Film

Ein Berner sorgt bei Hollywood-Blockbustern für die Spezialeffekte

Der Optimist Raffael Dickreuter (32) arbeitet in einer unsicheren Branche.

Der Optimist Raffael Dickreuter (32) arbeitet in einer unsicheren Branche.

Der Berner Raffael Dickreuter sorgt bei Hollywood-Blockbustern für die Special Effects – auch in «Man of Steel». So schaffte er den Weg ins Wohnzimmer von Regisseur Zack Snyder.

Es war die Stunde der Wahrheit für Raffael Dickreuter. Würde mit seinem selbst entwickelten virtuellen Kamerasystem heute alles klappen? Schliesslich wollte «Man of Steel»-Regisseur Zack Snyder dem Produzenten Christopher Nolan (Regisseur von «The Dark Knight») bei sich zu Hause vorführen, wie man sich mit diesem Kamerasystem durch Setmodelle im Computer bewegen kann. «Ich fuhr schon zwei Stunden vor der Präsentation hin, um nochmals alles zu testen.

Und siehe da: Ausgerechnet an diesem Tag lief eine für die Kamera benötigte Software-Lizenz ab. Da kam ich ins Schwitzen», sagt der Berner Spezialeffektdesigner im Nachhinein lachend. Beim Entscheidungsprozess der Filmemacher dabei zu sein, sei immer eindrücklich. Bei «Man of Steel» besonders, da mit Snyder – einem lebhaften Amerikaner und Technofreak in Jeans – und Nolan – einem ruhigen, realitätsorientierten Engländer und Anzugträger – zwei Welten aufeinanderprallten.

Von Muri nach Hollywood

Der Weg von Muri ins Wohnzimmer von Zack Snyder war lang: Ein Austauschjahr oder ein Studium in den USA lag aus finanziellen Gründen nicht drin. Stattdessen absolvierte Actionfilm-Fan Dickreuter ein Praktikum bei einer Webdesign-Firma und besuchte die Kunsthochschule in Zürich. Dank seiner Web- und 3-D-Kenntnisse gründete er darauf eine Networking-Website für Spezialeffekt-Künstler und organisierte Events für Gleichgesinnte in England.

Dank immer besserer Vernetzung erhielt Dickreuter schliesslich ein Praktikum als Action-Designer bei der Spezialeffekt-Firma Pixel Liberation Front (PLF), für die er unter anderem an «Iron Man» und «Terminator: Salvation» arbeitete. Inspiriert von den neuen technischen Errungenschaften in James Camerons «Avatar» entwickelte Dickreuter schliesslich im Auftrag von PLF für den Film «Green Lantern» sein eigenes virtuelles Kamerasystem.

Für «Man of Steel» arbeitete der Berner zehn Monate in Los Angeles und vier Monate in Vancouver. Danach sollte für ihn eigentlich mit Steven Spielbergs «Robopocalypse» ein Jugendtraum in Erfüllung gehen. «Als Filmfan freute ich mich auf ihn als Chef. Gleichzeitig fragte ich mich: Bin ich eventuell zu spät? Würde der Star-Regisseur alles delegieren und gar nicht mehr in den filmischen Arbeitsprozess involviert sein?» Nach anfänglichen Problemen mit dem Arbeitsvisum und Terminkollisionen wegen «Man of Steel» klappte es im November beim dritten Anlauf endlich. Das dachte Dickreuter zumindest.

Kurz nach dem ersten Meeting wurde «Robopocalypse» auf unbestimmt verschoben, was der Berner aus den Medien erfuhr. Die Firma PLF kam darauf in finanzielle Not. «Ich wurde nach sieben Jahren von einem Tag auf den anderen entlassen. So läuft es eben hier: heute Spielberg, morgen arbeitslos. So ein Wechselbad der Gefühle gibts wohl nicht, wenn man bei den SBB angestellt ist», meint er.

Schwieriges Business

Solche Szenarien sind normal in der Spezialeffekt-Szene. Dass die Firma Rhythm & Hues bankrott ging, obwohl sie 2013 für «Life of Pi» einen Oscar erhalten hatte, verdeutlicht das. Wegen Steuererleichterungen und billigen Arbeitskräften wurden in den letzten Jahren viele technische Jobs in Billigländer verlagert. Will eine US-Firma mithalten, muss sie die Preise aus dem Ausland unterbieten. «Das Film-Studio trägt dabei null Risiko», sagt Dickreuter. «Wenn eine Spezialeffekt-Firma einen Auftrag bekommt, wird geplant, es werden Leute eingestellt und – falls nötig – eine neue Technik entwickelt.

Zahlt dann das Filmstudio mit Verspätung oder wird die Produktion verschoben oder eingestellt, müssen die Spezialeffekt-Firmen die Kosten tragen.» Sich dagegen zu wehren, ist schwierig, denn die Arbeitgeber – ein paar Filmstudios – bleiben immer dieselben. Immerhin gibt es inzwischen Vorstösse für eine Spezialeffekt-Gewerkschaft. Doch Dickreuter macht sich nicht viel Hoffnung. «Damit eine Gewerkschaft etwas nützt, müsste sie wohl global sein. Aber gut wäre es schon, wenn die führenden Spezialeffekt-Firmen zusammenspannen würden.»

Nebenjob Fotograf

Inzwischen hat sich Raffael Dickreuter selbstständig gemacht – und wäre im Frühling beinahe wieder bei Spielberg gelandet; diesmal für «Jurassic Park 4» in Hawaii. Aber Dickreuter nahm ein anderes Angebot an. Sein Riecher war richtig: Auch «Jurassic Park 4» wurde auf Eis gelegt. Nun hat sich der Optimist aus Prinzip nebenbei auch ein Standbein als Fotograf aufgebaut: «Ich wollte mal weg vom Computer. Fotografie ist ein schnelleres Medium – im Gegensatz zum Film, wo die Arbeit ewig dauert.

Als ich mit ‹Man of Steel› anfing, war ich 29!» Jetzt ist Dickreuter 32. Das Abenteuer Hollywood hat sich für den Berner trotzdem gelohnt – auch wenn der Aufwand beträchtlich ist. «Zehn-Stunden-Tage sind hier das Minimum, 14-Stunden-Tage normal.» Diese Zeit verbringt Dickreuter derzeit an «Fast and Furious 7» – vorübergehend in einem zehnköpfigen Team. Mit dabei ist auch eine Schweizer 3-D-Animatorin, deren langjähriger Job bei DreamWorks sich letztes Jahr ebenfalls in Luft auflöste.

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