Sie gehört zum Menschen, wie der Rauch zum Feuer: die Sehnsucht nach einer Welt, in welcher der Mensch in Harmonie mit seiner Umwelt arbeitet und lebt. Vermutet wird diese Harmonie meistens dort, wo Menschen eng mit der Natur zusammenarbeiten und -leben. Filme wie Erich Langjahrs «Das Erbe der Bergler», Hans Haldimanns «Bergauf, bergab» oder Fredi Murers «Wir Bergler in den Bergen» zeigen die helvetische Spielart dieses naturverbundenen Daseins.

Nun bringt der Luzerner Regisseur und Filmproduzent Robert Müller eine weitere Variante dieser Art Heimatfilm in die Kinos. Seine Dokumentation «Köhlernächte» spielt im Entlebuch, jener von Tälern durchfurchten Landschaft am Fusse des Pilatus. Dort, auf dem Gebiet der Gemeinde Bramboden, zwischen Finsteregg und Egelshorn, steigt nicht nur Nebel entlang der Tannenwälder gegen den Himmel, sondern zuweilen auch beissender Rauch. Er stammt aus Kohlemeilern, den letzten kommerziell betriebenen in Westeuropa.

Ein paar wenige Bauernfamilien erhalten hier ein archaisches Handwerk und stellen Holzkohle her. Sie schichten Holz, das sie aus ihren eigenen Wäldern schlagen, zu kunstvollen Haufen und bedecken diese mit Reisig und der «Löschi», einem Gemisch aus Erde und Kohlestaub. Dann wird der Meiler in der Mitte angezündet. Während zweier Wochen wird das Holz verkohlt.

Unter Luftausschluss, bei Temperaturen von 300 bis 600 Grad, verwandelt es sich in diese schwarzen Brocken, die im Sommer unsere Würste und Steaks zum Brutzeln bringen. Rund 90 Tonnen werden pro Jahr in Bramboden hergestellt. Die Bauern verdienen sich mit der Köhlerei rund einen Viertel ihres Einkommens. Der Hauptabnehmer ist das Billigwarenhaus Otto’s Warenposten.

Knorrige Entlebucher

Regisseur Müller geht mit seiner Kamera nah ran. Er begleitet die Bauern im Winter beim Holzschlagen, teilt ihre Znünipausen im Wald, besucht die Generalversammlung des örtlichen Köhlervereins, dokumentiert die langwierige, geduldige und harte Arbeit der Männer oder zeigt die Besuche anderer Köhlervereine. Seine Protagonisten sind knorrige, mit dem Entlebuch verwachsene Menschen.

Der bald siebzigjährige Fränz Röösli verflucht seine Holzhaufen und liebt sie doch. Willi Renggli, Präsident des Verbandes, sieht das touristische Potenzial der Holzkohlemeilerei. Willi Röösli ist der Meister, wenn es um das Handwerk, alte Kniffs und gute Ratschläge geht. Doris Wicki ist eine der wenigen Frauen, die sich in der Männerdomäne der Köhlerei einen Namen gemacht hat.

Zur heimlichen Hauptfigur wird jedoch Lukas Thalmann. Er ist Landjugend pur. Wir sehen den Zwölfjährigen, wie er seinen ersten Meiler von A bis Z betreut. Er opfert dafür seine Sommerferien. Autofahren hat er bereits mit acht gelernt. Sein Tonfall ist der eines Erwachsenen. Die Motorsäge bedient er virtuos – ohne Handschuh und Helm. Zur Pause raucht er auch mal eine Krumme. Ein Eulenjunges, aus dem Nest gefallen wie er, begleitet ihn durch die Wochen im Wald.

Mehr Info statt Atmosphäre

Diese Entlebucher haben ihre Eigenarten bewahrt. Sie pflegen, was ihre Väter und Grossväter sie gelehrt haben. Sie sind stolz auf ihr Handwerk, machen aber kein Aufsehen darum. Regisseur Müller lässt sie ohne begleitenden Kommentar zu Wort kommen. Das schafft Authentizität, geht aber auf Kosten der Information.

Gerne würde der Zuschauer präziser in das Handwerk, seine Geschichte und seine Bedeutung für diesen Landstrich eingeführt. Es bleiben ungeklärte Fragen: Wie effizient ist diese Art der Energiegewinnung noch? Gibt es kritische Stimmen, die es nicht so nostalgisch finden, wenn sich das ganze Tal über Wochen mit beissendem Rauch füllt? Wieso ist gerade ein Billigwarenhaus Abnehmer dieses Naturprodukts?

Müller gewichtet seine Hommage an die Köhler vom Entlebuch anders. In langsamen und gedehnten Einstellungen zeigt er, wie die Männer die Nächte neben und auf ihren rauchenden Meilern verbringen. Sphärisch klingt dazu die Filmmusik des Basler Perkussionisten Fritz Hauser.

Die knochenharte Arbeit wird zur mythischen Tätigkeit in der Natur überhöht. Eine Art der Verklärung, die in der Kunst Tradition hat. Bereits das Schäferleben war den Entdeckern der Schweizer Alpen ein Idyll. Im Museum wie im Kinosessel lässt sich leicht von der Natur träumen. Ohne beissenden Rauch, gerötete Augen und müde Beine.

«Köhlernächte». Schweizer Kinostart ist am 11. Januar.