Fernsehen

Die nationale Alternative zum Geschlechtsverkehr: «Deville» gegen «Late Update» – eine Kritik

Ex-Punk Dominic Deville (rechts) mit seinem noch wachzuküssenden Sidekick Patrick Karpiczenko.

Ex-Punk Dominic Deville (rechts) mit seinem noch wachzuküssenden Sidekick Patrick Karpiczenko.

«Deville» hat Michael Elseners «Late Update» am Sonntagabend abgelöst. Eine Kritik mit Schlagseite

Dominic Deville haut auf das Schlagzeug ein, schreit ekstatisch, die Wangen schlabbern im Rhythmus. Nach Sekunde 6 beim Intro ist bereits klar: Da ist ein Irrer am Werk. Und: Die müssen sich beim Filmen dieses Videos einen abgelacht haben.

Ich, 39, Mittelstand, pünktliche Steuerzahlerin, habe auf Deville gewartet. Im Dezember hatte er seine letzte Show am undankbaren Freitagabend. Jetzt ist er Lückenfüller und Konkurrent von Elseners «Late Update» am Sonntagabend um 21.40 Uhr.

Der Satiriker wird von seinem neuen Sidekick Patrick «Karpi» Karpiczenko als die «nationale Alternative zum Geschlechtsverkehr» angekündigt und tritt vor die Kamera mit senfgelb-blau gestreifter Krawatte zum violetten Einstecktuch mit grauen Punkten. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Da tritt wieder einer im Anzug an, die Sonntagabend-Zuschauerinnen zu bespassen, aber wenn seine Satire so dezent daneben liegt wie die Poschettli-Farbe, könnte es gut kommen.

SRF-interner Wettkampf

«Ganz herzlich willkommen zur Sendung, die zufälligerweise gleich heisst wie ich.» Selbstironische Selbstbeweihräucherung – ich werfe in Gedanken schon ein paar Vorschusslorbeeren ins Zürcher Mascotte, wo «Deville» gedreht wird. Ab Ende der Sendung werden sie zerkaut am Boden liegen, aber das ist egal, wir sind noch im ersten Drittel und Deville, der ehemalige Kindergärtner, Hobby-Schlagzeuger, Zauberer und sonstiger Gelegenheitsjob-Angestellter, er rockt – mit schriller Stimme und nach hinten gegelter Frisur.

Und heute, so scheint es, nervöser als sonst. Schliesslich ist das auch ein SRF-interner Konkurrenzkampf: Wer macht die bessere Sonntagabend-Satire, Elsener oder Deville? Der mit dem Master in Politikwissenschaften und Publizistik und Ausbildung in Improvisationskunst oder eben derjenige, der mit 27 wieder zu Hause in Luzern bei den Eltern einziehen musste, nachdem er aus Berlin mit Schulden zurückkehrte, dem lange nichts richtig gelang, der dann halbtags wieder im Kindergarten unterrichtete, als die Freundin schwanger wurde. Erst vor sechs Jahren startete er erfolgreich als Satiriker und Comedian.

Mit soliden Ausbildungen haben beide begonnen. Als vernünftige Bürgerin kann ich das nachvollziehen, aber sehen möchte ich am Bildschirm lieber nicht mich selbst. Mit Elsener würde ich sofort eine WG gründen, aber zuschauen will ich Deville, dem in der ersten Sendung der Griff des Kuchenmessers abbricht, der dann einen Moment unsicher herumfuchtelt, währenddessen man ihm zutraut, dass er die Torte zum Requisiteur hinter die Bühne werfen könnte.

Das passiert im letzten Drittel der Sendung und dieser Patzer – ob nun Sabotageakt des Requisitenteams oder nicht – entschädigt mich für die schlechten Einspieler davor. Die Kabarettistin Lisa Catena – Hauptact der Sendung – fiel durch, Nico Semsrott – immerhin bekannt von der ZDF-«Heute-Show» – liess mich ebenfalls kalt. Und Devilles Sidekick Karpi hat garantiert eine Menge Humor, da er bisher Devilles Haupt-Autor war, aber Kamerapräsenz hat er (noch) keine. Deville hätte besser (viel besser!) seine bitter-bös-süsse Ágota Dimén aus Transsilvanien behalten.

Nur Gabriel Vetter enttäuschte nicht: Als Vertreter des Aktionskomitees für die Zeitliche Landesverteidigung Schweiz wehrte er sich im Faserpelz gegen das europäische Diktat der Zeitmessung und für eine einkommensabhängige Sommerzeit.

Eins zu null für Deville

Aber wir waren beim Duell Elsener -Deville. Pädagogisch ist jetzt plötzlich auch Deville unterwegs: Am Schluss rutscht ihm beim Thema tiefe Wahlbeteiligung der Satz «Geht wählen, es ist wichtig» über die Lippen. Da hilft es nicht mehr zu wissen, dass Deville unter seinem gut sitzenden Anzug Tattoos trägt. Bezüglich Pointen-Setzen liegt der Punktestand trotz allem 1:0 für Deville. Im Unterschied zu Elsener mit seinen witztötenden Kunstpausen setzt Deville die Pointen nonchalant im Nebensatz, wie einem, dem das Bein gestellt wird, wenn er schon fast vorübergegangen ist.

So viele wie Elsener wollten Deville übrigens längst nicht sehen: Während Elsener in der ersten Sendung mit einem Zuschaueranteil von fast 30 Prozent startete (und dann auf 18 Prozent absackte), hatte Deville am Sonntag nur 20 Prozent. Mehr als dies will ich von den Zuschauern nicht wissen. Die Einblender des Publikums waren mir peinlich wie der Blick in den Spiegel.

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