Wer hat Vortritt, Joel Basman oder die Kamera? Eigentlich funktioniert es beim Film ja so: Das Bild wird eingerichtet, dann tritt der Schauspieler hinein. Macht die Kamera einen Schwenk, so muss auch jener sich bewegen, der vor der Kamera steht. Debüt-Regisseur Hans Kaufmann, 28, ging die Sache etwas anders an: «Joel», sagte er zu seinem Hauptdarsteller, «du läufst voraus, die Kamera läuft dir nach.»

Nicht zuletzt lief man durch den Zürcher Kreis 4, Rotlichtmilieu. «Der Büezer» heisst der Film, Joel Basman spielt einen Sanitärinstallateur, der auf dem Bau arbeitet, mit Jobs in Sozialwohnungen verdient er sich gelegentlich «es Couvertli» dazu. Abends, im ranzigen Zuhause, zerrt er einsam am Joint. Bei den Girls kann einer wie er nicht punkten, das Tinder-Date hatte sich einen Werber vorgestellt, lässt ihn sitzen.

Der Büezer landet in einer Freikirche

Dann begegnet er einer bezaubernden jungen Frau (Cecilia Steiner), die Flyer für ein Fest verteilt. «Ist es eine Party?», spricht er sie an. «Ja, sozusagen. Jeden Sonntag im Komplex in Altstetten.» – «Also ein Rave?» – «Ja, eine Celebration, mit Livebands.» Als er hingeht, steht da einer und singt: «Jesus, you make me understand.»

Der Büezer ist in einer Freikirche gelandet. Was tun? Denn die Frau gefällt ihm. Ein Film mit dem Titel «Der Büezer» – schweizerischer klingen, könnte es kaum. Gleichzeitig ist dieses Debüt etwas vom Unschweizerischsten, was die hiesige Filmszene seit längerem hervorgebracht hat. Und das liegt am Regisseur, der keiner aus der Szene ist. Kaufmann, immer in Schwarz und mit Mongolenbart, ist ein Typ wie die Randgestalten im Film.

Cecilia Steiner als Studentin Hannah, in die sich der Büezer verlieben wird.

Cecilia Steiner als Studentin Hannah, in die sich der Büezer verlieben wird.

«Wir wollten ein Maximum an Authentizität»

Ein Beobachter habe er sein wollen, erklärt sich der junge Regisseur, der selber im Kreis 4 wohnt und zum Gespräch «standesgemäss» ins Milieu-Restaurant Biergarten bat. «Wir haben immer gesagt: echte Locations, echte Leute.» Unter anderem hat sogar der altgediente Wirt des «Biergartens», Sigi Huber, einen Auftritt.

«Ich musste die Leute im Milieu überzeugen, dass ich es gut meine mit dem Quartier», so Kaufmann. «Wir wollten ein Maximum an Authentizität.» Spasseshalber nennt Kaufmann, der an der ZHdK den Bachelor gemacht und in der Werbung Regieerfahrung gesammelt hat, seine Herangehensweise «Nouvelle Dogma»: der Esprit der französischen Nouvelle Vague vermischt mit den Ideen des Dogma-95-Kinos nach Lars von Trier und Thomas Vinterberg.

Mit 100 000 Franken von privater Stiftung finanziert

Nun sind wir aber weder in Frankreich noch in Dänemark, und in der Schweiz subventioniert man gern die Angepassten. Zürich im Film? Kennt man als Schulfernsehen mit Zwingli. Oder dann ist die Stadt die Kulisse für eine Toleranzkomödie um Motti Wolkenbruch. Hans Kaufmann schenkte sich die Fördereingaben. Für das Zusammenstellen ordnerdicker Finanzierungspläne fehlten ihm Zeit und Musse. «Den Stress wollte ich mir nicht geben», sagt er. «Ich musste unabhängig bleiben.»

Jugendfreund Joel Basman, dem er das Drehbuch auf den Leib geschrieben hat, brachte ihn mit der Burger Collection zusammen, Monique und Max Burger, Schweizer Kunstmäzene. «Wird der Film Erfolg haben?», fragten die. «Werden wir das Geld irgendwann zurückerhalten?» – «Ganz ehrlich? Ziemlich sicher nicht», antwortete Kaufmann.

Die Ehrlichkeit machte Eindruck, der Regisseur erinnert sich: «Nach dem Gespräch nahmen mich Monique und Max Burger zur Seite und fragten: Wie können wir dir 100 000 Franken überweisen?» Kaufmann war etwas überfordert. «Ich muss mal den Treuhänder fragen.» Eine Woche später hatte er eine Produktionsfirma gegründet, und das Geld lag auf dem Konto. Eine erkleckliche Summe – aber für einen Spielfilm ein Klacks.

In 20 Drehtagen durchs Langstrassenquartier

Kaufmann drehte mit einer Minicrew, zu sechst waren sie hinter der Kamera, kein Stativ, keine Lampen. Die Profis an seiner Seite staunten, der Regieassistent protestierte: «So viele Location-Wechsel, unmöglich!» Kaufmann liess sich nicht beirren: «Wir nehmen einfach das Tram.» 20 Drehtage trug Kameramann Pascal Walder («Sennentuntschi») sein 20 Kilo schweres Arbeitsgerät auf den Schultern.

Die Büez hat sich gelohnt. Hans Kaufmann ist ein auch visuell ansprechender Film gelungen, dem die Bewegungsfreiheit anzumerken ist. Basman nutzt den Radius, den ihm die Regie gibt, Cecilia Steiner ist als strahlende Freikirchliche eine Entdeckung. Als Milieu- und Männlichkeitsstudie überzeugt «Der Büezer», einzig das Finale, das in einem Gewaltakt mündet, kommt bemüht. Aber die Richtung, die Hans Kaufmann für seine Karriere eingeschlagen hat, die stimmt.