Weg vom Kommerz

Crowdfunding: Wenn der Fan zum Produzenten wird

Zach Braff brachte mittels Crowdfunding Spenden von über zwei Millionen Dollar zusammen – nur so konnte er seinen Kinofilm «Wish I Was Here» finanzieren

Zach Braff brachte mittels Crowdfunding Spenden von über zwei Millionen Dollar zusammen – nur so konnte er seinen Kinofilm «Wish I Was Here» finanzieren

Dank Fanspenden sind Filmemacher nicht mehr an Kommerzinteressen der Filmstudios gebunden.

«Ohne Crowdfunding hätte ich dieses Projekt nie realisieren können», erzählt uns Zach Braff im Gespräch über seinen neuen Kinofilm «Wish I Was Here». Die warmherzige Komödie feierte Ende September ihre Premiere am Zurich Film Festival und läuft ab heute in den Schweizer Kinos. Und das ist ein kleines Wunder. Denn Braff, der als Darsteller in der Fernsehserie «Scrubs» berühmt wurde, versuchte fast zehn Jahre lang vergeblich, wieder einen eigenen Film zu drehen. Seit seinem gefeierten Regiedebüt «Garden State» 2004 blieben all seine neuen Projekte in den Startlöchern stecken.

Sequels statt originelle Stoffe

Denn in Hollywood haben sich die Produktionsbedingungen seit der Jahrtausendwende grundlegend verändert. Schuld daran ist der Superhelden- und Franchisewahn. Die grossen Filmstudios haben endlich eine narrensichere Methode entdeckt, um ihre Investitionsrisiken zu minimieren: Sie setzen auf Sequels, auf die ewige Fortführung bekannter Figuren und Filmmarken, die dem Kinopublikum bereits bestens vertraut sind. Wer wie Zach Braff originell denkt, findet keine Unterstützung. «Studios haben Aktionäre. Niemand von denen will ein Risiko eingehen. Solche Unternehmen geben dir kein Geld, wenn du etwas Neues versuchen willst.»

Dass er es nun mit «Wish I Was Here» endlich wieder über die Ziellinie ins Kino geschafft hat, verdankt Braff seiner treuen Anhängerschaft. Am 24. April 2013 lancierte er auf der amerikanischen Crowdfunding-Plattform Kickstarter.com einen Spendenaufruf. Er setzte sich eine Frist von 30 Tagen, um 2 Millionen Dollar aufzubringen. Dieser Betrag fehlte ihm, um zusammen mit seinem Eigenkapital die Produktionskosten für seine Filmidee zu decken.

Als Lohn winkte nicht nur der fertige Film. Braff bot seinen Fans für ihre Spenden verschiedene Anreize an: T-Shirts, Besuche am Set, Einladungen zu Vorpremieren, persönliche Treffen mit ihm – je nach Höhe des Betrags. «47 000 Menschen fanden das eine coole Idee. Wir hatten die 2 Millionen Dollar schon nach 48 Stunden zusammen», erzählt er stolz.

Rettung für abgesetzte Serien

Was für ein Potenzial in Crowdfunding steckt, zeigt auch das Beispiel «Veronica Mars». Die ursprüngliche TV-Serie (2004– 2007) mit Kristen Bell als gewiefte Schülerin, die Kriminalfälle löst, wurde nach nur drei Staffeln frühzeitig abgesetzt. Bell und Showrunner Rob Thomas sahen in einem potenziellen Kinofilm die Möglichkeit, ihre Geschichte zu Ende zu erzählen. Mangels Studiointeresse richtete sich Bell im März 2013, also noch einen Monat vor Zach Braff, via Kickstarter an die grosse Anhängerschaft der Serie. Mit Erfolg: Knapp 92 000 Fans spendeten zusammen 5,7 Millionen Dollar – und hauchten dem von ihnen ersehnten «Veronica Mars»-Kinofilm Leben ein.

In die Schweizer Kinos schaffte es «Veronica Mars» zwar nicht, seit kurzem ist der flott erzählte Krimi hierzulande aber auf DVD und Blu-Ray erhältlich. Er ist gespickt mit Zückerchen für die Fans, lohnt sich dank seinem klug gestrickten Fall und seiner hingebungsvollen Hauptdarstellerin aber auch für Neubetrachter. Die grösste Leistung von «Veronica Mars» besteht aber darin, ein Hoffnungssymbol zu sein für alle jene Fans, die noch anderen kurzlebigen Serien nachtrauern.

Das Fanfinanzierungsmodell funktioniert auch in der Schweiz, wenngleich hierzulande in weitaus kleinerem Rahmen gespendet wird. Das hiesige Pendant zu Kickstarter heisst WeMakeIt.com. In der Kategorie Film wollen dort vor allem Musikvideos, Kurzfilme und Abschlussfilme von Studenten unterstützt werden. Weit gebracht hat es dabei Dominik Locher, dessen furioser Alpenwestern «Tempo Girl» es dank Spenden in der Höhe von 12 000 Franken zur Premiere an den Solothurner Filmtagen und einer Kinoauswertung im Mai schaffte. Auch der Schweizer Dokumentarfilm «My Name is Salt» (seit 18.9. im Kino) von Lutz Konermann und Farida Pacha liess sich nur dank finanzieller Unterstützung auf WeMakeIt.com realisieren.

Ist Crowdfunding die Zukunft des Filmemachens? «Kurzfristig betrachtet nicht», meint Zach Braff. «Momentan wollen sich die meisten Filmemacher daran nicht die Finger verbrennen. Die Öffentlichkeit versteht das Prinzip noch nicht. Ich habe ein ganzes Jahr damit verbracht, es den Leuten zu erklären.»

Die Tücken des Crowdfunding

Und langfristig? Sollte sich das Modell weiter etablieren, liegt vieles im Bereich des Möglichen – vor allem für jene Filmemacher, die Risiken eingehen und neue Grenzen ausloten wollen. Crowdfunding als Finanzierungsmodell demokratisiert die Filmproduktion. Es entreisst den Studiobossen und anderen Exponenten ganz oben die Entscheidungsmacht und verleiht sie gewissermassen den Zuschauern. Es befreit die Filmemacher von kommerziellen Vorgaben.

Es ist eine Wiederholungstat

Aber seinen Fans Rechenschaft schuldig zu sein, das birgt auch Gefahren. «Ich habe wohl oder übel etwas gemacht, von dem ich überzeugt bin, dass es meinen Fans gefällt», sagt Braff. Und bei der Betrachtung von «Wish I Was Here» zeigt sich, dass er dabei in eine Falle getappt ist. Braff hat sich zu sehr an den Erwartungen seiner Fans orientiert. Im Prinzip hat er ein zweites Mal «Garden State» gedreht. Wieder inszeniert er sich selbst als gescheiterten Schauspieler, wieder erzählt er von Menschen, die in einer Lebenskrise feststecken, wieder reichert er das mit schrägen Momentaufnahmen an. Zehn Jahre nach seinem grandiosen Erstling kommt das jetzt zwar ein bisschen erwachsener daher. Aber leider auch einfallsloser und weniger authentisch.

Wish I Was Here (USA 2014) 106 Min. Regie: Zach Braff. Mit Zach Braff, Kate Hudson u.a.

Ab heute im Kino.
Wertung: 3/5 Sternen

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