Yves Saint Laurents turbulentes und dramatisches Leben zu verfilmen, ist kein Pappenstiel. Es gelingt Regisseur Jalil Lespert jedoch, das reiche Modewerk des berühmten Couturiers in die packende Liebesgeschichte zweier Männer einzuflechten. Der brillante Schauspieler Pierre Niney erlaubt es, sich sofort in Yves’ Haut zu versetzen, dessen zerrissene Innenwelt zu fühlen und zu verstehen. Klug lässt Lespert nur die wichtigsten Ereignisse einfliessen, die den Charakter des 2008 im Alter von 72 Jahren verstorbenen, sensiblen Couturiers geprägt haben. Böse Zungen werfen dem Regisseur allerdings vor, er habe sich den Inhalt von Pierre Bergé diktieren lassen. Tatsächlich tritt Guillaume Gallienne in der Rolle von Saint Laurents Lebens- und Geschäftspartner als nostalgischer Erzähler auf.

(Quelle: Youtube/vipmagazin)

Trailer zu "Yves Saint Laurent"

Vom braven Jüngling zum Rebellen

Doch wer kannte den Couturier besser als der forsche, grosszügige Bergé? Deshalb lüftet der Film manches Geheimnis, ja entblösst den Couturier buchstäblich. Nur Bergé und nicht seiner Mutter erlaubte Saint Laurent den Besuch in der psychiatrischen Klinik, nachdem der Modeschöpfer in den Algerienkrieg abberufen, aber wegen eines Nervenzusammenbruchs nie eingerückt war. «Yves Saint Laurent ist manisch depressiv. Sie müssen wissen, ob sie das erdulden können», erklärt im Film der Arzt dem verliebten Partner. Wie ein Häufchen Elend am Boden kauernd, enthüllt Niney den Ursprung von Saint Laurents Qual; seine Flucht in die Mode und die Droge, seine totale Risikobereitschaft: «Sie haben mich als weiches Schwulenei beschimpft, in der Toilette grün und blau geschlagen und sie (die Mutter) hat mich nicht einmal beschützt.»

Das war im katholischen Internat der algerischen Küstenstadt Oran gewesen, damals eine französische Kolonie. Lesperts Kamera liefert durchs Band weg abwechslungsweise die erhabene Schönheit von Paris und das bunte, heisse Ambiente Nordafrikas. Denn Saint Laurent und Bergé kauften sich bald eine blaue Villa mit einem riesigen Garten in Marrakesch, wo sich der brave, scheue Jüngling zum drogensüchtigen Edelrebellen entwickelte.

«Ich möchte, dass sich die Männer von ihrer drückenden Last befreien wie es die Frauen jüngst getan haben», flüsterte dieser 1969 als 29-Jähriger, bestechlich gut aussehend im selbst entworfenen, körperbetonten, kakifarbenen Safarianzug. Ja, er hatte der Frau die Garderobe des Mannes geradezu einverleibt, sie emanzipiert.

Er entwarf für sich selbst

Doch inwieweit hat er die Männermode beeinflusst? Und schafft es der aktuelle Chefdesigner Hedi Slimane heute, dieses Erbe weiterzuspinnen? Diese Frage drängt sich auf, weil die Filmkostüme der auftretenden Männer ebenso bestechen wie die schauspielerische Leistung. Auch wenn der Film nicht auf YSL als Männermodedesigner eingeht, erteilt er dem Mann eine gründliche Lektion in Stil und Ästhetik. «Saint Laurent besass einen ganz eigenen Stil in allen Epochen», erzählt die Kostümschneiderin Madeline Fontaine. Wie ein Musterschüler im dunkelblauen Flanellanzug und dunkler Krawatte wirkt Yves Mathieu-Saint-Laurent in den 1950er-Jahren als Assistent bei Christian Dior. Zum Auftakt der Liebesgeschichte mit Pierre Bergé trägt der Scheue am Seine-Ufer einen hellgrauen Trench. Dieser von Saint Laurent 1968 in knautschigem, schokoladebraunem Leder entworfene Mantel gilt noch heute als Quintessenz der französischen Eleganz. «Er mochte praktische, aus der Berufskonfektion und der Armee stammende Kleider. Er hasste unnötigen Schnickschnack. Zuerst entwarf er für sich selbst, weil er im Handel nicht das Passende fand», erinnert sich der inzwischen 84-jährige Pierre Bergé.

Doch der Ruhm liess auf sich waren. Als Saint Laurent 1968 seine Männermode lancierte, begeisterten sich die Beatles für Pierre Cardins kragenlose, futuristische Anzüge. Die trendige «Pfauenmode» à la Jimi Hendrix kam aus London. Die neuen, hellen Anzüge stammten aus Italien. Noch trug Saint Laurent ein Outfit mit Hemd und Krawatte unter dem Pulli, das gleichzeitig formell und gelassen wirkte. Ein Stil, der Saint Laurents heutiger Designer jetzt neu lanciert. Ob sich Slimane an den Filmkostümen oder Saint Laurent selbst inspiriert, bleibt sein Geheimnis.

Fast die Hälfte von «Yves Saint Laurent» spielt in den 1970er-Jahren, während denen Saint Laurent den Mann und sich selbst zum Verführer machte. Allen anderen Couturiers einen Schritt voraus, machte der stilvolle Yves die Jeans salonfähig, schuf die androgyne Silhouette. Sein ganzer Lebensstil wurde zum Kult, den der damals flaumbärtige Superschlanke selbst inszenierte: Im Kino lief gerade die Rock-Oper «Jesus Christ Superstar», als sich der «Rockstar der Modeszene» splitternackt ablichten liess, um sein erstes Parfum für den Mann anzupreisen. Nie zuvor hatte ein Couturier selbst für sein Produkt geworben.

Die Weiblichkeit des Mannes

«Ich kleide mich ganz bei Saint Laurent ein. Er ist der Geschmack auf Erden. Er ist Mode», schrieb 1979 ein Fan im Männermodemagazin «L’Officiel Hommes». Man erträgt Lesperts gewagte Szenen mit Gruppensex, Drogenrausch oder dem in den Toiletten kotzenden Saint Laurent dank diesem feinen Geschmack. «Er wagte es als Erster, die Weiblichkeit des Mannes auszudrücken. Wie kein anderer schuf er eine elegante Nonchalance, die immer Klasse hatte», beobachtet Kostümschneiderin Madeline Fontaine. Der konservative Yves im Hahnentrittsakko hatte sich zum erotischen Edelhippie in Trompetenhosen und Jerseyhemd entfaltet, der sich die Nächte mit Mick Jagger, Paloma Picasso und Andy Warhol um die Ohren schlug. Selbst Lagerfelds Freund Jacques Bascher will den Designer verführen, was Bergé in Rage bringt. Er bedroht Bascher handgreiflich, damit er aus Yves’ Leben verschwindet. «Was immer zwischen uns geschehen ist, immer werde ich dir zur Seite stehen.» Mit diesen Worten holt Gallienne die Kinobesucher zurück in die Romantik einer tiefen Liebe.

Was die Eleganz von YSLs Mode angeht, muss Mann sich noch etwas gedulden. Slimane bringt erst nächsten Winter die ersehnte Klasse von Saint Laurents Stil zurück.

Yves Saint Laurent (F 2014) 101 Min. Regie: Jalil Lespert. Ab 10. April im Kino.