Atommüll

«Endlager-Theorie lösen sich in Luft auf, sobald man sie an der Realität überprüft»

Der Filmemacher Edgar Hagen, hier in seinem Büro in Basel, hat fünf Jahre an seinem neusten Werk «Die Reise zum sichersten Ort der Erde» gearbeitet.

Der Filmemacher Edgar Hagen, hier in seinem Büro in Basel, hat fünf Jahre an seinem neusten Werk «Die Reise zum sichersten Ort der Erde» gearbeitet.

Eine simple Frage treibt den Basler Filmregisseur Edgar Hagen (54) von Ort zu Ort: Wo ist es, das versprochene, sichere Endlager für Atommüll? Die Antwort bleibt am Ende aus. Was läuft falsch, hat ihn «Die Nordwestschweiz» im Gespräch gefragt.

Und, haben Sie den sichersten Ort der Welt gefunden?

Edgar Hagen: Das weiss ich nicht so genau. In vielen Ländern laufen dazu langwierige Verfahren, angeführt von Armadas von Wissenschaftern. Im Raum steht eine Behauptung, die lautet: Wir haben ein Problem, aber wir haben dafür eine Lösung. Ich habe mir überlegt: Was muss das für ein Ort sein, wenn man darin bis zu einer Million Jahre das gefährlichste Material, das es überhaupt gibt, aufbewahren soll? Das muss folglich der sicherste Ort sein. Für den Film habe ich Leute begleitet, die diesen Ort suchen. Auf dieser Reise sind grosse Fragezeichen dazu aufgetaucht.

Was war denn zu Beginn Ihre Absicht: War es Ihr Ziel zu zeigen, dass es einen solchen «sichersten Ort» gar nicht geben kann, oder haben Sie je daran geglaubt, einen solchen ausfindig zu machen?

Was ich mich wirklich fragte, war: Wie erzählt man diese Geschichte? Wir haben radioaktiven Abfall, der sich seit Jahrzehnten angesammelt hat. Damit die Atomkraftwerke weiter laufen können, braucht es einen Entsorgungsnachweis. Die Industrie, aber in einem zweiten Schritt auch wir als Gesellschaft, behaupten, dass die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle machbar ist. Es gibt dafür viele Beweisführungen. Aber in der Realität konkret gezeigt hat das noch niemand. Wir sind auf der Suche. Das ist der Ausgangspunkt für den Film: Ich begebe mich auf eine Expedition dahin.

Das ist das Perfide an Ihrer Herangehensweise: Sie möchten eine konkrete Lösung sehen, aber die Wissenschafter, die Sie treffen, haben erst abstrakte Lösungsideen.

Aber sie befinden sich schon lang auf dieser Ebene, und es gab schon viele Versuche, das konkret zu machen. Darum finde ich es interessant zu sagen: Zeigt mir diesen Ort mal, lass uns mal da hingehen.

Aber es ist völlig absurd, wenn all die Vertreter von Industrie und Staat behaupten, das Problem sei gelöst, ohne eine einzige konkrete, fertige Lösung zeigen zu können.

Grundsätzlich müssen all diese Organisationen und auch der Staat sagen, dass das Problem gelöst sei. Sie haben gar keine andere Chance. Dass das Problem gelöst sei, sagt man eigentlich seit 1985, seit Nuklearphysiker Charles McCombie mit seinen Leuten für die Nagra das erste «Projekt Gewähr» eingereicht hat. Das ist weltweit so. Auf dieser Basis bauen auch die Chinesen 26 bis 30 neue AKW.

Glauben diese Leute wirklich daran?

Das kann ich nicht sagen. Ebensowenig, ob der Papst wirklich daran glaubt, dass es Jesus gibt. Wichtiger ist, welche Botschaft er verkauft. Wenn die AKW mal abgeschaltet sind, kann man vielleicht offener darüber reden, weil man dann nicht mehr unter dem Sachzwang steht, diese Geldmaschinen weiter in Gang zu halten.

Ist Ihr Vertrauen in diese Technologie mit der Arbeit am Film gewachsen oder geschrumpft?

Da hat sich nicht viel geändert. Ich war getrieben von der Neugierde. Wir haben ein grosses Problem, und ich möchte wissen, wie wir damit umgehen. Es ist nicht meine Absicht, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Ich wollte niemanden in die Pfanne hauen. Für den Film habe ich Fachleute gesucht, die sich intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt haben. Ausserdem konnte ich nur mit denjenigen Experten zusammenarbeiten, die bereit sind, mit einer gewissen Offenheit darüber zu sprechen.

Sie haben mit sehr vielen Experten weltweit über dieses Thema gesprochen. Es fällt auf, dass es nur Männer sind. In Ihrem Film kommt keine einzige Frau vor.

Es ist eine Männerdomäne. Man kann natürlich sagen, dass Marie Curie als eine der ersten mit Radioaktivität gearbeitet hat. Und natürlich gibt es etwa in Kanada oder Skandinavien auch einige Frauen auf diesem Gebiet; in der Schweiz arbeiten sie vor allem in den PR-Abteilungen. Aber als es nicht klappte, Frauen sbstanziell in den Film einzubinden, habe ich nicht krampfhaft daran festgehalten. So wie wir heute mit dem Problem konfrontiert sind, ist die Atomkraft eine sehr männliche Geschichte. Man sieht im Film Männer, die mit den Folgen ringen, die durch eine eher männliche Art, in der Welt zu stehen, verursacht worden sind. Das finde ich attraktiv, auch für Frauen. Angesichts ihrer Ohnmacht stehen die Männer unfreiwillig nackt da.

