Die Tat ist unnachvollziehbar grausam: Fünf junge Männer locken an einem Viehmarkt einen jüdischen Händler aus Bern in einen Hinterhalt, erschlagen ihn, zerstückeln seine Leiche und entsorgen die Leichenteile in Milchkannen. Dabei ist der Ermordung noch nicht einmal ein persönlicher Konflikt vorangegangen: Die fünf Männer sind überzeugte Antisemiten und wollen mit ihrer Tat ein Exempel für die Zukunft statuieren. Sie haben ihrem Gott Hitler ein Opfer gebracht.

Geschehen ist diese Bluttat 1942, in der waadtländischen Kleinstadt Payerne. Als kleiner Junge vor Ort war damals der Schriftsteller Jacques Chessex, der die Tat 2009 in seinem Roman «Un Juif pour l’exemple» drastisch nachzeichnete (siehe Box). Der britisch-schweizerische Regisseur Jacob Berger («Aime ton père», «1 journée») hat den Stoff nun verfilmt, mit Bruno Ganz als jüdischem Viehhändler und – auf einer Meta-Ebene des Films – André Wilms in der Rolle des gealterten Jacques Chessex.

Trailer: UN JUIF POUR L' EXEMPLE

Trailer: UN JUIF POUR L' EXEMPLE

 

Fiktive Überarbeitung

Berger erzählt die Geschichte aber nicht auf zwei getrennten Zeitebenen, sondern er schafft ein komplexeres Gefüge: Was wir erzählt bekommen, ist nicht das, was sich 1942 in Payerne abgespielt haben könnte, sondern es ist die fiktive Überarbeitung der Bluttat, die sich im Kopf des Autors abspielt.

Diese Verschachtelung bewirkt ein interessantes Spiel zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, wobei «Un Juif pour l’exemple» aber bewusst keine vereinfachten Bezüge herstellt zwischen der Schweizer Frontistenbewegung zu Kriegszeiten und heutigen Formen von Rechtsextremismus.

Bergers eigentlicher Ausgangspunkt sind auch gar nicht die brutalen Geschehnisse von 1942 – die im Film allerdings in einer schwer erträglichen Sequenz nachgestellt werden –, sondern vielmehr die bitterbösen Reaktionen, die Chessex 2009 mit seinem Buch auslöste.

Der Punkt, auf den Berger kommen will, ist klar: Noch heute würden viele Menschen lieber totschweigen, dass der Nationalsozialismus in der Schweiz trotz seiner politischen Irrelevanz tief in die Bevölkerung reichte. Und gegen dieses Schweigen statuiert nun Berger sein Exempel: den leidenschaftlich gehassten Jacques Chessex.

Aufnahmen von Fribourg

Diese Gleichung leuchtet mehr oder weniger ein, und somit funktioniert auch der Film in etwa so, wie er sollte – und trotzdem hat «Un Juif pour l’exemple» einige Schwächen: Berger übernimmt etwa von Chessex die Unterstellung, dass der Haupttäter ein sexueller Sadist war und baut entsprechende Szenen ein: Das bringt dem Film wenig. Ausserdem streicht Bruno Ganz etwas zu angestrengt heraus, dass er einen Juden spielt. Und dem gereisten Auge fällt des Weiteren auf, dass etliche Aussenaufnahmen des Films nicht in Payerne, sondern in der Altstadt von Fribourg gedreht wurden.

Un Juif pour l’exemple (CH) von Jacob Berger mit Bruno Ganz. Ab 15. 9. im Kino.