Die Bilder des iranischen Kinos sind images under construction: Bilder, die ihre gesellschaftliche Rechtmässigkeit ständig neu verhandeln müssen, im aufgezwungenen Dialog mit einem gleichermassen starren wie flexiblen Zensurapparat. Die Kriterien dieser Zensur wurden nach der islamischen Kulturrevolution 1979 in Reaktion auf das «dekadente», «vulgäre» und «immoralische» – in der Diktion der Mullahkratie: «westtoxifizierte» – Mainstreamkino der Schahzeit formuliert. Einen niedergeschriebenen Zensurkodex gibt es laut Erfahrungsberichten iranischer Regisseure nicht wirklich, das macht die Zensur so überlebensfähig und tückisch.

Doch schon bevor nach 1979 und insbesondere während des Iran-Irak-Krieges (1980–88) die Architekten des Gottesstaates das Medium Film – mehr oder weniger vergeblich – mit den islamischen Werten in Einklang zu bringen versuchten, gab es Zensur. Im Zuge der weissen Revolution des Schah und einer beschleunigten Zwangsmodernisierung des Iran, welche die Kluft zwischen der Armutsbevölkerung und den wohlhabenderen Schichten, zwischen einem vorgespielten Leben auf der (Mainstream-)Kinoleinwand und einem tatsächlichen Leben jenseits der Leinwand rapide vergrösserte, war jeglicher Versuch einer Sozialkritik an der offiziell fabrizierten Erfolgsgeschichte unter Zensur gestellt.

Vorbild italienischer Neorealismus

Trotzdem konnte sich inmitten dieser aggressiv beschleunigten Industrialisierungsphase mit ihrem kinematographischen Bombast, im Windschatten spezifischer Institutionen zwischen privater und öffentlicher Finanzierung ein widerständiges, vom italienischen Neorealismus beeinflusstes Autorenkino herausbilden. Viele dieser Autoren lernten ihr Handwerk im Ausland: Sohrab Shahid Saless studierte Filmregie in Wien und Paris, Kamran Shirdel Architektur, Urbanismus und Regie in Rom, Darius Mehrjui Film und Philosophie an der UCLA in Kalifornien.

Ein Schlüsselfilm zu dieser sogenannten ersten «neuen Welle» ist – neben Dariush Mehrjuis The Cow (1969) – Ebrahim Golestans existenzialistische Grossstadtsymphonie «The Brick and the Mirror» (1965), der verschiedenste Milieus und Institutionen Teherans durchquert: von der Bar über einen Bazar zum Waisenhaus. Wie eine Echokammer fängt der Film das Zittern einer Gesellschaft ein, die in Angst vor dem Geheimdienst, der Savak, und in Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne lebte. Ein Spannungsfeld, das auch in den minimalistischen Filmen von Shohrab Shahid Saless verhandelt wird, der zur wichtigsten Einflussfigur für Abbas Kiarostami wurde. «Saless’ Still Life» (1974) ist ein streng rhythmisierter Film, der in klaustrophobischen Miniaturen von der stillgestellten Zeit eines Bahnwärters und seiner teppichknüpfenden Frau erzählt und hierbei die drastische Stadt-Land-Disparität mitverhandelt.

Widersprüche aufgezeigt

Um die Namenlosen am Rande der Gesellschaft, vor allem der Stadt Teheran, geht es auch in den Avantgardedokumentarfilmen von Kamran Shirdel, etwa über das Rotlichtviertel Shahr-e No, das während der Revolution niedergebrannt wurde, oder ein Frauengefängnis in Teheran. Mit seiner radikal dialektischen Kontrapunktik, die offizielle Erfolgsnarrative und soziale Realitäten gegeneinander setzt, hat Shirdel einen Stil präfiguriert, der bis in die Gegenwart des iranischen Kinos verfolgt werden kann.

Auch Shirdels von Jean Rouch beeinflusster «The Night It Rained» (1967) kann als stilbildend betrachtet werden: Der Film geht einer kolportierten Heldengeschichte anhand verschiedener Interviews nach, bis sich der angebliche Vorfall – ein Junge hat nächtens einen Zug aufgehalten, um ihn vor dem Entgleisen zu bewahren – in einem Kaleidoskop von Perspektiven auflöst. Was mittlerweile zu einer Art Trademark des iranischen Kinos geworden ist – das Spiel mit der Ununterscheidbarkeit von Fakt und Fiktion – lässt sich folglich bis in die Zeit vor der Revolution zurückverfolgen.

