Fernand Melgar

Filmer blickt in eine Schule für behinderte Kinder: «Das Leben findet immer einen Weg»

Der Lausanner Dokumentarfilmer Fernand Melgar dokumentierte die Fürsorge in einer Schule für autistische Kinder

Der Lausanner Dokumentarfilmer Fernand Melgar dokumentierte die Fürsorge in einer Schule für autistische Kinder

Der Lausanner Dokumentarfilmer Fernand Melgar hat sich mit drei eindrücklichen Filmen über Asylsuchende und Obdachlose auf internationaler Ebene einen Namen gemacht. Sein neustes Werk, «À l’école des philosophes», blickt in eine Schule für behinderte Kinder und eröffnet die 53. Solothurner Filmtage.

Es sind keine Philosophiestudenten, die in dieser Philosophenschule die Schulbank drücken: Es sind behinderte Kleinkinder. Sie werden in einer Sonderschule betreut, die ihren Namen von der Strasse in Yverdon-les-Bains hat, an der sie sich befindet; der «Rue des philosophes». Fernand Melgar hat dort eine Kinderklasse und das betreuende Lehrpersonal ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Dabei ist er zum Schluss gekommen, dass auch diese Personen im wörtlichen Sinne Philosophen sind: Sie sind lernbegierige Menschen. Wir haben Fernand Melgar in seiner Heimatstadt Lausanne getroffen.

Fernand Melgar, in Ihren letzten Filmen dokumentierten Sie soziale Armut und Missstände im Asylwesen. In der Schulklasse von «À l’école des philosophes» geht es vergleichsweise friedlich zu. Ein gewollter Themenwechsel?

Fernand Melgar: Nach diesen drei Filmen hatte sich für mich ein Kreis geschlossen, ich wollte mich neuen Herausforderungen stellen. Aber mein Grundthema ist exakt das gleiche geblieben: Es geht um das Anderssein, um den Blick auf das Gegenüber, um gesellschaftliche Unterschiede. Und um Integration. Sowohl in meinen früheren Filmen als auch in «À l’école des philosophes» porträtiere ich jeweils eine spezifische Institution und untersuche ihre Funktionsweise.

Worauf legen Sie dabei besonders Wert?

Es ist mir wichtig, dass man im fertigen Film die unterschiedlichen Perspektiven aller Beteiligten mitbekommt – seien es Asylsuchende, Betreuer, Kinder, Lehrpersonen, Eltern oder Therapiefachleute. Kürzlich trug eine Retrospektive all meiner Filme in Mexiko den Titel «Die Stimme der Unsichtbaren». Darauf wäre ich selbst nicht gekommen – aber es ist sicher eine mögliche Definition meiner Arbeit. Auch behinderte Kinder sind schliesslich ausgegrenzte, unsichtbare Menschen, die kommunizieren wollen.

Sie zeigen in «À l’école des philosophes» aber eher die schulische Fürsorge als die soziale Ausgrenzung.

Es stimmt, wir leben hier in der Schweiz in einer relativ komfortablen Situation – viele Menschen verhalten sich vorbildlich. Aber glauben Sie mir: Auch hier werden die Eltern von behinderten Kindern unterschwellig aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Eine Freundin von mir hat ein autistisches Kind. Eines Tages bekam dieses Kind in einem Bus einen Anfall und schrie, worauf eine ältere Dame meinte: «Hören Sie, für solche Fälle gibt es Anstalten.» Danach traute sie sich nicht mehr, mit ihrem Kind öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Genau darum drehen sich meine Filme: Menschen, die stigmatisiert oder diskriminiert werden.

In den vorhergehenden Filmen haben Sie auf systematische Mängel im Asylwesen hingewiesen – oft herrschte dort ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Diesmal schildern Sie ein System, das gut funktioniert und therapeutische Erfolge erzielt.

Moment mal! Absolut alle Betriebe, die ich gefilmt habe, funktionieren sehr gut. Das gilt zum Beispiel auch für das Ausschaffungsgefängnis in «Vol spécial». Aber das Publikum musste sich bei diesen Filmen halt fragen, ob es dieses unmenschliche System überhaupt dulden will – zumal wir in einer direkten Demokratie leben und über solche Dinge mitreden können. «À l’école des philosophes» ist aber in der Tat ein eher optimistischer Film, der sich – wenn ich das so sagen darf – «auf das Schöne zubewegt». In meinen früheren Filmen war der Himmel bewölkt und später kam es zu Gewittern. Diesmal lichten sich die Wolken, und zum Schluss scheint im Film die Sonne.

