Solothurner Filmtage

Filme über die dunkle Seite der Alpen

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So kennt man die Bergwelt nicht: In Solothurn laufen Schweizer Filme über schiessende Hirten, plündernde Kriegsrückkehrer und psychedelische Alpenmärchen.

Das Engadiner Dorf steht leer, und es ist staubig. Die Kamera schwenkt langsam über die verlassene Strasse hin zu den Fassaden von Häusern, die vertraut bemalt sind und doch fremd wirken. Mitten in der öden Szenerie steht ein Rückkehrer. Schnauz, blondes Haar, misstrauischer Blick. Spiel mir das Lied vom Tod in den Alpen.

Der Film «Das Blut an den Lippen des Liebenden» des Schweizer Regisseurs Christian Schocher spielt in Pontresina. Pontresina ist Klischee-Oberengadin. Doch das Pontresina im Film aus dem Jahre 1978 ähnelt eher einer Frontier-Stadt im amerikanischen Alten Westen und die Art der Inszenierung einem Spaghetti-Western von Sergio Leone.

Vor 38 Jahren feierte der Film an den Solothurner Filmtagen Premiere. Die Reaktion des Publikums war vernichtend. Gellende Pfiffe. In den späten 70er-Jahren dürstete der Zeitgeist nach politisch-ambitionierten Werken. Schochers reduzierte Ästhetik lag da quer in der Landschaft. Nun gibt es einen zweiten Anlauf. Sein Film ist Teil der Reihe «Berg-Experimente» an den Solothurner Filmtagen. Der Name ist Programm. Fünf experimentelle Filme über die Berge. Fünf Antithesen zum Bergklischee. Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage, sagt: «Wir haben bewusst Filme gesucht, die mit dem Mythos der Berge als Sinnbild von Nationalstolz brechen.» Also weg von Heidi, weg von Schellen-Ursli, hin zu avantgardistischen Formen des AlpenKinos.

Und die gibt es: Ab den 70er-Jahren begannen sich Filmemacher wie Christian Schocher oder Hans-Jakob Siber mit den Bergen zu beschäftigen, ohne sich auf den vom Landigeist plattgetretenen Pfaden zu bewegen. Siber inszenierte mit «Die Sage vom alten Hirten Xeudi und seinem Freund Reiman» eine Rockoper, die auf einer abgelegenen Alp spielt. Der dialogfreie Film wird von psychedelischer Rockmusik der Band «The Mandrake Memorial» begleitet. Die Alpenlandschaft verwandelt sich in eine kaleidoskopische Kulisse für Trips auf bewusstseinserweiternden Drogen.

Sowohl «Das Blut an den Lippen des Liebenden» wie auch «Die Sage vom alten Hirten Xeudi und seinem Freund Reiman» sind visuell ungewohnte Erlebnisse. Und dadurch auch ein wenig anstrengend. Die Irritationen sind laut Rohner gewollt. «Im Gegensatz zu klassischen Heimatfilmen haben sie alle was Schräges; vom Thema her, aber auch in ihrer Machart.»

Dem breiten Publikum sind diese experimentellen Alpen-Filme wenig bekannt. Doch sie bereiteten den Weg. Rohrer glaubt denn auch nicht, dass das Publikum nur an der heilen Bergwelt interessiert ist: «‹Höhenfeuer› (1985) ist heute noch einer der beliebtesten Filme, obwohl Fredi Murer eine Inzest-Geschichte erzählt und in den Einstellungen allen Bergen absichtlich und ausnahmslos die Spitzen abgeschnitten hat.» Auch in der Oscar-prämierten «Reise der Hoffnung» (1990) verzichtet Xavier Koller auf Folklore und nutzt die Alpen als Kulisse für ein Flüchtlingsdrama. Dieses Jahr zeigen die Solothurner Filmtage mit «Z Bärg» einen Dokumentarfilm, der ein ungeschminktes Bild des Älplerlebens zeigt. Es gibt sie auch im Kino, die dunkle Seite der Alpen.

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