TV-Serie

Eine letzte Zigarette in Reaktor 4

Rauchschwaden über dem explodierten Reaktorblock 4 in Tschernobyl. HBO/Sky

Rauchschwaden über dem explodierten Reaktorblock 4 in Tschernobyl. HBO/Sky

«Chernobyl» rekonstruiert in verstörenden Bildern die grösste Nuklearkatastrophe der Geschichte.

Aus dem Schlaf gerissen von unermüdlich schrillenden Sirenen hat sich eine Menschengruppe auf der Brücke am Stadtrand von Pripjat versammelt und blickt auf die Flammen am Horizont. Rauchschwaden durchziehen den nächtlichen Himmel, Ascheflocken rieseln auf die Schaulustigen herab. Diese scheint das infernale Schauspiel aber nicht weiter zu beunruhigen. Es ist beinahe Morgen in Pripjat, doch dämmert den Anwesenden noch nicht, welche Tragödie sich gerade vor ihren Augen abspielt. «Aber schön aussehen tut es», flüstert eine junge Frau.

Es ist diese eine Szene in der neuen Serie «Chernobyl», die das Drama in seiner ganzen Tragweite erfasst, die die Ahnungs- und Machtlosigkeit von Pripjats Bewohnern (damals etwa 48 000 Menschen) schmerzlich vor Augen führt. Keiner der Schaulustigen, die sich damals auf der rund vier Kilometer vom Kraftwerk entfernten Brücke eingefunden hatten, soll überlebt haben. Heute nennt man das verrostete Überbleibsel in der Geisterstadt die Todesbrücke. Sie ist eines der vielen Symbole in der Umgebung des explodierten Reaktorblocks 4, die an die grösste Nuklearkatastrophe der Geschichte erinnern.

Niemand will es wahrhaben

Diese ereignete sich in der Nacht des 26. April 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl. Bei einem Experiment am Kühlsystem begeht das Personal eine Kette verhängnisvoller Fehler, was schliesslich zu einer Explosion führt, die den Reaktor auseinanderreisst und dessen hoch radioaktive Bestandteile über die Unfallstelle verteilt. Es ist der Super-GAU, der grösste anzunehmende Unfall, der erste seiner Art – und niemand will ihn wahrhaben. Nicht der anwesende stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks, Anatoli Djatlow (Paul Ritter, «Quantum of Solacet»). Und schon gar nicht der Direktor der Anlage, Viktor Brjuchanow (Con O’Neill, «Kommissar Wallander»), der die Katastrophe vor der sowjetischen Parteispitze um Generalsekretär Michail Gorbatschow (David Dencik, «Top of the Lake») verantworten muss.

Noch während die Feuerwehr mit der Löschung des in Flammen stehenden Daches beschäftigt ist, beginnen die Apparatschiks in Hinterzimmern damit, die Vorgänge zu verschleiern. Hierbei offenbart sich sogleich die grosse Stärke der ersten gemeinsamen Serienproduktion der Bezahlsender HBO und Sky. Unzimperlich zoomt «Chernobyl» ins chaotische Geschehen nach der Reaktorexplosion und gibt sowohl den Vertuschern als auch den Helden von damals ein Gesicht. Zu den Helden gehört etwa der 25-jährige Feuerwehrmann Vasil Ignatenko, der nur zwei Wochen nach seinem Einsatz an den Folgen der erhöhten Strahlenbelastung starb; oder jener Techniker, der sich bis zur Reaktorruine vorwagt, um das Ausmass des Unglücks zu ergründen, und dort seinen Tod findet – ein herbeigeeilter Kollege kann nichts weiter für ihn tun, als ihm eine letzte Zigarette zu reichen.

Fokus auf die Betroffenen

Die wenigen Spielfilme und Dokumentationen, die sich bisher mit der Tschernobyler Nuklearkatastrophe auseinandersetzten, drehten sich vor allem um die Ursachen und Folgen des GAU. Was Arbeiter und Anrainer erlebten, wurde nur selten beleuchtet. In «Chernobyl» findet Regisseur Johan Renck Bilder für ein Grauen, das mit blossem Auge nicht zu erkennen ist – und dessen zerstörerische Kraft selbst den gigantischen sowjetischen Bürokratie-Apparat machtlos zurücklässt. Gekonnt spielt er dabei mit dem Wissensvorsprung der Zuschauer, die den geschockten Kraftwerksmitarbeitern sowie den naiven Schaulustigen auf der Todesbrücke am liebsten zurufen würden: «Was tut ihr da? Lauft weg!»

Chernobyl Die fünfteilige Serie läuft dienstags auf dem Streamingdienst Sky und ist via Sky Ticket auf Abruf verfügbar.

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