Ist der Film deswegen weniger politisch?

Nein. Ich zeige die Menschen vor der Kamera ganz direkt – ohne die Kommentare von Fachleuten. Ich möchte, dass sich allein durch das Beobachten unser Blick auf sie verändert. Anschliessend denken wir vielleicht auch etwas anders darüber nach, wie viel uns unser Sozialsystem eigentlich wert ist oder was die Gefahren von pränataler Diagnostik sein könnten. Denn schauen Sie: Hätten etwa alle Mütter im Film während der Schwangerschaft von der Behinderung ihres Kindes erfahren – wer weiss, ob diese Kinder heute überhaupt auf der Welt wären?

Sie beschönigen im Film nichts: Einige der Eltern sind am Anschlag, sie schlafen keine einzige Nacht mehr durch, verlieren ihre sozialen Kontakte. Und trotzdem – oder gerade deswegen – klammern sie sich an ihren Kindern fest.

Genau das erlebte ich gleich am ersten Schultag dieser Kinder: Zwei Mütter hatten grosse Mühe, an diesem Punkt loszulassen, und es flossen Tränen. Solche Szenen lasse ich aber ehrlich gesagt lieber weg. Wobei das keine Zensur ist, sondern mein angebrachtes Distanzgefühl als Filmemacher: Lieber als eine weinende Mutter und ihr Kind zeige ich die Lehrerin, die sich im gleichen Zusammenhang diskret eine Träne von der Wange wischt.

Weshalb?

Es geht mir nicht um den Schmerz an sich, sondern um die Widerstandskraft, die er erzeugt. Die Eltern leiden stark unter ihrer Situation, und trotzdem sagen sie: «Das ist das Beste, was uns im Leben passieren konnte.» Genau darum ging es mir: Zu zeigen, wie diese Kinder von ihrer Umgebung viel Liebe bekommen und wie es mit Geduld und Ausdauer möglich ist, dass sie einzelne Lernschritte bewältigen und bessere Kommunikationsmöglichkeiten erhalten. Und sei das auch nur, dass sie einen Blick erwidern, einen Löffel richtig halten oder sich gerade aufrichten können.

Hinter all diesen schulischen Bemühungen stecken spezifische pädagogische Theorien. Einige davon mögen umstritten sein, aber davon bekommt man im Film nur wenig mit. War das Absicht?

Hätte ich versucht, einen kritischen Blick auf die fachlichen Ansätze der Behindertenarbeit zu werfen, hätte das den Film gesprengt. Ich möchte mit «À l’école des philosophes» vielmehr eine utopische, etwas vereinfachende Botschaft vermitteln: Das Leben findet immer einen Weg. Natürlich sind alle Mitglieder des Schulpersonals professionell und technisch ausgebildet. Aber mir ging es eben nicht um diese Techniken, sondern nur darum, dass man mit Liebe und Fürsorge gegenüber den schwächsten Menschen in der Gesellschaft viel Positives erreichen kann. Theorie und Technik habe ich aber auch deshalb ausgespart, weil ich – wie ich schon gesagt habe – die Dinge lieber zeige, anstatt sie zu erklären. Ich zeige lieber, was kleine Fortschritte auslösen können. Dieser Vater zum Beispiel, der zu seinem Kind sagt: «Zum ersten Mal hatten wir nach zwei Jahren ein erstes Lebenszeichen von Dir: Du weintest damals vor Schmerz, und wir beide weinten vor Freude.»

Die Fortschritte dieser Kinder sind minim, und es vergeht enorm viel Zeit bis zu einer Veränderung. Das war wohl auch für Sie als Filmemacher eine Herausforderung, diese langsame Wandlung cineastisch zu gestalten.