Das iranische Kino ist somit ein Kino im Zustand des permanenten Widerstandes: vor 1979 gegen die Autoritäten der Modernisierung, nach 1979 gegen die Autoritäten der Religion, welche die Ideale der islamischen Revolution ungeachtet der gesellschaftlichen Missstände als verwirklicht und unantastbar behaupteten. Das iranische Kino der nachrevolutionären Zeit kann somit nur in Relation zu jenen Vorbildern verstanden werden, die in der Zeit vor der Revolution produziert wurden und als Nachbilder nachlebten.

Spezialisten aus aller Welt

Das Seminar für Medienwissenschaft veranstaltet in Kooperation mit dem Stadtkino Basel und Eikones eine grosse internationale Konferenz, die mit Gästen aus Iran, Europa und den USA den Versuch unternimmt, die Vielfalt an revolutionären iranischen Filmformen entlang der Bruchkante von 1979 zu erkunden. Es geht um populäre und avantgardistische Filmstile und Kollektivität als filmische Form. Um das ’Öl-Superego’, das an der visuellen Kultur des Iran unbewusst mitschrieb.Um die Relation zwischen digitalen Kameras und einer neuen Generation von Filmemachern. Um transgenerationelle Aspekte – die ’Kinder der Revolution’ –, neue Wellen im gegenwärtigen Kino und das Verhältnis der Filmgenres zur iranspezifischen Kultur des Trauerns. Und es geht um die iranische Diaspora und «displaced cinephiliac memories».

In Koordination mit Akzenten der Konferenz (2.-5. November) ist eine Filmretrospektive im Stadtkino Basel zu sehen, die entlang von iranischen Filmen aus der Zeit vor und nach 1979 den Schauplatz Teheran in seiner sozialen Disparität filmisch erschliessbar macht. Neben Filmen von Ebrahim Golestan, Kamran Shirdel und Abbas Kiarostami – sprich: Vertretern der ersten Welle vor der Revolution, wobei Kiarostami nach 1979 weitermachte und seinen Stil weiter verteidigte – sowie Vertretern der zweiten Welle nach der Revolution (Mohsen Makhmalbaf und Rakshan Bani-Etemad) sind auch Filme einer gegenwärtig im iranischen Kino sich abzeichnenden neuen sozialkritische Welle zu sehen: «I’m Not Angry» (2014) von Reza Dormishian, über die Wut einer «lost generation» vor dem Hintergrund der grünen Bewegung, sowie die Schweizpremiere von Mehrdad Oskoueis «Starless Dreams» (2016), über straffällig gewordenen Mädchen in einem Teheraner Korrektur- und Rehabilitationszentrum.

Einmalige Vorpremieren

Im Rahmen der Konferenz einmalig zu sehen sind zudem eine Vorpremiere von Ehsan Khoshbakhts Dokumentation über die Evolution des Mainstreamkinos vor 1979 mit dem Titel «Filmfarsi» (2016), eine einzigartige Dokumentation über die Geschichte der Zensurvorschriften im Iran, «A Cinema of Discontent» (2013) von Jamsheed Akrami, sowie «Jerry & Me» (2012), ein sehr persönlicher Essayfilm von Mehrnaz Saaed-Vafa über Cinephilie in einem transkulturellen, hybriden Raum zwischen Iran und den USA . Ausserdem ist Shahram Mokri zu Gast und wird seinen 130 Minuten langen Digitalkamera-Plansequenz-Zeitschleifen-Horrortrip «Fish & Cat» (2013), der vom Teheraner Publikum mittlerweile kultisch verehrt wird, persönlich vorstellen.

Internationale Konferenz: Diese Tagung beginnt morgen und dauert bis zum 5. November. Das komplette Programm findet sich auf www.eikones.ch. Sie wurde von der Medienwissenschafts-Professorin Ute Holl, Ihrem Assistenten Matthias Wittmann sowie von Hemen Heidari konzipiert.


Das komplette Filmprogramm mit Premieren und Retrospektiven findet sich unter: www.stadtkinobasel.ch. Die Reihe wird heute Abend um 18 Uhr offiziell eröffnet. Um 21 Uhr folgt ein Get Together.