Ein alter Fuss setzt auf dem Gras vor der Haustür auf. Rory MacNeil (Brian Cox) beginnt den Tag mit Nacktschwimmen im Atlantischen Ozean. Der 74-Jährige lebt seit Jahr und Tag auf der Insel Vallasay auf den Äusseren Hebriden. Ein Schotte wie er im Buche steht, ist er stolz auf seine Herkunft, stellt seine Trinkfestigkeit im Pub unter Beweis, nimmt unabänderliche Dinge mit dem nötigen Humor und die uralte Fehde mit den Campbells mit dem gebotenen Ernst.

Die emotionale Entfernung zu seinem Sohn Ian (JJ Feild), der seit Jahren in San Francisco lebt, ist mindestens so weit und tief wie der Atlantik. Diesen nie zu überqueren, hat sich Rory eigentlich geschworen. Doch er weiss, dass mit ihm etwas nicht stimmt, und die Tabletten, die ihm der Tierarzt nur mehr widerwillig abgibt, nicht mehr als Symptombekämpfung sind. Also setzt er sich doch in dieses gottverdammte Flugzeug, zumal die Schwiegertochter (Thora Birch) im Spital arbeitet. Denn vor Alastair Campbell abzukratzen, kommt nicht infrage.

Cohn hält die Fäden zusammen

«Menschlichkeit ohne jede Spur von Sentimentalität», schrieb die «Welt am Sonntag» über den Roman «Das etruskische Lächeln» von José Luis Sampedro. Daraus sind die Stoffe gemacht, die der Basler Filmproduzent in filmischen Adaptionen sucht. Die Rechte für den Bestseller des 2013 verstorbenen spanischen Schriftstellers und Ökonomen hatte der heute 91-Jährige bereits 1998 erworben; elf Mal war er in Barcelona, um sie zu verlängern, da er mit den Drehbuchfassungen nicht zufrieden war.

Cohn ist ein Produzent, der die Fäden seiner Projekte von Anfang an zusammenhält. Mit seinem ersten Dokumentarfilm als unabhängiger Produzent, «Le ciel et la boue» von 1961, gewann er seinen ersten von sechs Oscars. Seine an die dreissig Dokumentar- und Spielfilme, von denen Vittorio De Sicas «Il giardino dei Finzi Contini» (1970), «Central Station» von Walter Salles (1998), «One Day in September» (1999) oder «Les choristes» (2004) zu den bekanntesten gehören, zeichnen sich durch hohe künstlerische Konstanz aus. Seine Produktionen sind privat finanziert, und als einer von wenigen Produzenten behält sich Cohn das Recht auf den «Final Cut» vor.

Mit der Regie von «The Etruscan Smile» hat Cohn Mihal Brezis und Oded Binnun beauftragt, die ihm durch ihren Oscar-nominierten «sensitiven Kurzfilm» (Cohn) «Aya» aufgefallen waren. Es ist der erste Spielfilm des israelischen Duos, der sich wie alle Cohn-Filme durch eine herausragende Kameraarbeit auszeichnet. Schon früh stand fest, die Handlung von Italien in die USA und nach Schottland zu verlegen, «um den Stoff dem englischsprachigen Publikum zugänglicher zu machen», wie Cohn jüngst im «Tagi»-Interview sagte. Die Geschichte lebt vom Stadt-Land-Gegensatz und vom Generationenkonflikt.

Charmantes Arschloch mit Herz

Die Spannungen zwischen Rory und Ian fussen auf dem Unverständnis des Vaters für den sensiblen Sohn. Zu früh wollte er einen «richtigen Mann» aus ihm machen. Diese Einsicht kommt spät, aber noch rechtzeitig für den krebskranken Rory.

In der fremden Umgebung, wo man vor lauter bunten Lichtern den Sternenhimmel nicht sieht, findet Rory in seinem einjährigen Enkel Jamie das einzig Echte. Die Eltern übergeben Jamie am Morgen der Nanny, um zu ihren Jobs zu eilen. Aber auch zu Hause, sind am Handy oder lassen Jamie des Nachts weinen, damit er möglichst früh «autonom» werde. Aus diesem Erziehungs-Korsett will Rory den Jungen befreien.

Es ist eine eigenartige Wandlung zum liebenden Grossvater, die Rory vollzieht. Und wenn die widersprüchliche Figur – ein charmantes Arschloch mit Herz – nicht vom Schotten Brian Cox («Churchill») verkörpert würde, hätte man als Zuschauer wohl so seine Schwierigkeiten. Trotzdem bleibt das schale Gefühl zurück, dass letzten Endes nur die Jungen vom Alten gelernt haben. Er bekommt eigentlich immer recht. Dass er auch noch das Herz einer viel jüngeren Expertin für etruskische Kunst (Rosanna Arquette) für sich erobert, ist dann etwas zu viel des Guten. Doch sie ist es, die ihm hilft – wie die Etrusker –, dem Tod mit einem Lächeln entgegenzusehen.

Es ist diese im Roman angelegte Kritik an der modernen, hektischen Welt, die Arthur Cohn wohl für den Stoff eingenommen hat. Sampedro prangert Konsumismus und mediale Ablenkung an. Auch Cohn gibt seinen Projekten Zeit und plädiert dafür, sich den Takt nicht von modernen Kommunikationsmitteln diktieren zu lassen.

Sentimental ist «The Etruscan Smile» nicht, doch sehr klassisch im Aufbau – schwülstig ist einzig die Musik. Am Schluss ist da ein kleiner nackter Fuss, der neben dem grossen aufs Gras hinaustritt. Die Message fügt sich nahtlos in Cohns filmisches Universum menschlicher Geschichten ein: Beziehungen entwickeln sich über echte Interaktion – und nicht über Computer und Smartphones. Und auch Cohns Credo von der Balance zwischen «Wurzeln» und «Flügeln» wird bedient: Rory bestärkt Ian darin, seinen eigenen Weg zu gehen, und gleichzeitig erinnert er ihn an seine Wurzeln.