Drama

Dieser Mann wird von fiebrigen Ängsten gejagt

Trailer zum Film Take Shelter - Ein Sturm zieht auf

Trailer zum Film Take Shelter - Ein Sturm zieht auf

In dem Drama «Take Shelter» des US-amerikanischen Regisseurs Jeff Nichols erschüttert ein von diffusen Visionen verfolgter Mann die amerikanische Durchschnittsfamilie.

Düstere Wolken, öliger Regen, pfeilschnelle Vogelschwärme: Die Nächte des Familienvaters Curtis LaForche (Michael Shannon) sind von apokalyptischen Albträumen geprägt. Damit nicht genug: Nachdem Curtis im Traum vom eigenen Hund gebissen wurde, schmerzt seine Hand auch tagsüber. Prophetische Anzeichen einer nahenden Naturkatastrophe oder krankhafte Einbildungen eines Angsthasen? Curtis weiss es selbst nicht.

Eigentlich geht es um die Ehe

Auch Regisseur Jeff Nichols gibt sich beim Gespräch am Filmfestival in Cannes zunächst bedeckt. «Ich verstehe meine Filme in erster Linie als Experimente», sagt der 33-jährige Amerikaner. Wohl wahr. Bei «Take Shelter» hat Nichols scheinbar unvereinbare Elemente miteinander verwoben: Kammerspiel, Katastrophenfilm, Horrormovie und Psychothriller. Aber eben: Wo fängt da die Einbildung an? Und wo hört die Realität auf?

Es gehe ihm nicht um die exakte Darstellung einer Geisteskrankheit, hält Regisseur Nichols fest. «Im Grunde wollte ich einen Film über die Ehe drehen.» Wie bitte? «Ich war gerade mal ein Jahr verheiratet», sagt der Regisseur, «als ich mit dem Drehbuch zu ‹Take Shelter› begann. Da beschäftigte mich die Frage, wie es sich anfühlt, wenn eine Ehe auseinanderzubrechen droht.» Nichts ungewöhnlicher als das? Nun, der Regisseur fand eine Antwort: Um ein Auseinanderdriften zu verhindern, müssten die Partner ihre Ängste miteinander teilen, sagt Nichols.

Genau das, man ahnt es, wird in «Take Shelter» sträflich vernachlässigt. Familienvater Curtis versucht zwar, seine Frau (Jessica Chastain) und seine taubstumme Tochter zu beschützen. Er baut einen Hundezwinger, sucht Rat beim Psychologen und nimmt einen Kredit auf, um im Garten einen unterirdischen Schutzraum einzurichten. Doch aus seinen Gedanken, so plausibel sie scheinen, schliesst Curtis seine Liebsten aus. Es bedarf erst einer heftigen Auseinandersetzung, bevor der Mann seinen Mund öffnet.

Stark: Shannon und Chastain

Pur, faszinierend, fiebrig: Michael Shannons Darstellung dieses wortkargen Grenzgängers ist vergleichbar mit jenem vermeintlich Irren aus «Revolutionary Road», für den Shannon 2009 eine Oscar-Nominierung erhielt. Ebenso mitreissend ist die Leistung von Jessica Chastain, die – 2012 ebenfalls für einen Nebenrollen-Oscar nominiert («The Help») – die Kämpferin im eigenen Heim verkörpert. «Diese Figur hat nichts mit mir gemein», sagt Chastain beim Gespräch in Cannes, «aber ich weiss, weshalb die Ehefrau so reagiert. Sie schlägt ihren Mann, weil er die Familie in grösste Gefahr gebracht hat.» Als selbstbewusste Ehefrau und Mutter war Chastain bereits letztes Jahr in Terrence Malicks «Tree of Life» neben Brad Pitt zu sehen. «Und das», sagt die Darstellerin lachend, «obwohl ich weder verheiratet bin noch Kinder habe.»

Trotzdem seien die Unterschiede beträchtlich: «Die Dreharbeiten zu Malicks ‹Tree of Life› dauerten mehrere Monate», sagt Chastain. «Das Team kam mir vor wie ein Ballett, das gemeinsam atmet und wirkt. ‹Take Shelter› dagegen musste in fünf Wochen im Kasten sein. Entsprechend hoch war unser Adrenalinpegel. Wir hatten drei Takes pro Szene, mehr lag nicht drin.»

«Für ‹Take Shelter›», bestätigt Regisseur Nichols, «standen mir nur fünf Millionen Dollar zur Verfügung.» Wie konnte er sich da Special Effects mit fliegenden Möbeln, Turmwolken und Vogelschwärmen leisten? «Dank der Strause Brothers, die schon bei James Camerons ‹Avatar› die Effekte besorgten», sagt der Regisseur. «Sie hatten meinen ersten Film ‹Shotgun Stories› geliebt. Darauf stiegen die Strause Brothers bei ‹Take Shelter› als Executive Producers ein. Das half, die Kosten tiefzuhalten.» Die Qualität hat darunter nicht gelitten – im Gegenteil: «Take Shelter» beschreibt Zukunftsängste und Katastrophenszenarien auf nachvollziehbare Art. Und manchmal, so scheint es, wirkt der Film selbst wie eine Naturgewalt.

Take Shelter – Ein Sturm zieht auf  (USA, 2011). 116 Min. Regie: Jeff Nichols

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1