Filmtage
Fernand Melgar: «Wir sind dank Imigranten so reich geworden»

Fernand Melgar zeigt mit «Le monde est comme ça» den Anschlussfilm zum gefeierten «Vol spécial». Der Filmemacher sagt im Gespräch mit der »Nordwestschweiz», welche unrühmliche Rolle das Bundesamt für Migration bei einer Filmfigur gespielt hat.

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Regisseur Fernand Melgar

Regisseur Fernand Melgar

Keystone

Herr Melgar, Sie haben mit zu «Le monde est comme ça» einen Nachzug zu ihrem preisgekrönten Dokfilm «Vol spécial» gemacht. Das lag irgendwie auf der Hand.

Ja, wir wollten wissen, wie es weitergeht. Wir haben «Le monde est comme ça» eigentlichen als Zusatz für die DVD und fürs Internet gedacht. Arte hat dann entschieden, den Film am Fernsehen zu zeigen. Und hier in Solothurn ist er nun sogar im Kino zu sehen. Das war ursprünglich nicht die Absicht. Aber es ist schon so: Ich lasse die Themen, die mich einmal gefangen haben, einfach nicht so schnell los. Das Asylthema und vor allem die Ausschaffung von Menschen ist so ein Thema.

Wenn man das Schicksal der Ausgeschafften in ihrem Film betrachtet, könnte man auch zum Schluss kommen, dass die Ausschaffungen so schlimm nicht waren, mit Ausnahme von Geodry wurde keiner bis heute im Heimatland verfolgt.

Das mag auf den ersten Blick tatsächlich so erscheinen. Darum geht es mir aber nicht. Zwei der Ausgeschafften sind Familienväter. Diese dürfen den Schengenraum und damit die Schweiz für zehn Jahre nicht mehr betreten. Seine Kinder nicht sehen zu können, das ist unmenschlich und widerspricht dem Schweizer Grundgesetz. Dort ist unter Punkt 9 das Recht auf eine Familie garantiert. Das wird hier mir Füssen getreten. Das Bundesamt für Migration stellt sich auf den Standpunkt, mit Telefonanrufen sei das sicher gestellt. Das macht mich wütend.

Geodry wurde in Kamerun nach seiner Rückkehr inhaftiert und gefoltert. Was ist passiert? Hat das Bundesamt für Migration die Situation falsch eingeschätzt?

Falsch eingeschätzt? Das weiss ich nicht. Was ich aber weiss, ist, dass BFM einen verheerenden Fehler gemacht hat. Es hat den Behörden in Kamerun den Asylantrag zugestellt. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen die Geheimhaltung, die die Schweiz Asylbewerbern zusichert.

Wie konnte das geschehen?

Das Bundesamt für Migration hat Fehler gemacht. Das hat das Amt inzwischen auch eingestanden. Ich habe, sobald ich von der Verhaftung erfahren habe, Simonetta Sommaruga informiert. Sie hat mir bei einem öffentlichen Gespräch in Biel versichert, sich persönlich zu engagieren. Das hat sie auch getan. Das BFM dagegen hat eine ziemlich triste Rolle gespielt. Es hat zunächst mich verdächtig, die Unterlagen geliefert zu haben. Sie haben auch behauptet, die von uns als Beweis gelieferten Kopien seien falsch. Erst eine interne Untersuchung hat dann ergeben, dass der Fehler beim Amt selbst passiert ist. Das ist wirklich schwerwiegend.

Die Schweiz kann aber nicht alle Asylbewerber aufnehmen.

Ich bin einverstanden: Die Schweiz ist klein. Man kann aber nicht derart egoistisch handeln und denken. Wir führen heute einen legalistischen Krieg. Wir handhaben das Asylwesen so, weil die Gesetze so sind. Ich frage aber: Kann es gesetzlich rechtens sein, Väter von ihren Kindern zu trennen? Und ich komme zum Schluss, dass die Gesetze nicht gut sind, also muss man sie ändern und nicht die Menschen. Wir sollten uns auch unserer Geschichte erinnern. Vor 150 Jahren war die Schweiz eines der ärmsten Länder in Europa. Wieso sind wir so reich geworden? Dank Imigranten. Weil die armen Freiburger und Walliser ausgewandert sind. Aus Frankreich sind die Hugenotten gekommen und haben die Uhren- und die Bankenindustrie begründet. Allein in Genf sind damals 50000 Hugenotten angekommen. Man stelle sich das heute mal vor.

Begleiten Sie die Personen aus «Vol spécial» filmisch weiter?

Für den Moment nicht, ich schliesse aber nicht aus, dass ich das wieder tun werde.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Ich bereite einen Film über arbeitslose Europäer vor, die in die Schweiz kommen, weil sie ihren Heimatländern keine Perspektiven mehr haben. Das sind Leute aus Spanien, Portugal, Griechenland, aus anderen Ländern. In Lausanne und auch in anderen Städten gibt es inzwischen viele davon. Sie haben keine feste Wohnung, leben in prekären Verhältnissen. Wegweisen kann sie die Schweiz nicht, weil sie Europäer sind. Die Stadt Lausanne versucht zwar alles, ihnen das Dasein zu erschweren. Das interessiert mich. Über sie will ich ein Porträt machen. (rsn)

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