Animationsfilmfestival

Fantoche: animierte Dokumentarfilme, die unter die Haut gehen

Trailer zu «The Prodigies» von Antoine Charreyron

Trailer zu «The Prodigies» von Antoine Charreyron

Kino Trafo 2: Mi 20:45h, Trafo 1: Fr 22:45h, Kino Trafo 2: Sa 14:00h

Das Animationsfilmfestival Fantoche in Baden hat sich mittlerweile als eines der grossen Festivals seiner Art etabliert. Die diesjährige Ausgabe widmet sich den animierten Dokumentarfilmen. Es ist damit politischer und näher am Puls der Zeit.

Silvan Rüssli, kaufmännischer Leiter des Fantoche, gibt sich selbstbewusst: «Wir erwarten, dass wir den letztjährigen Publikumsrekord von 33000 Besucherinnen und Besuchern toppen und 35000 Eintritte erreichen.» Nicht nur die Zuschauerränge, sondern auch das Programm platzt aus allen Nähten: Nicht weniger als 12 Lang- und 205 Kurzfilme - davon 70 Wettberwerbsbeiträge - werden gezeigt. Knapp tausend Filme wurden eingereicht.

«In diesem Genre sind die Kurzfilme noch immer die Regel und die Langfilme eine Seltenheit», sagt Luzia Davi, Pressesprecherin des Fantoche. Dies darum, weil die Produktion in der Regel nicht nur aufwändig, sondern auch teuer sei, was für ein kleines Team, das keinerlei Unterstützung von grossen Studios geniesse, sich nur schwer leisten könne.

Festival Trailer Fantoche Baden 2011

Festival Trailer Fantoche Baden 2011

Schwerpunkt animierte Dokumentarfilme

Mit «AniDoc» liegt der Schwerpunkt dieses Jahr auf den animierten Dokumentarfilmen und besteht aus 5 Kurzfilmblöcken und 4 Langfilmen. Damit klinkt sich das Festival in die aktuelle Diskussion um den Objektivitätsgehalt von dokumentarischen Bildern ein. Gilt der Animationsfilm doch als Brutstätte von Fantasie, Subjektivität und unendlicher Gestaltungsfreiheit, stellt sich die Frage, ob er ebenso mit dem, was wir Wirklichkeit nennen, auftrumpfen kann.

Einige wenige Beispiele zeigen, dass der animierte Dokumentarfilm, um die Realität abzubilden, nicht zwingend die Realität kopieren muss. Es liegt vielmehr in der Natur des Dokumentarfilms, dass er eine subjektive Realität abbildet und diese getrost überzeichnen und also verändern kann mit den mannigfaltigen Möglichkeiten der Animation.

Keine Frage; der animierte Dokumentarfilm überschreitet Grenzen, definiert sie neu. Wann ist etwas fiktiv und nicht mehr Realität? Welche Form eignet sich zur Dokumentation welches Inhalts? Diesen und anderen Fragen widmet sich das Festival mit zahlreichen Diskussionen, beispielsweise mit Bella Honess Roe und Shira Avni (beides Filmtheoretiker) oder Dennis Tupicoff, Samantha Moore, Rokhsareh Ghaemmaghami (alles Regisseure) teil.

«Waltz with Bashir» als Wegbereiter

Das berühmteste Beispiel der Schwerpunktfilme ist sicherlich «Waltz with Bashir» von Ari Folman (2008). Der César- und Golden Globe-Gewinner ist zusammen mit «Persepolis» so etwas wie der Wegbereiter der animierten, subjektiven Dokumantarfilme. Foleman zeigte seine Erlebnisse als israelischer Soldat im Libanonkrieg schonungslos. Auch Marjane Satrapis erzählt in «Persepolis» (2007) in autobiografischer Manier ihre Erfahrungen während und nach der Islamischen Revolution.

«Waltz With Bashir» von Ari Folman, diese Jahr unter anderem am Fantoche zu sehen.

«Waltz With Bashir» von Ari Folman, diese Jahr unter anderem am Fantoche zu sehen.

