Die Zukunft, sagte Filmtage-Direktor Ivo Kummer an der Eröffnung, sehe man oft im Rückspiegel. Doch Filme, die das Herz zum Glühen bringen, finden zwangsläufig vorwärtsgewandt auf der Leinwand statt. Und genau dort gehören sie auch hin. Natürlich bezieht sich Kummer mit seinem Bonmot auf die politischen Querelen im Filmförderland Schweiz und man möchte fast meinen, dass ob der Zankereien zwischen Filmverbänden und dem Bundesamt für Kultur (BAK) der Hauptdarsteller Film nur noch eine kleine Nebenrolle spielt. Dem ist wahrlich nicht so, wie die am Donnerstag eröffneten 46.Solothurner Filmtage beweisen. Die Vergangenheit soll endlich ruhen. Und da es eine Werkschau ist, deren Aufgabe darin besteht, das gesamte Schweizer Filmschaffen abzubilden, dürfen nicht nur die grossen Produktionen im Vordergrund stehen.

Surreale Welten

Darum: Der Kurzfilm «I cani abbaiano» des jungen Filmemachers Michele Pennetta erzählt von Roberto und Felice, den letzten Einwohnern des Geisterorts Camarda in der italienischen Provinz L’Aquila, die ohne Strom und Wasser ein sonderbares Leben in einer vom Erdbeben zerstörten Kulisse fristen. Sie leben in einer surrealen Welt, die sich lediglich aus ihren verblassten Erinnerungen schöpft und mehr und mehr an Konturen verliert. Die Konturen ebenfalls aufgelöst haben sich bei Elodie Pong und ihrem filmischen Essay «Contemporary». Pong vermengt darin Dokumentarfilm und Artvideo zu einem erhellenden und nicht selten komischen Potpourri über den Seinszustand der «Post-alles-Ära». Alles dreht und wendet sich um die Dekonstruktion unserer Identität und damit auch der zeitgenössischen Kunst. Im Reigen der über 200 Filme ein Amuse-Bouche der besonders leckeren Art.

«Satte Farben vor Schwarz» von Sophie Heldman

«Satte Farben vor Schwarz» von Sophie Heldman

Für den Prix de Soleure ebenso nominiert wie für den Prix du Public ist Léa Pools Familiendrama «La dernière fugue». Die von Ruth Waldburger produzierte Geschichte über einen an Parkinson erkrankten Patriarchen wurde an der Premiere vom Samstagabend frenetisch gefeiert. Nicht verwunderlich, denn das exzellent inszenierte Drama besticht durch herausragende Schauspieler und ein vorzügliches Drehbuch, dessen ungekünstelte Dialoge von hoher Empathie zeugen. Die in Kanada lebende Schweizerin zeigt ein faszinierendes Stück Kino über Selbstbestimmung und Würde im Alter.

Mit Silvio Soldinis «Cosa voglio di più», der bereits in Locarno Premiere feierte, erhält Pool ernst zu nehmende Konkurrenz um den Prix du Public. Kann man sich jederzeit für die grosse Liebe entscheiden? Nein. Soldinis Antwort – 126 Minuten und keine Sekunde zu lang – ist wahr und tragisch zugleich, doch sicher keine unromantische Lüge. Er erzählt von der liierten Anna (Alba Rohrwacher) und dem zweifachen Vater Domenico (Pierfrancesco Favino), die sich allzu plötzlich in einer Amour fou wiederfinden. Auf der Flucht vor dem Alltag und der Suche nach dem eigenen Ich versteigt sich das Liebespaar immer tiefer in Lug und Betrug.

«Cosa voglio di più» von Silvio Soldini

«Cosa voglio di più» von Silvio Soldini

Nicht zu vergessen ist der viel beschäftigte Bruno Ganz, der gleich in zwei Produktionen zu sehen ist. In «Satte Farben vor Schwarz», dem starken Erstling von Sophie Heldman, und in Jo Baiers «Das Ende ist mein Anfang». Beide Filme nähern sich der Krankheit Krebs auf ganz unterschiedliche Weise. Zwar gibt sich ersterer, der für den Prix de Soleure nominiert ist, in gewissen Momenten etwas gar bedeutungsschwanger, doch selten hat man mit Ganz und Senta Berger ein solch authentisches Liebespaar auf der Leinwand gesehen.

Spannende Dokumentarfilme

Starkes Kino liefert abermals der Schweizer Dokumentarfilm. «Das Schiff des Torjägers» von Heidi Specogna widmet sich dem modernen Sklavenhandel in Afrika. Specogna erzählt eine Geschichte über Träume, Fussball und die Handelsware Mensch – ein erschütternder Blick hinter die Kulissen der afrikanischen Gesellschaft, die ihre Kinder aus Not zu Sklaven macht. Ganz anders gibt sich die artifizielle Umsetzung der «Letzten Tage der Ceausescus» von Marcel Bächtiger, Milo Rau, Simone Eisenring und Jens Dietrich. Der Dokumentarfilm, wenn man ihn denn überhaupt als solchen deklarieren darf, ist primär in formaler Hinsicht ein sehr interessantes Experiment. Auf der Grundlage von authentischen Videodokumenten und Zeugenberichten wurde der berühmte Schauprozess gegen das Ehepaar Ceausescu in originalgetreu nachgebauten Kulissen reinszeniert.

Eine ganz eigene Sicht auf die Welt hat Erwin Mürner. Er ist überzeugt, dass irgendwo im Kosmos Ausserirdische existieren müssen. Jonas Meier porträtiert in «Mürners Universum» einen Senior, der mit seinen Gedanken zwischen Esoterik und metaphysischem Schaudern pendelt. Ob Dokumentarfilm oder Fiktion: Die Solothurner Filmtage lassen wieder hoffen.