Berlinale

Ein Herz für Streuner: Wenn Kinostars Hunde sprechen

Nach "The Grand Budapest Hotel" ist Regisseur Wes Anderson nun mit "Isle of Dogs" am Start.

Nach "The Grand Budapest Hotel" ist Regisseur Wes Anderson nun mit "Isle of Dogs" am Start.

Die 68. Berlinale wurde mit dem Animationsfilm «Isle of Dogs» eröffnet. Darin sprechen Filmstars wie Bill Murray und Bryan Cranston Hunde, die auf eine Insel verbannt wurden. Kultregisseur Wes Anderson über seine bisher bissigste Filmfabel. Wuff!

Ganz Berlin sucht derzeit nach einem Hund. Er hat ein weisses Fell mit schwarzen Punkten, hellblaue Augen und ein silbernes Halsband mit seinem Namen drauf: Spots. «Finderlohn», steht auf den Plakaten mit seinem Gesicht, die überall in der deutschen Hauptstadt hängen. Bei der Vermisstmeldung handelt es sich in Wirklichkeit um eine Promoaktion – wer sich bei der angeschriebenen Telefonnummer meldet, kann Kinotickets gewinnen.

Der Film, um den es geht, hat am Donnerstagabend die 68. Internationalen Filmfestspiele von Berlin eröffnet, als erster Animationsfilm überhaupt. Er heisst «Isle of Dogs». Spricht man den Titel auf Englisch aus, klingt das genau gleich wie «I love dogs», wohl nicht aus Zufall. Wer nun aber seichte Trickfilmunterhaltung für Hundeliebhaber erwartet, irrt gewaltig. «Isle of Dogs» ist weder Disney noch Pixar, sondern der neueste Streich von Wes Anderson.

Wes Anderson drehte nicht im Computer, sondern mit Puppen und Modellen.

Wes Anderson drehte nicht im Computer, sondern mit Puppen und Modellen.

Der 48-jährige Kultregisseur aus Texas gilt als einer der aussergewöhnlichsten Filmemacher der Welt. Mit seinem letzten Film «The Grand Budapest Hotel» hatte er bereits 2014 die Berlinale eröffnet, dort den Jurypreis gewonnen und später auch noch vier Oscars. Wie sehnlich seine Rückkehr in die deutsche Hauptstadt erwartet wurde, zeigte sich an den ersten beiden Vorstellung von «Isle of Dogs»: Die Säle waren bereits 45 Minuten vor Filmbeginn bis auf den letzten Platz gefüllt.

Das Warten hat sich gelohnt. Anderson hat ein weiteres Mal eine fantastische Filmwelt erschaffen, die vor Einfallsreichtum strotzt. «Isle of Dogs» spielt in einer dystopischen japanischen Grossstadt namens Megasaki. Der katzenliebende Bürgermeister hat sämtliche Hunde auf die benachbarte Müll-Insel verbannt. Denn die mit einem Virus infizierten Tiere seien eine Bedrohung für die Menschen. Seine Anordnung setzt der Bürgermeister auch mit Gewalt durch.

Junge sucht seinen Hund

Zunächst ist es nur der 12-jährige Junge Atari, der sich dagegen auflehnt. Er vermisst seinen Hund Spots – der mit dem weissen Fell mit den schwarzen Punkten – so sehr, dass er ein Kleinflugzeug klaut und auf der Müll-Insel nach ihm sucht. Unterstützung erhält er dabei von fünf abgemagerten Mischlingshünden mit den klingenden Namen Rex, Boss, King, Duke und Chief. Fünf Alphatiere, die sich in bester Wes-Anderson-Manier ständig zanken.

Zwei Fragen wurden dem amerikanischen Filmemacher in Berlin gleich mehrfach gestellt: Warum ausgerechnet Japan? «Weil ich ein grosser Liebhaber des japanischen Kinos bin», antwortete Anderson. Filmklassiker von Akira Kurosawa und Hayao Miyazaki hätten einen grossen Einfluss auf «Isle of Dogs» gehabt, ebenso die Malereien und Holzschnitte von Hokusai. Und warum ausgerechnet Hunde? «Weil Hunde für mich ein bisschen wie Menschen sind. Sie haben alle eine eigene Persönlichkeit.»

