«O Fim do Mundo»

Dieser Schweizer Film gibt Europa ein diverseres Gesicht

Starke Bildsprache und kreolischer Sound: Kann Spira (gespielt von Michael Spencer) die Liebe zu Iara retten?

Starke Bildsprache und kreolischer Sound: Kann Spira (gespielt von Michael Spencer) die Liebe zu Iara retten?

Endlich ein Schweizer Spielfilm mit Schwarzen in den Hauptrollen. «O Fim do Mundo» schreibt europäische Geschichte divers.

Fehlt es an Blockbustern im Kino, dann wächst die Aufmerksamkeit für kleinere Filme. Vielleicht eine Chance für einen Spielfilm wie «O Fim do Mundo». Jedenfalls sollte man ihn sich nicht entgehen lassen. Der portugiesische Titel und die Handlung in einem Armenviertel Lissabons liessen es zwar nicht erwarten, doch «Das Ende der Welt» (so der Titel übersetzt), ist ein Schweizer Film und endlich mal einer, der Forderungen nach mehr Diversität auf der Leinwand erfüllt. Hier spielen Schwarze die Hauptrolle. Mischlinge, portugiesische Bürger mit Wurzeln zum Beispiel in Kap Verde, Angehörige der kreolischen Kultur.

Spira und seine Freunde leben in Reboleira, einer Favela in Lissabon, dessen Häuser Neubauten weichen sollen. Regisseur Basil da Cunha schrieb das Drehbuch und führte die Kamera gleich selbst, zeigt das Viertel in stets düsterer, angespannter Bildsprache. Dafür erntete sein Film beim diesjährigen Schweizer Filmpreis den «Quartz» für die Beste Kamera. Uraufgeführt wurde er vor einem Jahr am Filmfestival von Locarno.

Jedenfalls kehrt im Film ­Spira nach acht Jahren in einer Jugenderziehungsanstalt in sein Viertel zurück. Schwierige Verhältnisse, der Quartierboss Kikas mischt mit im Drogengeschäft, Spiras Mutter ist alleinerziehend, selbst in den frivolen Strassenpartys steckt etwas Bedrohliches und Gewaltsames. In dieses Quartier kehrt Spira zurück. Alles ist ihm vertraut – und doch so fremd. Spiras Rückkehr verläuft alles andere als geschmeidig. Es ist einer dieser Stoffe, in denen der Protagonist in ein Setting zurückkehrt, das es ihm verwehrt, ein anständiger Mensch zu werden. Die Stadt lässt das Viertel verkommen, der Abfall türmt sich, der Gestank steigt einem förmlich aus der Leinwand entgegen.

Spira jedenfalls zündet nachts Mülltonnen an – und es kommt zu einem folgenschweren Brand des Autos, das ausgerechnet Drogenboss Kikas gehört.

Der Film überrascht nicht nur mit seiner Bildsprache, sondern mit der Filmmusik. Statt Fado gibt es kreolischen Sound. Dramaturgisch unterlegt da Cunha ihn mit bedrohlicher Orgelmusik. Und auf diesem Klangteppich lassen sich Spira und seine Kumpanen treiben.

Wahlheimat gefunden in der Favela

Basil da Cunha wuchs in der Westschweiz auf, fand in Reboleira vor 12 Jahren sein Zuhause. Und so drehte er seinen Film dort. Wenn er mit seinem Film schon nicht die Befindlichkeit einer (farbigen) Minderheit in der Schweiz thematisiert, dann gelingt ihm doch, den Blick für eine Minderheit zu schärfen in einem Land, über das wir aus Ferien, Fernsehen und von Gastarbeitern hierzulande vieles zu wissen glauben.

Mit seinen Filmen will da Cunha diese Menschen in das «nationale Narrativ» schreiben. «Dafür ist das Kino auch da, um Menschen zum Teil einer Geschichte hinzuzufügen, aus der sie ausgeschlossen waren», sagte er in einem Interview. Mit seinem Film gibt Basil da Cunha Europa ein diverseres Gesicht.

Der Trailer zum Film

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