Anfang letzte Woche gab Samantha Bee eine Meisterklasse in Eigenpromotion: Während US-Präsident Trump und sein Chef-Stratege Stephen Bannon kritische Medien als «Oppositionspartei» beschimpften und diese anhielten, «die Klappe zu halten», machte die aus Jon Stewarts «Daily Show» bekannte US-Komikerin eine Ankündigung: Sie plane eine Alternativveranstaltung zum diesjährigen White House Correspondents’ Dinner (WHCD). Trumps unliebsame Medienschaffende und Angehörige der Unterhaltungsbranche seien herzlich zum Not The White House Correspondents’ Dinner eingeladen; jeglicher Gewinn werde dem Schutzkomitee für Journalisten CPJ gespendet.

Zum Verständnis dieser Provokation: Das Correspondents’ Dinner ist ein bisschen wie ein Washingtoner Opernball für Journalisten und das Weisse Haus. Gegründet 1914, hält die Korrespondentenvereinigung des Weissen Hauses seit 1920 jedes Jahr Hof in Form einer Gala, an der Angestellte des Weissen Hauses und der über sie berichtende Press-Pool zusammen feiern. Auch der Präsident ist mit von der Partie und liefert jeweils eine kurze Comedy-Routine, live oder per Videoclip. Danach folgt die Hauptnummer des Abends, normalerweise ein Monolog von einem arrivierten Komiker. Meist brav, macht das Dinner auch mal Schlagzeilen: Unvergessen Stephen Colberts Husarenstück als pseudo-konservativer Talk-Show-Host, der 2006 George W. Bush übel durch den Kakao zog; in bester Erinnerung auch die Auftritte des talentierten «Comedian-in-Chief» Barack Obama.

Samantha Bee über Feminismus und Trump-Beraterin Kellyanne Conway.

Samantha Bee über Feminismus und Trump-Beraterin Kellyanne Conway.

Kandidierte Trump wegen Dinner?

Genau hier liegt heuer ein Problem: Im Jahr 2011 nämlich war die Zielscheibe von Barack Obama und Seth Meyers’ persönlichkeitsverletzenden WHCD-Tiraden niemand anders als Donald Trump. Es wurde gar vermutet, dass der unbarmherzige «Roast», den The Donald mit steinerner Miene über sich ergehen liess, diesen so sehr in seiner Eitelkeit verletzt habe, dass er sich entschloss, es allen per Präsidentschaftskandidatur heimzuzahlen. Das Correspondents’ Dinner 2017 steht also unter einem eher ungünstigen Stern.

Das liess sich Komikerin Bee nicht entgehen. Weil der Anlass «entweder abgesagt oder das schwärzeste und unheimlichste Ding aller Zeiten» würde, kündigte sie ihr Not The White House Correspondents’ Dinner als Alternative an, ebenfalls am 29. April in Washington DC. Ungeachtet der Tatsache, dass Washingtoner Journalisten aus berufsethischen Gründen keiner Veranstaltung beiwohnen dürfen, die zum Ziel hat, den Präsidenten lächerlich zu machen, nahmen die «New York Times» und die «Washington Post» Bees Vorschlag freudig auf. Bees Provokation verschaffte ihr massenhaft Publicity.

«Full Frontal with Samantha Bee» zum Einreisestopp für bestimmte muslimische Länder.

«Full Frontal with Samantha Bee» zum Einreisestopp für bestimmte muslimische Länder.

«Full Frontal» läuft erfolgreich

Nicht, dass sie dies nötig hätte. Ihre vor einem Jahr auf Turner Broadcasting Systems (TBS) lancierte Solo-Show «Full Frontal» geht grad in die zweite Saison. Bis dahin vor allem als Korrespondentin bei Jon Stewarts «Daily Show» bekannt, brach die gebürtige Kanadierin Bee damit die Phalanx von gut einem Dutzend Late-Night-Männern auf. Einige, darunter Stewarts Nachfolger Trevor Noah, überflügelt Sam Bee bereits im Ratings-Direktvergleich: Ihre wöchentliche Show lag vergangenes Jahr mit durchschnittlich 724 000 Zuschauern gut 15 Prozent über der Quote der «Daily Show» (die allerdings viermal pro Woche ausgestrahlt wird). Aus der Freelancerin bei «Comedy Central» ist ein Markenzeichen des Time-Warner-Kanals TBS geworden – was dem Sender einiges wert ist: Das Jahresgehalt der 48-jährigen Wahl-New-Yorkerin beläuft sich schätzungsweise auf eine Million Dollar.

Das einstündige Wochenformat von «Full Frontal» gereicht Sam Bee, ähnlich wie John Oliver, zum Vorteil. Auf seichte (Celebrity-)Interviews wird verzichtet. Stattdessen setzt Bee auf journalistische Substanz, akkurat recherchiert, ultra-kompakt aufbereitet, blitzschnell und brutal komisch geliefert. Wenn sie erklärt, wie genau Steven Mnuchin – aller Voraussicht nach der nächste Schatzmeister der USA – sich als ehemaliger Goldman-Sachs-Banker und Hypothekar-Hai mit moralisch grenzwertigen Finanzprodukten wie etwa Witwen-Hypotheken eine goldene Nase verdiente, macht ihr so schnell keiner nach.

Schenkelklopfer und Pennälerwitze kommen dabei schon einmal zu kurz. «Sie kommen am Flughafen an und stellen fest, dass Amerika nicht mehr existiert», begann Bee ein Interview zu Donald Trumps Erlass zum temporären Einwanderungsstopp für Muslime mit Lee Gelernt, einem Anwalt der führenden Bürgerrechtsbewegung ACLU in den USA. Das Lachen blieb einem während des 6-Minuten-Segments im Hals stecken.

Samantha Bee, das ist John Stewart mit höherem Oktanwert, mehr politischem Tiefgang und feministischem Furioso. Auf Englisch sagt man dazu «hysterical» – und meint das nicht herablassend und frauenfeindlich, sondern als Kompliment: hysterisch gut. In diesen rohen und chaotischen ersten Wochen der Trump-Administration kann Uncle Sam jemanden wie Samantha Bee gut gebrauchen.