Es braucht Zeit, aber eben auch Geld. Hinter der gezeigten Schule steckt eine Stiftung, die Fondation de Verdeil, aber gleichzeitig ist auch klar: So etwas wird nur noch schwer möglich sein, wenn wir weiterhin Sozialabbau betreiben. Das ist ein politischer Aspekt meines Films. Ich habe 18 Monate lang jeden Tag gefilmt – also musste ich wie die Eltern und das Lehrpersonal sehr lange warten, bis sich bei einem Kind ein Fortschritt abzeichnete. Aber gerade deshalb, weil es so lange gedauert hat, war die Freude dann umso grösser, wenn sich etwas zum Guten veränderte. In solchen Momenten weiss man ganz genau, warum sich dieser ganze Aufwand lohnt.

Obwohl eine reibungslose Eingliederung dieser Kinder in unsere Gesellschaft so gut wie ausgeschlossen ist.

Das ist es ja gerade! Diese Kinder werden nicht danach bemessen, ob sie später einmal arbeitsfähig sind oder wie es um ihre Lebenserwartung bestellt ist. Sie werden vorbehaltlos mit Hingabe behandelt, und sie erlernen auf diese Weise kommunikative, soziale Fähigkeiten. Daran könnte sich unsere gesamte Schweizer Bevölkerung ein Vorbild nehmen. Schliesslich steht nicht umsonst in unserer Verfassung: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»

Die Herausforderung ist nicht zuletzt moralischer Natur: Wer eine Handvoll unterschiedlich behinderte Kleinkinder für einen Dokumentarfilm begleitet, darf nie vergessen, dass diese Kinder nicht in der Lage sind, ihre Einwilligung zum Projekt auszudrücken. Vor jeglicher dramaturgischen Entscheidung muss der Respekt vor dem Wesen stehen. Fernand Melgar hat daher einen klaren Ansatz gewählt: Er zeigt nicht die Rückschläge, die Frustrationen und die Tobsuchtsanfälle dieser Schulkinder, sondern er fokussiert sich auf die erzielten Lernerfolge. Nach und nach verbessert sich die Kommunikationsfähigkeit, und es kommt zu sozialen Annäherungen, die zu Beginn des Schuljahrs noch undenkbar scheinen. Die problematischeren Aspekte verlagert Melgar in die mitgehörten Dialoge unter den Eltern und den Fachpersonen: Hier wird gesagt, was die Bilder nicht zeigen. Dabei ist es die grösste Qualität des Films, dass Melgar den Alltag und nicht das Drama abbildet: So gelingt ihm einmal mehr ein Film, der auf diskrete Weise Mut macht zum Miteinander – gerade unter erschwerten Bedingungen. (GW)   «À l’école des philosophes» Do 25. 1., 17.30 Uhr (Eröffnung), Mo 29. 1., 14.45 Uhr, Landhaus.

Filmkritik «À l’école des philosophes»

Die Herausforderung ist nicht zuletzt moralischer Natur: Wer eine Handvoll unterschiedlich behinderte Kleinkinder für einen Dokumentarfilm begleitet, darf nie vergessen, dass diese Kinder nicht in der Lage sind, ihre Einwilligung zum Projekt auszudrücken. Vor jeglicher dramaturgischen Entscheidung muss der Respekt vor dem Wesen stehen. Fernand Melgar hat daher einen klaren Ansatz gewählt: Er zeigt nicht die Rückschläge, die Frustrationen und die Tobsuchtsanfälle dieser Schulkinder, sondern er fokussiert sich auf die erzielten Lernerfolge. Nach und nach verbessert sich die Kommunikationsfähigkeit, und es kommt zu sozialen Annäherungen, die zu Beginn des Schuljahrs noch undenkbar scheinen. Die problematischeren Aspekte verlagert Melgar in die mitgehörten Dialoge unter den Eltern und den Fachpersonen: Hier wird gesagt, was die Bilder nicht zeigen. Dabei ist es die grösste Qualität des Films, dass Melgar den Alltag und nicht das Drama abbildet: So gelingt ihm einmal mehr ein Film, der auf diskrete Weise Mut macht zum Miteinander – gerade unter erschwerten Bedingungen. (GW)   «À l’école des philosophes» Do 25. 1., 17.30 Uhr (Eröffnung), Mo 29. 1., 14.45 Uhr, Landhaus.

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