Science-Fiction
Die Rebellen rollen im «Snowpiercer» nach Nirgendwo

Ein Experiment, das die Erderwärmung stoppen sollte, geht schief. Es kommt zur Eiszeit, das fast alles Leben zerstört. Die letzten Menschen leben in einem Zug, dem Snowpiercer, der um die Erde rast.

Hans Jürg Zinsli
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Curtis (Chris Evans) zettelt im Zug – eine mobile Arche Noah – eine Revolte an.

Curtis (Chris Evans) zettelt im Zug – eine mobile Arche Noah – eine Revolte an.

Ascot Elite

Draussen besteht die Welt nur noch aus Schnee und Eis. Drinnen herrscht ewige Dunkelheit – jedenfalls in jenem Zugabteil, das wir zu Beginn von «Snowpiercer» sehen: Es ist ein rollendes Elendsviertel mit in Lumpen gekleideten Bewohnern, die auf Etagenbetten hausen. Manchen fehlt ein Arm oder ein Bein, Duschen gibts keine, und die einzige Nahrung wird in Form von klebrig-schwarzen Proteinquadern verabreicht, deren Kauerlebnis man sich nicht vorstellen mag.

In diesem letzten Refugium der Menschheit begegnen wir einem Waldschrat namens Curtis (Chris Evans). Und nein, man braucht kein Prophet zu sein, um zu ahnen, dass dieser Held, der kein Anführer sein will, bald eine Revolte in dieser mobilen Arche anzetteln wird.

Ein Glücksfall fürs Kino

«Snowpiercer» basiert auf der französischen Graphic Novel «Le Transperceneige» (1982), und es ist der erste internationale Film des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho. Der 44-Jährige ist, man kanns nicht anders sagen, eine Koryphäe und ein Glücksfall fürs Kino: Mit «The Host» (2006) hatte er einen der kuriosesten Monsterfilme aller Zeiten gedreht, der zum erfolgreichsten Box-Office-Hit seines Landes avancierte. Bong geniesst aber auch den Ruf eines Autorenfilmers und wird regelmässig ans Filmfestival von Cannes eingeladen.

Wie das zusammenpasst? Nun, Bong vermag westliche und asiatische Kinotraditionen so zu vermählen, dass es wie ein Kinderspiel daherkommt: Familiendrama, Actionfilm und Splatterkino tanzen fröhlich Ringelreihen. Dazu gibts eine satte Dosis schwarzen Humors, etwa wenn in «Snowpiercer» die stellvertretende Befehlshaberin (herrlich verunstaltet: Tilda Swinton) dem Fussvolk die Zughierarchie anhand eines Schuhs einbläut. Notabene während einer Folterszene.

Was Bong in «Snowpiercer» auffährt, zeugt denn auch von einem Hang zur Bildopulenz. Ein erstes Mal blitzt diese Kunst auf, als inmitten des Slums eine Frau im quietschgelben Mantel auftaucht, um Kinder zu vermessen und einzusammeln. Das bringt das Fass zum Überlaufen: Curtis und sein nervöser Sidekick Edgar (Jamie Bell) proben den Aufstand und arbeiten sich mithilfe eines drogensüchtigen Schlossknackers (Song Kang-ho) sowie dessen hellsichtiger Tochter (Ko Asung) Waggon um Waggon nach vorne, Richtung Zugspitze – nicht ahnend, auf wen oder was sie wohl zusteuern, aber Mal um Mal staunend, wenn sich ihnen immer neue Zugabteile erschliessen: mal als Gefängnis oder Sushibar, mal als Gewächshaus oder Indoktrinierungsanstalt.

«Snowpiercer» bedient ein Konzept der fortlaufenden Überwältigung. Es ist ein Film, in dem die Figuren kaum Wissensvorsprung gegenüber dem Zuschauer haben. Zum Zauberwerk wird er indes nicht wegen horrender Beschleunigung, sondern dank Pausen und Interpunktionen. Etwa dann, wenn Kapuzen tragende Schergen ihre Streitäxte sorgsam in einem herumgereichten Fischbauch mit Blut netzen. Oder wenn Regisseur Bong mitten im Schlachtgetümmel auf die Bremse tritt, damit sich die Kämpfer ein gutes neues Jahr wünschen können.

Akribisch geplantes Spektakel

Noch bemerkenswerter ist höchstens, was man nicht sieht: Da Regisseur Bong seine Szenen akribisch plant, entsteht während der Dreharbeiten kaum «Restmaterial». Damit verhindert er, dass sein zweistündiger Film nachträglich umgeschnitten werden kann. Genau das war aber die Absicht des gefürchteten US-Produzenten und Verleihers Harvey «Scissorhands» Weinstein, als er «Snowpiercer» für den englischsprachigen Filmmarkt erwarb. Weinstein unterlag, ganz unrecht hatte er jedoch nicht: Ein Makel des Films sind die überfrachteten Schlussmonologe, was damit zusammenhängt, dass Hauptdarsteller Chris Evans («Captain America») zwar den soliden Haudrauf beherrscht, als Zweifler und Zauderer aber rumsteht wie gefrorenes Joghurt. Da kann auch Ed Harris («The Truman Show») als Zugmastermind wenig retten.

Und trotzdem ist der Film eine Wucht. Warum? Weil er in der Zukunft spielt, aber das Hier und Jetzt meint. Von eiskalt kalkulierter Gesellschaftshierarchie über wahnhafte Technikgläubigkeit bis zur schlüssigen Revolutionstheorie ist hier alles drin.

Und das System hält, was es verspricht. Man könnte auch sagen: Wer mit sanften Retuschen der Arche-Thematik leben kann, wird derzeit in Darren Aronofskys «Noah» gut bedient. Wer jedoch nach klaustrophobischem Spektakel am Rande der Hysterie dürstet, bekommt mit «Snowpiercer» auch die volle Packung verabreicht.

Snowpiercer (KOR / USA / F / CZ 2014) 126 Min. Regie: Bong Joon-ho. Mit Chris Evans, Tilda Swinton, Jamie Bell u. a.
Ab Donnerstag, 1.Mai, im Kino.

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