Das gilt im Film erst recht – dank der fabelhaften Arbeit der Hollywoodschauspieler Bill Murray, Bryan Cranston, Edward Norton, Jeff Goldblum und Liev Schreiber, die den Tieren ihre Stimme leihen. In Berlin erzählten sie von ihren eigenen Hunden: «Ich habe einen Streuner bei mir aufgenommen, der von einem Kojoten angegriffen wurde», sagte Murray. Hatte er den Angriff etwa selbst bezeugt? «Klar. Ich stand daneben und lupfte keinen Finger.» Worauf Schreiber entgegnete: «Ich habe zwar keinen Hund, ziehe aber seit mehreren Jahren Kojoten auf.»

In die Produktion von «Isle of Dogs» floss über viereinhalb Jahre liebevolle Handarbeit. Der Animationsfilm entstand nicht etwa im Computer, sondern im aufwendigen Stop-Motion-Verfahren. Sprich: mit handgefertigten Puppen und Modellen, deren Position zwischen jedem Standbild leicht verändert wurde, um den filmischen Bewegungseffekt zu erzeugen. Der rund 100-minütige Film erforderte insgesamt 130'000 Einzelaufnahmen.

Liebevolle Handarbeit

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Anderson an Stop Motion herangewagt hat. Bereits 2009 verfilmte er in diesem Verfahren den britischen Kinderbuchklassiker «Fantastic Mr. Fox» von Roald Dahl. George Clooney spricht im Film einen Fuchs, der im Clinch ist zwischen seinen Pflichten als Familienvater und seiner Karriere als Eierdieb. Der Film wurde begeistert aufgenommen und öffnete Andersons einzigartigen Stil einem breiteren Publikum.

«Isle of Dogs» sei nun aber ein weitaus grösseres Unterfangen gewesen, erzählte Anderson. «Wir hatten doppelt so viele Kulissen und drei Mal so viele Figuren – aber auch viel mehr Erfahrung als damals.» Aber warum eigentlich dieser gewaltige Aufwand? Andersons Antwort: «Das ist altmodisches Filmemachen, das mich an die Lieblingsfilme aus meiner Kindheit erinnert.»

Natürlich hat er diese Technik vorangetrieben, und natürlich steckt in «Isle of Dogs» alles drin, was einen Wes-Anderson-Film eben ausmacht: seine unverkennbar geometrischen Bilder etwa, immer flach von vorne gefilmt oder im 90-Grad-Winkel. Aber auch der lakonische Humor, die Situationskomik, der Charme, und Protagonisten voller Entdeckungsdrang. Andersons Helden sind Aussenseiter, Streuner und Waisen, die sich eine Patchworkfamilie basteln.

«Isle of Dogs» ist ein riesiges Vergnügen – und geht mit seiner für Anderson eher untypischen politischen Brisanz sogar einen Schritt weiter. Während der langen Produktion habe sich die Welt verändert, erzählt Anderson, das habe sich auch auf den Filminhalt ausgewirkt. «Megasaki hat wohl weniger mit Japan zu tun als mit meiner Heimatstadt Texas.» Entstanden ist eine bissige Fabel über Ausgrenzung und Unterdrückung.

Wes Anderson kommt abschliessend noch einmal auf Kurosawa zu sprechen, auf den japanischen Meister, der in Filmen wie «Stray Dog» oder «The Bad Sleep Well» düstere Stadtbilder voller Poesie geschaffen habe. «Das war auch mein Ziel», sagt Anderson. «Ich hatte immer dieses Bild von Hunden auf einem Müllberg im Kopf. Und daraus wollte ich etwas Jenseitiges, Mysteriöses, Romantisches kreieren.»

Das ist ihm zweifellos gelungen. «Isle of Dogs»? Als die Filmvorführung vorbei war, gab es in Berlin nur noch eines zu sagen: «Isle of Wes Anderson!»

Isle of Dogs (USA 2017). 100 Min. Regie: Wes Anderson. Schweizer Kinostart: 10. Mai.

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