Kino

Ein südkoreanischer Film könnte bei den Oscars gewinnen: Die Filmindustrie des ostasiatischen Landes in Zahlen und Fakten

Filmgenuss mit Komfort: In Südkorea gibt es Tempur-Betten-Kinos.

Filmgenuss mit Komfort: In Südkorea gibt es Tempur-Betten-Kinos.

Mit «Parasite» des südkoreanischen Kult-Regisseurs Bong Joon Ho könnte erstmals eine Auslandproduktion den Oscar für den besten Film erhalten. Unser Asien-Korrespondent Fabian Kretschmer hat lange in Seoul gelebt. Und kennt die Kinolandschaft Südkoreas aus eigener Erfahrung.

Von Südkoreas Kinoindustrie können die meisten Länder nur träumen. Laut den jüngsten Zahlen der koreanischen Filmkommission wurden von Januar bis Juni 2019 über 109 Millionen Tickets verkauft – bei einer Gesamtbevölkerung von 51,7 Millionen Koreanern eine beachtliche Zahl.

Noch erstaunlicher ist der Anteil an heimischen Filmproduktionen: Mehr als die Hälfte aller Tickets wurde für koreanische Filme eingelöst.

Auch der Film «Parasite», der nun in Hollywood sogar den Oscar für den besten Film erhalten könnte, gehört in Südkorea zu Kassenrennern. Interessanterweise blieb er aber bei den Eintritten hinter «The Host» zurück, einem früheren Film des «Parasite»-Regisseurs Bong Joon Ho.

Wer regelmässig in Südkoreas Hauptstadt Seoul ins Kino geht, kann die Erfolgsgründe leicht nachvollziehen: Über das gesamte Stadtgebiet verteilt gibt es hochmoderne Multiplex-Kinos. Sie verkaufen Eintrittstickets, die bei einem Durchschnittspreis von umgerechnet 8.50 Franken verhältnismässig günstig sind. Gleichzeitig bieten die Kinoketten dem Besucher sehr viel Komfort.

Im Nobelbezirk Gangnam etwa ähneln die Kinositze eher grosszügigen Betten. In den 4D-Kinos der Stadt können sich die Besucher Wind und Wetter aussetzen, die Welt auf der Leinwand mit allen Sinnen erfahren und sich in Action-Filmen von beweglichen Sitzen durchrütteln lassen.

Nach wie vor ist der Gang ins Kino eine der Hauptbeschäftigungen junger koreanischer Paare. Und doch hat die Industrie auch ihre Schattenseiten. Lediglich eine Handvoll Marktführer bestimmt darüber, was auf den Leinwänden zu sehen ist. Unter der ehemaligen Regierungschefin Park Geun Hye, die das Land von 2013 bis 2017 führte, klagten viele Regisseure über Zensur und fehlende Finanzierungsmöglichkeiten.

Die damalige Kulturministerin Cho Yoon Sun soll sogar eine «schwarze Liste» geführt haben, auf der Hunderte regierungskritische Regisseure, Poeten und Musiker standen. Diese Künstler wurden systematisch von staatlichen Fördergeldern abgeschnitten. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet mit dem eher liberalen Präsidenten Moon Jae In die Kreativindustrie nun wieder aufblüht.

Heimische Filme sind beliebter als Hollywood-Blockbuster

Der Grund für den Erfolg der koreanischen Kinoindustrie liegt in einer Filmquote, die erstmals 1967 eingeführt worden war: An 146 Tagen mussten demnach Kinos heimische Produktionen zeigen. Als die USA den Markt mit Druck von aussen öffnen wollten, kam es unter namhaften Regisseuren Ende der 1990er-Jahre zu teils heftigen Protesten vor der US-Botschaft in Seoul.

Dabei wurden auch nationalistische Töne angeschlagen. Die USA wurden als «Imperialisten» beschimpft, die die südkoreanische Kultur mit ihren Filmen überschwemmen wollten.

Mittlerweile wurde die Quote deutlich gelockert. Sie ist überflüssig geworden, schliesslich reguliert sich der Markt von alleine. Dennoch hat sich beim Konsumverhalten der Südkoreaner nicht allzu viel geändert: Die heimischen Filme sind heute beliebter als ihre Rivalen aus Hollywood.

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