Nora hält den Spiegel irgendwann dann doch zwischen ihre Beine. Die Hausfrau aus dem züchtigen Appenzell sitzt in Zürich in einem Workshop über die weibliche Sexualität. Nora – die noch nie einen Orgasmus hatte, noch nie abstimmen durfte und ihren Mann um Erlaubnis bitten muss, wenn sie Teilzeit arbeiten will – beginnt sich endlich selber zu entdecken. Auf allen Ebenen: Willkommen in der Schweiz 1971.

Nicht nur Nora (gespielt von Marie Leuenberger) erkundet in «Die göttliche Ordnung» ihre Schamregion: Auch für die Zuschauer wirkt der Film von Petra Volpe wie ein Rückspiegel in eine beschämende Schweiz. Ein Land, in dem übel gelaunte Grossväter in Pantoffeln von der Stube aus nach mehr Bier rufen und nichts wichtiger scheint, als was die Nachbarn denken.

Eine Schweiz, die heute auf den ersten Blick unendlich weit entfernt scheint. Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe sagt: «Ich erkenne diese alte Schweiz heute immer noch.» Die Angst vor dem Fremden und vor der Veränderung sei noch immer weit verbreitet. Und nichts anderes sei der Kampf gegen das Frauenstimmrecht gewesen.

Trailer zu «Die Göttliche Ordnung»

Trailer zu «Die Göttliche Ordnung»

Zwischen Nische und Masse

«Die göttliche Ordnung» eröffnet am Donnerstag die 52. Solothurner Filmtage. Es ist die neueste Arbeit der derzeit erfolgreichsten Filmschaffenden der Schweiz, Petra Volpe. Aufgewachsen in Suhr AG, heute in Berlin und New York. Volpe schafft wie nur ganz wenige im Schweizer Film den Spagat zwischen Art House und Blockbuster, zwischen Nische und Masse.

Sie schrieb das Drehbuch für «Heidi», den erfolgreichsten Schweizer Film aller Zeiten, der schon in den ersten fünf Wochen im deutschsprachigen Raum 1,5 Millionen Zuschauer ins Kino lockte. Sie inszeniert aber auch kompromisslose Filme wie «Traumland», einen Film über Prostitution und Liebe, der sie zu einem Liebling der Filmkritiker machte.

Petra Volpe arbeitet sich aus dem Exil an der Schweiz ab. An den Klischees, den Abgründen. Sie sagt: die Distanz schärfe ihren Blick. In ihrem neusten Werk verbindet sich die Optik der Heidi-Schweiz mit einer Geschichte, die sich einem der politischen Schandflecke der modernen Schweiz widmet. Damit könnte Volpe ein breites Publikum erreichen, vielleicht sogar ein internationales. Die dänische Distributionsgesellschaft Trust Nordisk vertreibt den Film global. Petra Volpe ist stolz darauf. «Es war mein Ziel, die Geschichte so zu erzählen, dass sie universal funktioniert und nicht bloss eine nationale Kuriosität abbildet.»

«Die göttliche Ordnung» ist eine zärtlich erzählte, humorvolle Geschichte mit vielen nostalgischen Elementen – Zinksalbe auf dem Nachttisch, Vivi Kola im Kühlschrank – die in ihrem Kern aber zutiefst politisch ist. «Natürlich ist seit 1971 gesetzlich viel passiert in der Gleichstellung», sagt Petra Volpe, «aber es ist schockierend, wie viele Forderungen von damals immer noch aktuell sind.» Volpes Film zeigt eindrücklich, dass das fehlende Stimmrecht nur eine Form der Unterdrückung der Frau war. Dazu kam die Unterdrückung am Arbeitsplatz, in der Justiz und im Bett. Der Film schafft die beklemmende Gewissheit, dass diese Schweiz für Frauen nichts anderes als ein Unrechtsstaat war.

Die Zeit ist reif für den Film. Denn zum ersten Mal seit langer Zeit machen sich Frauen wieder lautstark bemerkbar. Wochenlang diskutierte die Schweiz 2016 in der Aufschrei-Debatte über Sexismus und Diskriminierung. Petra Volpe spürte bei der Finanzierung des Films ganz deutlich, dass der Stoff einen Nerv trifft. «Es war viel einfacher, an Geld zu kommen als bei anderen Projekten.» Das Geld war nötig, die Produktion war teuer. «Historische Filme sind immer aufwendig. In den 1970er-Jahren trug jede Frau eine Frisur. Das trieb unsere Kosten in die Höhe.»

«Die göttliche Ordnung» ist eine ausrecherchierte Geschichte, deren Handlung zwar fiktiv ist, aber historisch akkurat. Dabei fliessen in Volpes Geschichte auch verstörende Phänomene ein wie jenes der Anti-Suffragetten, die vehement gegen das Stimmrecht kämpften. «Das waren oft Gebildete und gut situierte Frauen, die sich in der Gesellschaft einen gewissen Status erarbeitet hatten und nicht wollten, dass künftig auch ihre Köchin etwas zu sagen haben soll.» Volpe glaubt aufgrund ihrer Recherchen auch nicht, dass das Stimmrecht so spät gekommen sei wegen der direkten Demokratie «Motionen der Frauen sind regelrecht in der Schublade des Bundesrates verschwunden und einfach liegen geblieben. Es fehlte auch der politische Wille.»

Lücke filmisch geschlossen

Mit jeder Minute macht «Die göttliche Ordnung» klar, dass ein Film wie dieser in der Schweiz bisher gefehlt hat. Eigentlich erstaunlich. Denn das fehlende Frauenstimmrecht gehört im negativen Sinn genauso zum Schweizer Image wie die restriktive Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs oder das Swissair-Grounding. Nun hat Petra Volpe die Lücke filmisch geschlossen – und damit nicht überall nur Freude ausgelöst. «Im Appenzellerland hörte ich einmal die Frage: Müsst ihr das unbedingt bei uns drehen? Aber generell wurden wir extrem unterstützt.» Auch wenn es im Film keine Rolle spielt und Volpe das Appenzell aus visuellen Gründen als Drehort wählte: die prominente Rolle dieser Region ist verdient. Die beiden Appenzeller Halbkantone führten das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene 1989 und 1990 ein.

«Die göttliche Ordnung» eröffnet am 19. Januar die 52. Solothurner Filmtage. Kinostart am 9. März.