Kino Trafo 4: Do 20:45, Kino Orient: Fr 18:30, Kino Trafo 4: Sa 22:45

«Persepolis» von Marjane Satrapi

«Persepolis» von Marjane Satrapi

Kino Trafo 4: Mi 20:45, Trafo 5: Fr 12:00, Kino Orient: Sa 18:30


Auffällig viele animierte Dokumentationen beschäftigen sich mit gewalttätigen Umwälzungen in der arabischen Welt. «Waltz with Bashir», «Persepolis», «the Green Wave» sind nur einige Beispiele, weitere werden mit hoher Wahrscheinlichkeit folgen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Wo die Kamera verboten und von der Zensur blind geworden ist, muss die Fiktion überbrücken. Nur damit können Dinge gezeigt werden, die nicht gezeigt werden dürfen.

Unpathetische Filme

Man darf gespannt sein, was in den nächsten Jahren aus Ländern wie Ägypten, Libyen oder Tunesien kommen wird. Doch ist die Animation bei weitem nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern vielmehr die Tugend in der Not. In den letzten Jahren entwickelten und kultivierten animierte Dokumentarfilme eine Ästhetik, die vermehrt auch in unseren Lichtspieltheatern Eingang findet.

Basierend auf der Tatsache, dass der Zuschauer - selbst wenn er will - keinesfalls neutral sein kann, wollen es diese Filme ebenfalls nicht sein. Sie wollen aufwühlen, sensibilisieren, geradezu zum Denken zwingen. Im Idealfall stellen sie sich wie herkömmliche Dokumentarfilme genauso in den Dienst ihres Inhalts, ohne sich zu versteigen in dumpfer Indoktrination. Im Falle von Folemans «Waltz with Bashir» und «Persepolis» sind die Filme denn auch gänzlich unpathetisch, ja rot- beziehungsweise blutgetränkt vor lauter Realität.

Fiktion überbrückt fehlende Bilder

Einer der Höhepunkt des Festivals ist «the Green Wave» des iranischen Regisseurs Ali Samadi Ahadi, der zeigt, wie die anfangs hoffnungsvolle, «grüne» Revolution im Iran 2009 sukzessive in ein tiefrotes Blutbad mündete und in den finstersten Schattierungen endete. Die Mischung aus Realfilm, Animation, Fernseh-Beiträgen, Interviews, Handyfilmen, Webdokumentation und Blog-Einträgen konnte der Zensur entgehen, in dem sie in Deutschland produziert wurde. Das folglich fehlende Material wurde überbrückt durch Fiktion.

Der Trailer zu «The Green Wave» des iranischen Regisseurs Ali Samadi Ahadi

Der Trailer zu «The Green Wave» des iranischen Regisseurs Ali Samadi Ahadi

Kino Orient: Mi 18:30, Kino Trafo 4: Fr 14:00, Sa 20:45

Mit «Tatsumi» zeigt Eric Khoo eine poetische Hommage an den japanischen Zeichner Yoshihiro Tatsumi, die ganz nahe an der Hauptperson bleibt. Gezeigt wird das Leben und Werk eines Künstlers, der nicht nur den japanischen Comic prägte, sondern auch ein scharfsinniger und nüchterner Beobachter des Menschen und des Menschseins ist.

Ausschnitt aus «Tatsumi» von Eric Khoo

Ausschnitt aus «Tatsumi» von Eric Khoo

Kino Orient: Mi 20:45, Kino Trafo 4: Fr 20:45, Kino Orient: So 14:00

Schweizer Produktion Ende Jahr feritggestellt

Aber auch in der Schweiz wird animiert Dokumentiert: So stecken gleich zwei Schweizer Studios in der Produktion von derartigen Filmen. Nadasdy Film aus Genf ist mit dem Langfilm «Approved for Adoption», der sich mit dem koreanischen Comic-Zeichners Jung auseinandersetzt, beschäftigt. Währenddem werden die Zwillingsbrüder Sam und Fred Guillaume - bekannt geworden durch «Max & Co» und dieses Jahr zu Gast am Fantoche - die Arbeiten an «La nuit de l'Ours» Ende Jahr abschliessen.

Einen weiteren Fokus richtet das Fantoche dieses Jahr auf das Game-Design, den Bruder des Animationsfilms. Zusammen mit Pro Helvetia, dem Bundesamt für Kultur und der Suisa lancierte Fantoche 2010 eine Ausschreibung für «neue, innovative und ästhetisch herausragende Schweizer Computerspiele». Diese Jahr werden nun die Preisträger gekürt.

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