Fantoche

Fantoche: Politische Filme wollen nicht politisieren

Jonas Raeber kommentiert in seinem Kurzfilm «Hoffen auf bessere Zeiten» die Schweizer Waffenindustrie mit klaren Worten: Blut hält das Geschäft am Laufen.

Jonas Raeber kommentiert in seinem Kurzfilm «Hoffen auf bessere Zeiten» die Schweizer Waffenindustrie mit klaren Worten: Blut hält das Geschäft am Laufen.

Am Animationsfilmfestival Fantoche, das noch bis Sonntag in der Stadt Baden läuft, ist neben Japan der Krieg Themenschwerpunkt. Die Erklärung dafür liegt in der Vergangenheit der Bäderstadt.

Die Stadt Baden sendet momentan ein riesiges Peace-Zeichen in die Welt. Das historische Museum eröffnet am Sonntag die Sonderausstellung «Frieden verhandeln», der Kunstraum Baden lädt in die «Warzone Peace» ein und zu guter Letzt zeigt das Animationsfilmfestival Fantoche mehrere Filmblöcke zum Thema «Krieg und Frieden».

Was ist dort los? Die Erklärung liegt in der Vergangenheit. Vor 300 Jahren fanden in Baden Friedensverhandlungen zwischen mehreren europäischen Mächten statt.

Film stoppt Krieg?

Am Mittwochabend liefen am Fantoche die ersten animierten Anti-Kriegs-Filme über die Leinwand. Während die Zuschauer im Kino sassen, dauerten die brutalen Auseinandersetzungen im Irak, in Syrien und der Ukraine an. Dem Zyniker drängt sich der Kommentar auf: Eine wahre Heldentat, im bequemen Sessel zu sitzen. So finden die Kriege sicherlich bald ein Ende!

Halt, nein, so weit darf man nicht gehen, meint der Animationsfilmemacher Jonas Raeber. Der 46-jährige Schweizer drehte selbst zwei Filme, die das Militär und den Waffenexport kritisieren. «Was meine Filme politisch bewirken, kann ich nicht planen, und das ist auch nicht meine erste Intention. Ich möchte Filme machen, die inhaltlich nachhaltig sind.»

Politisch Stellung zu nehmen, ist für den Mitbegründer des Trickfilmstudios SWAMP eine Selbstverständlichkeit: «Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich zu einem Thema Position eingenommen und damit meine Pflicht als Bürger erfüllt habe.» Nicht der Idealismus treibt die politischen Filmemacher an. Eher verarbeiten Vertreter des Autorenkinos Themen, die sie beschäftigen, seien diese politischer oder philosophischer Art. Eine weitere Motivation verraten die Filme der Fantoche-Reihe «Frieden statt Krieg!». Am Krieg lässt sich wunderbar grausam das Wesen des Menschen ergründen.

(Quelle: youtube/swampAnimation)

Patt (stalemate) - Animationsfilm von Jonas Raeber

Die aktuellen Antikriegsfilme machen klar: Der Krieg steht den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen nach Liebe und sinnvoller Arbeit konträr gegenüber. Im französischen Animationsfilm «Trois petits points» wartet eine junge Frau auf die Rückkehr ihres Mannes. Während sie die Welt mit einer grossen Nähnadel an den kaputten Stellen wieder zusammenflickt, zerschneidet der Soldat die Fäden mit einer grossen Schere. Der in Pastellrosa und Braun gehaltene 3-D-Film macht deutlich: Der Krieg zerstört, und zwar sinnlos.

In die gleiche Kerbe schlägt «Konflikt», der 1983 in der UdSSR entstanden ist. Statt Menschen bekriegen sich darin Streichhölzer. Der Kampf endet damit, dass schlussendlich alle in Feuer aufgehen. Wofür? Darauf formuliert «Rhapsodeus» eine Antwort. Für nichts. Der italienische Regisseur Bruno Bozetto zeigt die Menschheitsgeschichte als Abfolge von Schlachten. Alle Kriegsparteien jagen einer nicht zu fassenden Leuchtkugel hinterher. Sobald ein Volk diese aber besitzt, löst sie sich in Luft auf.

Neben philosophischen Diagnosen widmet sich «Bully Beef» der belgischen Regisseurin Wendy Morris einem konkreten historischen Konflikt: der Ausbeutung des Kongos durch das damalige Königreich Belgien und verschiedene andere europäische Mächte. Die in Namibia geborene Künstlerin vergleicht in ihrem grau-schwarzen Film die Situation im Kongo mit dem 1914 stattgefundenen Überfall von Deutschland auf Belgien. Die Intention sei die gleiche gewesen. Wofür Deutschland kritisiert wurde, das haben die europäischen Mächte im Kongo toleriert. «Bully Beef» führt vor Augen, was auch heute noch politisch relevant ist. Die europäischen Friedensbemühungen machen Halt an den eigenen Grenzen, wenn das wirtschaftliche Eigeninteresse stärker wiegt.

Zur Diskussion anregen

Auch der Trickfilmmacher Jonas Raeber macht keine abstrakten Aussagen, sondern behandelt gesellschaftliche Realitäten. Obwohl 1993 entstanden, hält er seinen Kurzfilm «Hoffen auf bessere Zeiten» immer noch für relevant: «Die Schweizer Waffenhersteller freuen sich über die momentanen Kriege, da die allgemeine Aufrüstung für Gewinn sorgt.» Im Bereich Waffenexporte habe sich in den letzten zehn Jahren nichts verändert. Vielleicht weil das kulturinteressierte Publikum eh schon gleicher Meinung ist? Jonas Raeber erwidert: «Ich versuche das Filmfestivalpublikum, wo meine Werke hauptsächlich zu sehen sind, auch zu irritieren. Am meisten Reaktionen erhalte ich, wenn Medien über mich berichten. Dann bekomme ich zuweilen entsetzte Briefe.»

Erfreulicher seien Reaktionen wie die einer Pfarrei auf den Film «Credo», in welchem Raeber seinen Kirchenaustritt erklärt. Die Kirchgemeinde habe ihn zu einem Diskussionsabend eingeladen. «Wenn ich eine Diskussion auslöse, habe ich mein Ziel erreicht. Die Gespräche zeigen, dass die Ansichten oft weniger schwarz-weiss sind.» Jonas Raebers Filme sind am Samstag und Sonntag im Themenblock «Schweizer Kriegsbilder» zu sehen.

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