er-Jahren mit der Güsel-Band Pfuri, Gorps & Kniri europaweite Erfolge feierte und mit Peter, Sue & Marc am Eurovision Song Contest teilnahm (Trödler und Co.). In der Filmmusik seiner Kinder spielt Pfuri die «Schnöregiige».

Im Bereich Medien- und Werbemusik sowie Filmmusik sind die drei Geschwister heute eine internationale Grösse. Zu ihren Kunden gehören Sony, Sunrise, Swiss, Nivea und Dove – und nun eben auch: «Di chli Häx» «Sie ist eine anarchische und archaische Figur, die auch gerne viel Schabernack treibt. Da musste die Musik grooven, spassig und schräg genug sein», sagt Nora Baldenweg. Im Rahmen des Fernsehfilms «Lina» hatten sich Regisseur und Komponisten kennen gelernt. Die aktuelle, märchenhafte Preussler-Verfilmung war als Projekt aber einige Kaliber grösser. «Das ist sicher etwas vom Aufwendigsten, was man machen kann in Sachen Komposition, aber auch in der musikalischen Umsetzung», fasst Lionel Baldenweg zusammen.

Schliesslich klingt in sage und schreibe 73 Minuten des insgesamt 100-minütigen Films Musik: Ob die Nacht auf dem Blocksberg, das Einreiten des neuen Besens oder das Küchen-Konzert mit singendem Ofen – Musik begleitet die kleine Hexe auf Schritt und Tritt und Flug.

Für CH-Filmpreis nominiert

«Wir haben uns sehr früh zusammengesetzt», sagt Michael Schaerer. Anhand des Drehbuchs und Gespräche entstand so ein massgeschneiderter Hexen-Sound. «Magisch sollte er sein, zauberhaft, vielschichtig und transparent», erklärt der Regisseur, «aber nie effekthascherisch.» Diego Baldenweg: «Um auf den «Hexen-Sound» zu kommen, haben wir 40 Klaviermelodien komponiert, die wir dann mit Michael Schaerer besprochen haben. Daraus entstanden ein Böse-Hexen-Thema, ein allgemeines Hexenwelt-Thema, ein Trauerthema und ein Erfolgsthema.»

Wie klingt das? Mal märchenhaft, wenn eine Spieluhr zarte Melodien klimpert; mal intim, wenn von Nora Baldenwegs Stimme «dinge-linge-ling» summt, begleitet von Terzen. Überhaupt scheinen Hexen Terzen zu mögen, also bilden diese den roten Faden durch die Kompositionen. Auch als Zuschauerin oder Zuschauer lässt man sich gerne auf diese Klänge ein, die einen mitnehmen in den verwunschenen Wald oder auf rasante Ritte mit dem Reisigbesen. Das fand offenbar auch die Jury der Schweizer Filmpreise und nominierte den Sound von «Di chli Häx» in der Kategorie «Beste Filmmusik».

Ihren Erfolg erklärt Lionel Baldenweg wie folgt: «Mit der Kombination aus Orchester, intimer Stimme und den skurrilen Instrumenten bewegen wir uns abseits der typischen Klischee-Kompositionen, und trotzdem wirkt alles sehr vertraut.» Darüber hinaus scheuten die Komponisten keine Mühe: «Mit Mike Schaerer haben wir jede Szene bezüglich der jeweiligen Emotion sehr detailliert besprochen und dementsprechend die Kompositionen gestaltet.»

Die Folge? In wichtigen Szenen untermalt die Musik den Film nicht nur. Sie gibt regelrecht den Ton an. Etwa auf dem Blocksberg, wo zuerst die Musik feststand – und darauf basierend Choreografie, Szene sowie Ausstattung entwickelt wurden. Oder im fabelhaften OfenKonzert, bei dem sich der Haushalt der kleinen Hexe in ein Orchester verwandelt – dirigiert von niemand anderem als ihr selbst. Und spätestens bei dieser Szene ist allen Zuschauern klar, dass zu einer waschechten Hexe nicht nur Kopftuch, Besen und lange Nase gehören, sondern Sie wissen schon: auch Musik!