Ihre Hauptperson ist der Nuklearphysiker Charles McCombie, der nun schon seit 35 Jahren eine konkrete Lösung sucht. Sie haben ihn im Film nie gefragt, ob er nicht manchmal daran verzweifelt.

McCombie war ein Geschenk für mich. Ich habe eine Figur gesucht, die an die Atomkraft und an die Lösung des Abfallproblems glaubt. Ich wollte diese Geschichte nicht nur aus der Gegnerschaft erzählen. Die Realität ist, dass wir AKW haben, und die Frage, was diese Leute antreibt, hat mich interessiert. McCombie ist ein Optimist, der einen unerschütterlichen Glauben daran hat, dass sich das Problem lösen lässt. Dieser Optimismus treibt ihn um die Welt. Das sagt er auch im Film: Wenn es an einem Ort nicht klappt, dann geht man halt zum nächsten.

Seit 35 Jahren? Er muss doch langsam müde sein von dieser Suche.

McCombie möchte natürlich nicht über das Scheitern reden, sondern über das Gelingen. Er hat eine Firma, die vielen Ländern Strategien zur Durchsetzung von Endlagern anbietet. Wir haben uns bei diesem Film gefunden, weil auch er davon ausgeht, dass Offenheit zu einer Lösung des Problems beiträgt. Der Film wirft Fragen auf, die sich für eine Bevölkerung stellen können, die ein Endlager-Projekt gutheissen muss.

Während der Dreharbeiten hat auch die Nuklearkatastrophe in Fukushima begonnen. Wurden Sie da von der Realität eingeholt?

Wir hatten vorher erst eine Vordreharbeit in den Wiederaufbereitungsanlagen im englischen Sellafield. Ich wollte dort testen, wie das ist, in einer grossen Atomanlage zu filmen. Fukushima hatte zur Folge, dass wir gar nicht mehr in solche grossen Atomanlagen reingelassen wurden - wir wurden auf Distanz gehalten oder mussten Archivbilder verwenden. In Sellafield und andernorts liegt enorm viel radioaktives Material zum Teil in Pools unter freiem Himmel herum; das Interesse, dieses Gefahrenpotenzial zu präsentieren, ist nicht wahnsinnig gross. Natürlich ist es einerseits richtig, dass man diese Sachen aus Sicherheitsgründen wegsperrt. Anderseits ist es auch im Interesse der Bevölkerung zu wissen, mit welchen Gefahren wir leben. Denn wie sollen wir verantwortungsvoll mit dem Problem umgehen können, wenn wir nicht die ganze Wahrheit auf dem Tisch haben? So ein Film ist ein stückweit auch ein öffentliches Auge.

Sie zeigen, wie immer wieder viele Jahre und Milliarden in gewisse Projekte gebuttert werden, bevor jemand ein Sicherheitsproblem entdeckt oder der politische Widerstand zu gross wird.

Die bisherigen Theorien sind eigentlich Projektionen. Darum wollte ich hingehen und sie mir anschauen. Sie lösen sich in Luft auf, sobald man sie an der Realität überprüft.

Was sagt der Umgang mit dem Atommüll-Problem über uns als Gesellschaft aus?

Wie wir mit diesem Problem umgehen, finde ich sehr interessant. Es dämmert uns langsam, dass es nicht gut ist, mit so etwas Grossem anzufangen, ohne vorher an die Lösung zu denken. Es haut nicht hin, dass man das gefährliche Material irgendwo hinstellt und einfach mal weitermacht. Das sind wahnsinnige Zeitbomben, die wir da produzieren. Es wird einem auch bewusst: Der Untergrund ist kein hermetischer Ort, in den man einfach ein Loch graben und etwas sicher einschliessen kann. Der Untergrund ist feucht und in Bewegung. Da merkt man, dass wir so verdammt viel gar nicht wissen.

Pathetisch gefragt: Werden wir Menschen an dieser Selbstüberschätzung zu Grunde gehen?

Das weiss ich nicht. Ich wollte keine Aussagen in dieser Grössenordnung machen. Fukushima ist ein Bild für die Dringlichkeit dieses Problems. Die Abfälle irgendwo hinzustellen und zu sagen, in zwei-, dreihundert Jahren werden wir schon eine Lösung haben, ist keine Option. Der Film ist letztlich ein Beitrag, sich mit dem Problem zu beschäftigen und zu realisieren, dass es eigentlich eine spannende Auseinandersetzung ist. Er ist auch eine moderne Entdeckungsreise. Während zwei Jahrhunderten haben wir versucht, diese Welt zu entzaubern. Dabei hat sich etwas akkumuliert, ein verdrängter Komplex. Jetzt muss man einen Ort dafür finden.

Wird man diesen Ort finden?

Die Gesellschaft muss einen Weg finden. Es geht auch darum, wie man mit Macht und Ohnmacht umgeht. Wir können das Problem nicht den Wissenschaftern überlassen. Ich finde es gut, wenn jetzt auch im Kulturteil darüber geschrieben wird, dass man das Thema auch in den Medien nicht einfach an die Techniker abgibt, in die Wissensbeilage.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1