Frau Christine Repond, die Hauptfigur Sascha in ihrem Erstling «Silberwald» ist vaterlos, ohne Lehrstelle, kifft, spielt Ballerspiele und lebt imEmmental. Sind das die Ingredienzien für ein Abdriften in die rechtsradikale Szene?

Christine Repond: Nein. Das würde ich so nicht sagen. In meinem Film geht es um die Suche nach Anerkennung. Ich thematisiere den Rechtsextremismus, weil

er im Emmental stattfindet. Es braucht bestimmte Voraussetzungen, die einen Absturz begünstigen. Keinen Job, fehlende Anerkennung im zwischenmenschlichen Bereich, im Beruf, in der Schule – da kann man das Ziel schnell mal aus den Augen verlieren.

Was genau findet Sascha in der rechtsradikalen Szene, das ihm inseinem «normalen» Leben verwehrt bleibt?

Ebendiese Anerkennung. Stolz. Er gehört dazu, fühlt sich erwachsen – das glaubt er zumindest.

Woher nahmen Sie den Stoff für die Geschichte?

Ich bin am Rand des Emmentals aufgewachsen und habe meine eigenen Erfahrungen mit dem Rechtsextremismusgemacht – Burgdorf und Langenthal sind Hochburgen dieser Szene. Noch mehr als das hat mich aber die Fremdenangst im Allgemeinen interessiert. Eine Angst, die im Emmental latent vorhanden ist. Ich wollte herausfinden, welche Gründe dazu führen, dass sich ein unpolitischer Jugendlicher mit fremdenfeindlichem Gedankengut anfreundet.

Können Sie sich erklären, weshalbdie rechtsradikale Szene gerade im Emmental relativ gross ist?

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Ländliche, Idyllische die Fremdenangst begünstigt. Interessant ist, dass die Fremdenangst dort am grössten ist, wo es am wenigsten Fremde hat. Man hegt in einer solchen Gegend eher das Bedürfnis, die Idylle schützen zu wollen. Ein Mädchen aus dem Tal sagte mir beispielsweise, sie wolle nie in die Stadt ziehen, weil es dort so hässlich nach Benzin stinke. Das sind doch sehr idyllische Vorstellungen des Lebens.

Sie stellen die Menschen im Emmental als Hinterwäldler dar; als SVP-Polterer, die sich vor allem fürchten, was irgendwie fremd ist...

Hinterwäldlerisch? Es ist gefährlich, wenn ich das Emmental als hinterwäldlerisch bezeichnen würde. Die Gesellschaft im Tal setzt sich aus verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Gesinnungen zusammen. Es gibt durchaus Leute, die aufgeschlossen sind und differenziert denken.

Das Emmental scheint der eigentliche Hauptakteur in Ihrer Geschichte zu sein. Doch vom sommerlichen Post-kartenidyll ist in Ihrem Film nichts zusehen.

Weil ich das Emmental eben sehr gut kenne und auch in tristen Momenten erlebt habe. Ich wollte diese Ambivalenz zeigen, dass das Emmental im Sommer idyllisch, im Winter aber kalt und abstossend wirkt.

Was hat den Ausschlag gegeben,in Ihrem Erstling ausschliesslichmit Laiendarstellern zu arbeiten?

Ich habe bereits zwei Dokumentarfilme gemacht. Ich empfinde die Arbeit mit «echten» Menschen als sehr spannend. Mir geht es um ein Abbild der Realität, dem ich mit Laien viel näher komme als mit richtigen Schauspielern. Dadurch gestaltete sich das Casting zwar sehr zeitintensiv. Doch es hat sich gelohnt, denn die Jungs haben vor der Kamera wie Profis agiert.