Die Häuser sind lila und türkis, der Himmel blau und das Gras grün. Der Highway grau wie überall. Die Sonne steht hoch, weshalb Moonee (Brooklynn Prince) und Scootey (Christopher Rivera) irgendwo in der weiten Anlage des «Magic Castle» Schutz suchen. In wenigen Einstellungen etabliert der Spielfilm «The Florida Project» eine Welt, die in all ihrer Sommerferienidylle einen Hauch von Verfall atmet.

Schauplatz ist die Umgebung des genannten Motels, am Highway 192 in Orlando, Florida, gelegen. Disney World ist einen Katzensprung entfernt. Hauptprotagonisten sind die Kinder, die mit ihren Familien – meist mit ihren Müttern – in einem der zahlreichen Zimmer hausen. Touristen hat das «Magic Castle» schon lange keine mehr gesehen.

US-Regisseur Sean Baker, Jahrgang 1971, ist ein Independent-Filmemacher durch und durch. Und ein Autorenfilmer, der die Fäden seiner Projekte ganz in den eigenen Händen hält. Auch sein letzter langer Spielfilm, «Tangerine», versprüht eine Art dokumentarischen Realismus, angesiedelt in der klar umrissenen Welt von zwei Transgender-Prostituierten in L. A. unweit der Hollywoodlettern. Mit dem Studiofilmkino der Traumfabrik haben Bakers Filme nichts gemein.

35 Dollar fürs Zimmer

«The Florida Project» ist weniger exaltiert als die Liebeskomödie «Tangerine». Ganz aus der Perspektive der Kinder erzählen Baker und sein Co-Drehbuchautor Chris Bergoch von den langwierigen Auswirkungen der Finanz- und Immobilienkrise auf die unteren Gesellschaftsschichten. Die etwa sechsjährige Moonee und ihre junge Mutter Halley (Bria Vinaite) leben seit einiger Zeit im «Magic Castle».

Halley ist arbeitslos, und doch müssen sie jeden Tag die 35 Dollar fürs Zimmer zusammenbekommen. Bobby, der Manager, ist so etwas wie die gute Seele des «Magic Castle». Er ist zurückhaltend, aber fair, und man merkt, dass ihm das Schicksal der Bewohner am Herzen liegt. Willem Dafoe ist als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert. In der für ihn eher ungewöhnlichen Rolle in der Zusammenarbeit mit Laien oder zumindest unerfahrenen Schauspielern kann er eine neue Facette von sich zeigen.

Alles andere als traurig

Unweit der Billigmotels gibt es eine verlassene Häuserzeile. Im letztjährigen Oscar-Gewinner «Moonlight» versteckt sich der junge Hauptdarsteller in einem solchen Drogenloch vor seinen Mitschülern, wo er von einem Drogendealer aufgegriffen wird, der sich fortan um den Jungen kümmert.

In «The Florida Project» führt eine erweiterte Erkundungstour die Kinder dorthin, was auch Einfluss auf den dramatischen Verlauf der Geschichte haben wird. Auch von der Farb- und Lichtinszenierung her gibt es Ähnlichkeiten zwischen den beiden Filmen. Die Farben leuchten noch stärker als bei «Moonlight».

Bei all dem ist «The Florida Project» alles andere als ein trauriger Film. Die Hauptfiguren sprühen vor Leben, und ihr Umgang rührt zutiefst. Halley ist geduldig, verliert gegenüber von Moonee nie die Fassung und ist für jeden Spass zu haben. Sie ist eine gute Mutter, wenn auch selbst noch ein Kind. Gemeinsam halten sie sich mit kleinen Gaunereien über Wasser.

Bis zu dem Tag, an dem auch das nicht mehr ausreicht und man sich schon fragt, wieso Moonee dauernd bei geschlossener Tür und lautem Hip-Hop in der Badewanne sitzt und wie viele Barbies sie noch hat, denen sie die Haare waschen kann.