Draussen vor dem schweren Eisentor herrscht Bürgerkrieg. Doch dahinter, im Schatten der Bäume, ist die Welt noch einigermassen in Ordnung. Hier im Mädchenpensionat von Martha Farnsworth (Nicole Kidman) werden ein paar wenige Schülerinnen, die im Kriegswirrwarr noch übrig geblieben sind, weiter unterrichtet. Die vermeintliche Idylle wird gestört, als eine Schülerin beim Pilze-Suchen einen verwundeten Kriegsdeserteur auffindet.

Die frommen Frauen beschliessen, Corporal McBurney (Colin Farrell) von der Feindes-Armee aufzunehmen und gesundzupflegen. Die Anwesenheit des attraktiven Mannes weckt in Martha verdrängte Lust, in der Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst) romantische Hoffnungen und in der fast erwachsenen Schülerin Alicia (Elle Fanning) den Ehrgeiz, ihre weiblichen Reize in der Praxis zu testen. McBurney nutzt den Effekt, den er auf die isolierten Frauen verschiedensten Alters hat, für seine Zwecke – mit fatalen Folgen.

Basierend auf dem Roman «The Painted Devil» von Thomas B. Cullinan, kam der Gothic-Thriller «The Beguiled» («Die Verführten») 1971 zum ersten Mal ins Kino – mit Clint Eastwood als Soldat und Geraldine Page als Pensionats-Leiterin. Sofia Coppola hat dem Original nun die angespannte Dringlichkeit entzogen, die unterschwellig brodelnde Geschichte langsam sämig gegärt — und die Erzählperspektive verschoben.

«Ihre Filme sind ultra-weiblich»

«All ihre Filme sind ultra-weiblich», erklärt Nicole Kidman im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». «Aber nicht nur das: Sie hat einen eigenen Stil, was wir von wenigen Regisseurinnen sagen können. Sie kreiert ihre ganz spezielle Atmosphäre mit einfachen Bildern, hypnotisierender Erzählweise und schrägem Humor.»

Für «The Beguiled» wählte Coppola einen Look wie für ein Hochglanz-Magazin-Foto-Shooting: Spärliches Natur- oder Kerzenlicht erleuchtet bleiche, perfekt positionierte Protagonistinnen in weissen, einengenden Jungfrauen-Kostümen, die trotz der Hitze offenbar schweiss-resistent sind. Erzählerisch ist es aber Coppolas zugänglichster Film, im Gegensatz zu «Lost in Translation» oder «Marie Antoinette», die vor allem von ihrer Stimmung lebten.

Im Mai wurde der Film mit dem Preis für die Beste Regie in Cannes ausgezeichnet: «Es war eine grosse Überraschung», erinnert sich Sofia Coppola. Als ihr Name im Palais verlesen wurde, war sie gerade nichtsahnend mit den Kindern auf einem Jahrmarkt in New York. «Ich habe eine besonders sentimentale Beziehung zu Cannes», sagt die Regisseurin, ihre Stimme wie meistens kaum über den Flüsterton anhebend. «Ich feierte meinen achten Geburtstag auf der Croisette, als mein Vater (Francis Ford Coppola, Anm. d. Red.) ‹Apocalypse Now› dort präsentierte. Und ich zeigte meinen ersten Film ‹The Virgin Suicides› in Cannes. Er wurde gut aufgenommen und lancierte meine Karriere.»

Nicole Kidman ist stolz, diese zu unterstützen: «Wir wissen, dass Frauen gute und erfolgreiche Filme machen können.» Der nächste Schritt sei es, ihnen die Möglichkeit zu gegeben, darauf Karrieren aufzubauen — «wie die Männer das schon lange tun».

Während Kidman zum ersten Mal mit Coppola arbeitet, gibt Kirsten Dunst bereits ihren dritten und Elle Fanning ihren zweiten Auftritt unter der Regie der 46-Jährigen. «Sie war immer wie eine coole, ältere Schwester und ein Vorbild für mich», so Dunst. «Heute sind wir ebenbürtige Freundinnen.» Elle Fanning spielte mit elf Jahren schon in Coppolas «Somewhere» mit, betrachtet «The Beguiled» nun aber als eine Art Neubeginn: «Ich war gerade achtzehn geworden, und so war dies der erste Film, den ich ohne die Begleitung meiner Mutter drehte. Das war der ideale Film dafür, denn ich kannte Sofia, Nicole und Kirsten bereits und fühlte mich sicher mit ihnen.»

Bilder für sexy Kalender

Am meisten Mühe hatte Coppola, jemanden zu finden, der in Clint Eastwoods Fussstapfen treten konnte: «Ich habe ein ganzes Jahr lang verschiedenste Frauen gefragt, wen sie sexy finden. Auch die Mütter in der Schule meiner Kinder. Die Wahl fiel auf Colin Farrell, weil er Charisma und Charme hat. Und sein irischer Akzent macht ihn noch exotischer.» Dazu sei er selbstbewusst genug, Frauen das Ruder zu überlassen. Angeblich trug er es auch mit Fassung und Humor, objektiviert zu werden: «Wir standen alle um ihn herum und machten Fotos, als er Holz hackte und den Garten umschaufelte. Wir haben genug Bilder zusammen für einen sexy Kalender», lacht Elle Fanning.

Letztlich reduziert der Hahn im Korb die Südstaaten-Ladies zu bitteren Rivalinnen. Eine Message, die 2017 sicherlich mehr hinterfragt wird als noch 1971 – was Sofia Coppola aber nicht stört: «Diese Frauen leben abgeschnitten von der Welt mit ihren unterdrückten Verlangen. Ich wollte anschauen, was das mit ihnen als Menschen macht.»

Clint Eastwood hat sich übrigens zum Film noch nicht geäussert. Coppola: «Wir haben ihn an die Cannes-Premiere eingeladen, aber er war wohl schon abgereist.»

The Beguiled (USA 2017) 93 Min.
Regie: Sofia Coppola. Ab Donnerstag, 29.6. im Kino.