Wenn Mike Müller als Bestatter in Aarau Leichen abholt, schaltet fast die Hälfte des Fernsehpublikums zu. Das Finale kommt nächste Woche, doch mit durchschnittlich 43% Marktanteil oder 733 000 Zuschauern in den ausgestrahlten fünf Folgen läuft die Krimiserie noch besser als in der ersten Staffel (Marktanteil 41,5%). Und deutlich besser als die renommierte Serie «Tatort», die am Sonntagabend gezeigt wird (33,4%).

Der Erfolg ist zu einem guten Stück Mike Müller zu verdanken. Auch Reto Stalder als Bestatter-Lehrling Fabio ist beliebt. Kaum beachtet wurden bisher zwei Nebenrollen, die punkto Coolness und Eigenständigkeit herausstechen: Gerichtsmediziner Semmelweis und Polizist Dörig. Sind die beiden auch in echt so cool?

Frierender Schauspieler in Berlin

Samuel Streiff betritt das Café in Zürich aufgeweckt für diese Tageszeit: 8 Uhr. Martin Ostermeier wird per Skype zugeschaltet. Er sitzt, eingepackt in eine wollene Jacke, mit einer Tasse Tee zu Hause in Berlin. «Gestern total Glatteis, Schneegriesel. Es war richtig kalt, unangenehm», sagt er und ja, Mundart verstehe er, «es isch überhaupt keis Problem.» Aber dann schaffen die Schweizer im Café den Wechsel zurück zur Mundart irgendwie nicht mehr.

Sie beginnen zu scherzen. Streiff und Ostermeier scheinen neben dem Set ziemlich gut miteinander auszukommen. Beim eigentlichen Dreh haben sie selten miteinander zu tun: Dörig stellt nervös den Mördern nach, Semmelweis obduziert bleich in einem Keller. Ans Tageslicht geht der Gerichtsmediziner in der Serie selten. Wenn, dann in auffallend geschmacklose Hemden gekleidet. Und sagt Sätze im Wiener Dialekt wie diesen: «Entschuldigen Sie Frau Hauptkommissarin, ich bin einfach nicht fürs breite Publikum geschaffen.»

«Naja», sagt Ostermeier, «Semmelweis ist halt nicht am Puls der Zeit. Das stört ihn nicht.» Zur Erklärung zitiert er den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard. Wenn er alt sei und ihn die Kinder auf der Strasse sähen, sollten diese rufen: «Schaut, da kommt der Bernhard, schnell, lauft’s weg!» Sich daran freuen, wenn einen die anderen ablehnen. So einer sei der Alois Semmelweis.

Ein gespanntes Verhältnis

Semmelweis denkt nicht viel über Polizist Dörig nach. Er nennt ihn bloss «Herr Reto», eine wienerische Zwischenform der Annäherung. Streiff sagt es direkt: «Semmelweis ist ein unerträglicher Klugscheisser.» Der Dörig sei vorsichtig bei solchen Leuten, weil er immer Angst habe, er wisse weniger gut Bescheid. Semmelweis’ Hochnäsigkeit trifft auch den Bestatter: Als dieser mit Semmelweis wetten will, ob der Leiche die Niere fehle oder nicht, antwortet der Gerichtsmediziner: «Ich wette nicht, ich obduziere.»

(Quelle: youtube)

Making of «Der Bestatter»

Semmelweis erschüttert nichts. Ausser Frauen vielleicht? Er sagt einmal: «Die Gattin kanns natürlich immer gewesen sein. Deshalb bin ich ledig.» Sind ihm Frauen unheimlich? «Nein», sagt Ostermeier, «sie stören Semmelweis eher.»

Menschenkenntnis durch Tote

Ostermeier hat sich auf die Rolle gut vorbereitet. Er hat mit Gerichtsmedizinern gesprochen, Bücher gelesen. «Wahnsinnig interessant», findet er. «Man merkt, es gibt nichts, was es nicht gibt. Alles, was Menschen einfallen kann, lassen sie sich einfallen und tun es dann auch. Gerichtsmediziner wissen, was es heisst, Mensch zu sein, bis zum schlechten Ende.» So lerne der Semmelweis die Menschen kennen: Im Keller, wenn sie schon tot sind, sagt Ostermeier und verschwindet aus dem Bildschirm. «Musst du gehen, Martin?», fragt Samuel Streiff. Aber Ostermeier hat sich bloss Tee nachgeschenkt.

Streiff ist auch in echt quirlig. Und eine Frohnatur. Als Dörig perlt jede Kritik an ihm ab, er wird mit Beleidigungen der Kommissarin überhäuft und wird doch nicht grantig. «Ich mag Figuren, die einem auf den ersten Blick unsympathisch sind – da will ich rausschälen, was an ihnen liebenswert ist», sagt Streiff.

Der Zuger bereitete sich im Schiesskeller auf die Staffel vor. «Es war super, es knallte», sagt Streiff. Polizisten brieften ihn und Barbara Terpoorten (Kommissarin) auch, wie man Leute verhaftet und mit gezückter Waffe dunkle Ecken durchsucht.

Ihre Bitte ans Autorenteam

Ende Februar, Anfang März entscheidet SRF, ob es eine dritte Staffel «Bestatter» gibt. Die beiden wären sofort wieder dabei. Es wird lauter im Kaffee in Zürich, man versteht Ostermeier via Skype schlecht. Er muss den Satz zweimal sagen: «Ich finde, Semmelweis und Dörig müssten mehr zu tun haben miteinander.» Dass der Gerichtsmediziner nicht über den Polizisten nachdenke, müsse sich ändern. «Samuel, ich habe gestern dem Dominik eine Mail geschrieben deswegen.» Dominik Bernet ist einer der Drehbuchautoren.

Die Figuren seien so schön gezeichnet, da gebe es nicht viel herumzumäkeln, sagt Samuel Streiff. Und wenn die Schauspieler sich einmischten, dann freuten sich die Autoren, dass man sich mit seiner Rolle identifiziere. Sowieso, sagt Streiff, der gut Gelaunte: «Wir haben es wahnsinnig gut miteinander im Team.» Aus der Richtung Bildschirm tönt es «Ja, es ist sehr nett, sehr nett auf dem Set», und man denkt für einen Moment, es sei der kühle Gerichtsmediziner, der spricht. Aber es ist Ostermeier, der friert. Ostwind soll nach Berlin kommen, mit kontinentaler Luft. «Nicht gut», sagt er.