Es ist ihre Intensität, dieser herausfordernde Blick, der sagt: Jetzt pass mal auf. Wer Ella Rumpf auf der Leinwand sieht, kann gar nicht mehr wegschauen. Seit «Chrieg» (2014) gilt sie als eines der hoffnungsvollsten Schweizer Schauspieltalente. Und nun hat die 21-jährige Zürcherin an der Berlinale eben ein ganz dickes Ausrufezeichen gesetzt.

Das beginnt schon mit ihrer ersten Szene in «Tiger Girl», der vergangenes Wochenende am Filmfestival seine Weltpremiere gefeiert hat. Wir sehen, wie die junge Maggie (Maria Victoria-Dragus) beim zaghaften Einparkieren von einem Geländewagen abgeschnitten wird. Dann kommt Ella Rumpf alias Tiger, kickt den Seitenspiegel des Geländewagens ab und kommentiert süffisant: «Jetzt passt’s.»

Keine zehn Minuten sind vergangen, da hat Tiger Maggie auch schon vor einem betrunkenen Arbeitskollegen gerettet und drei besonders aufdringliche junge Männer in einer Berliner U-Bahn-Station mit einem Baseball-Schläger vermöbelt. Die Rolle hat etwas von Uma Thurman im Film «Kill Bill» (2003) – und Rumpfs furioser Auftritt entlockt dem Berlinale-Publikum gleich mehrmals Szenenapplaus.

Alle Dialoge improvisiert

Die Darstellerin sagt, sie mag es, dass Tiger im Film nicht einfach sinnlos zuschlägt. Die Überlebenskünstlerin provoziere und zocke nur Leute ab, die das – in ihren Augen – auch verdienten. «Ich lebe auch nach starken Werten», erzählt Ella Rumpf im Gespräch mit der «Nordwestschweiz», «nämlich Respekt, Toleranz und auf andere aufzupassen. So wie Tiger, aber ohne Gewalt.»

Die Rolle in «Tiger Girl» war eine besondere Herausforderung, nicht nur weil Rumpf für ihre Kampfszenen trainieren musste. Der deutsche Regisseur und Autor Jakob Lass («Love Steaks») arbeitet nach seinen eigenen strengen Regeln. Sein Fogma-Manifest sieht vor, dass er zwar alle Filmszenen umreisst, aber keinen einzigen Dialog schreibt. Das heisst: Jedes Wort, das Ella Rumpf im Film spricht, wurde während des Drehs improvisiert.

«An gewissen Tagen ist man voll im Flow, da sprudelt’s aus einem heraus», kommentiert Rumpf. «Und an anderen Tagen kommt gar nichts, dann zwingt man sich zu Sätzen, die auch Chabis sein können.» Auffällig: Schon für den Schweizer Film «Chrieg» musste Rumpf viele Dialoge improvisieren. Braucht sie diese Freiheit etwa, gibt ihr das mehr, als Dialoge auswendig zu lernen? «Gute Dialoge können dir genauso viele Freiheiten geben», differenziert die Darstellerin. «Umgekehrt kann improvisieren auch einschränken, es kann dir so viel Platz geben, dass du dich verlierst.»

Rumpf zeigt auch weichere Seiten

Nach den Dreharbeiten zu «Chrieg» liess sich Ella Rumpf ab 2014 am Giles Forman Centre for Acting in London ausbilden. Dort lernte sie, nicht mehr nur rein nach Instinkt zu spielen, sondern sich mit ihren Filmfiguren auseinanderzusetzen. Das habe ihren Zugang zur Schauspielerei total verändert, sagt Rumpf. «Für ‹Tiger Girl› war für mich unglaublich wichtig, dass ich von A bis Z verstehe, wer sie ist. Sonst könnte ich nicht instinktiv spielen. Es braucht beides. Ohne Basis hängst du in der Luft.»

Im Film nimmt Tiger Maggie, die gerade von der Polizeischule geflogen ist, unter ihre Fittiche, und nennt sie fortan Vanilla. Rumpf spielt genauso taff wie in «Chrieg», zeigt nun aber auch weichere Seiten. «Tiger hat einen totalen Mutterinstinkt, sie will Vanilla beschützen.» Doch ihr Einfluss sei so gross, dass sich das Mauerblümchen in sein pures Gegenteil verwandelt. «Es ist, als hätte Tiger mit einem Zündhölzchen ein riesiges Feuer entfacht», analysiert Rumpf.

Dieser Tiger, der in beiden jungen Frauen steckt, aber völlig andere Fratzen zum Vorschein bringt: Das sei etwas, das jeder Mensch in sich drin habe, findet die Schauspielerin. «Es ist ein Gefühl, das uns oft einschüchtert. In ihm steckt aber eine Kraft, die wir nicht unterdrücken sollten. Viele Frauen haben mir nach der Premiere gesagt, sie fühlten sich von Tiger Girl inspiriert, sich lockerer zu geben und auf gewisse Art loszulassen.»

Rumpf, deren Vater Schweizer ist und die Mutter Französin, hat die Schauspielschule in London inzwischen abgeschlossen. Seither sei sie wie eine Nomadin durch Europa gereist. Nach «Tiger Girl» in Berlin drehte sie in der Schweiz «Die göttliche Ordnung», gefolgt von «Raw» in Paris. Seit kurzem lebt sie in Berlin, das sei jetzt mal der Plan, hier steht sie aber diese Woche für «Gorillas» vor der Kamera, den neuen Film des deutschen Erfolgsregisseurs Detlev Buck («Bibi & Tina»).

Hollywood nicht abgeneigt

Das europäische Kino findet sie gerade super interessant, sagt die viel gefragte Darstellerin. Und Hollywood? «Ich muss nicht um jeden Preis nach Amerika. Aber wenn LA mit einem guten Projekt an die Tür klopft: cool!» Ella Rumpf stehen alle Türen offen. Als «Tiger Girl» hat sie sich dem Berlinale-Publikum ins Gedächtnis eingebrannt – diesen Auftritt wird man hier, und bald auch in anderen Kinos, so schnell nicht vergessen.

Tiger Girl (D 2017) 90 Min. Regie: Jakob Lass. Ab 6. April in den Schweizer Kinos. Bewertung: 5 Sterne.