Mythos

Explosive These: Hat Lincoln den Bürgerkrieg bewusst verlängert?

Daniel Day Lewis als Lincoln im Film von Stefen Spielberg

Daniel Day Lewis als Lincoln im Film von Stefen Spielberg

Steven Spielberg stellt das Ende der Sklaverei in Amerika ins Zentrum seines 149-minütigen Kinofilms «Lincoln». Spielberg präsentiert dabei eine explosive These: Lincoln habe den Bürgerkrieg verlängert, um sein hehres Ziel ins Trockene zu bringen.

Abraham Lincoln wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Kentucky auf und brachte es als Autodidakt zum erfolgreichen Anwalt in Springfield, Illinois. 1860 gewann «Honest Abe», der absolut integre und zuverlässige Republikaner, die Präsidentschaftswahl. Bei Amtsantritt im März 1861 appellierte Lincoln an die Südstaatler: «Wir sind keine Feinde, sondern Freunde.» Vergebens. Einen Monat später begann der Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd. Am 9. April 1865 war der erste moderne, totale Krieg mit über 600000 Toten zu Ende; fünf Tage später wurde Lincoln bei einem Theaterbesuch kaltblütig erschossen. Das tragische Ende befeuerte den Mythos.

Hat Lincoln den Krieg verlängert?

Steven Spielberg stellt das Ende der Sklaverei in Amerika ins Zentrum seines 149-minütigen Kinofilms «Lincoln». Am Beispiel eines einzigen Monats präsentiert er seine Sicht auf den 16. Präsidenten. Im Januar 1865 forcierte Lincoln die Abstimmung im Repräsentantenhaus über das 13. Amendment, einen Verfassungszusatz, der die Sklaverei in den USA verbot. Lincolns Republikaner brauchen die Stimmen von 20 Abweichlern unter den demokratischen Abgeordneten.

Quelle: youtube/KinoCheck

Trailer zum Film Lincoln von Steven Spielberg

Spielberg verknüpft die hitzigen Debatten auf dem Capitol Hill von Anfang 1865 mit dem sich zu Ende neigenden Bürgerkrieg. Er avanciert dabei eine explosive historische These: Präsident Lincoln und sein Aussenminister William H. Seward hätten geheime Friedensverhandlungen mit hochrangigen Vertretern der Südstaaten sabotiert, damit die auf den 31. Januar 1865 angesetzte Abstimmung im Repräsentantenhaus über die endgültige Abschaffung der Sklaverei über die Bühne gehen konnte, solange der Krieg noch nicht beendet war. Denn nach einem Frieden zwischen Nord und Süd, so impliziert der Spielfilm, hätten die Abgeordneten dem Ende der Sklaverei nicht mehr zugestimmt.

Diese Hollywood-These – die übrigens nicht dem hochgelobten Buch «Team of Rivals» der Historikerin Doris Kearns Goodwin entnommen ist, auf dem das Drehbuch weitgehend beruht – ist ungeheuerlich: Lincoln habe den Bürgerkrieg verlängert, um im Kongress sein hehres Ziel ins Trockene zu bringen – die Abschaffung der Sklaverei. Die Dramatik des Kinofilms lebt von dem (vermeintlichen) Rennen gegen die Zeit: Die geheimen Verhandlungen zwischen Nord und Süd durften nicht vor dem 31. Januar 1865 zum Durchbruch führen.

Diese Behauptung ist aber schlicht Unsinn. Denn im November 1864 war nicht nur Lincoln klar für eine zweite Amtszeit wiedergewählt worden, sondern Lincolns Republikaner hatten auch im Repräsentantenhaus viele Sitze gewonnen. Mit ihrer Zweidrittelmehrheit hätten die Republikaner das 13. Amendment ab März 1865 problemlos verabschieden können. Präsident Lincoln war keineswegs unter Zugzwang.

Der Hollywoodstreifen behauptet zudem, Lincoln habe Angst gehabt, dass die Südstaaten, sobald sie nach Kriegsende wieder offiziell Teil der USA sein würden, das 13. Amendment nicht ratifizieren würden. Doch auch diese Gefahr bestand in Wirklichkeit nie: Denn Lincoln hatte darauf bestanden, dass die Südstaaten nach Kriegsende neue Regierungen formieren müssten. Louisiana, Tennessee und Virginia hatten zu diesem Zeitpunkt bereits neue Regierungen gewählt, welche die Sklaverei abschafften.

Die Geheimgespräche des einflussreichen Republikaners Preston Blair in Richmond tief im südlichen Feindesland fanden tatsächlich im Januar 1865 statt und sie führten drei Tage nach der Annahme des 13. Amendement im Kongress auch zu einem Treffen von Lincoln mit hochrangigen Südstaatlern. Diese Friedensfühler brachten jedoch den gewünschten Frieden noch nicht.

Ex-Sklaven kämpfen für Norden

Doch nicht nur die zentrale Dramaturgie ist historisch inakkurat, sondern auch das vorgegaukelte Gesamtbild von Lincoln, dem «grossen Sklaven-Befreier». Historiker Eric Foner, dessen Studie über Lincoln und die Sklavenfrage 2011 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, kritisiert, dass Lincoln nicht die treibende Kraft hinter dem 13. Amendment gewesen sei. Noch im Juni 1864 hatte er diesen Verfassungszusatz sogar abgelehnt. Lincoln war die Einheit der Union immer wichtiger als das Ende der Sklaverei. Er war kein Verfechter von Rassengleichheit.

Die Befreiung der Sklaven war für ihn vor allem eine Militärstrategie – denn die Sklaven aus dem Süden liefen scharenweise zum Norden über und kämpften dann gegen die Sezessionisten. Die Armee spielte in der Emanzipierung der Sklaven die Hauptrolle – und das wäre toller Stoff für eine Hollywood-Verfilmung.

Meistgesehen

Artboard 1