Film

Der Wolf in der Schweiz – wir sind Rotkäppchen

Seltene Aufnahmen, wie auf diesem Bild aus der Lausitz in Deutschland. In «Die Rückkehr der Wölfe» gibt es mehrere davon, auch spektakuläre.

Seltene Aufnahmen, wie auf diesem Bild aus der Lausitz in Deutschland. In «Die Rückkehr der Wölfe» gibt es mehrere davon, auch spektakuläre.

Der Wolf gehört zur Schweiz, ob man will oder nicht. Dieser These folgt der Schweizer Regisseur Thomas Horat mit seinem neuen Dokfilm.

Natürlich ist der Wolf gefährlich. Er ist schnell, schlau und hat scharfe Zähne. Daraus macht der neue Film «Die Rückkehr der Wölfe» des Schwyzers Thomas Horat («Wätterschmöcker», «Alpsummer») nie einen Hehl. Und vielleicht liegt gerade darin eine der Stärken. Er lässt eine Annäherung an ein Tier zu, das zugleich gefürchtet und verehrt wird.

Angstmacher kommen zwar keine vor, der Film verklärt den Wolf aber auch nicht. Und das, obwohl es auch mal zu verspielten Begegnungen kommt zwischen Wolf und Mensch. Etwa mit der österreichischen Wolfsschützerin Gudrun Pflüger, die in Kanada eine Nacht unter Wölfen verbrachte. Als das Rudel die am Boden liegende Frau beschnupperte, spürte diese «die Barthaare der Leitwölfin», so nah waren die Tiere. «Nie fühlte ich mich lebendiger als in diesem Moment», so Pflüger im Film.

Auch der Wiener Verhaltensforscher Kurt Kotrschal lässt sich von Horat auf einem Spaziergang mit einem Wolf an der Leine begleiten. Seine Worte flössen Respekt ein: «Ich gehe nicht alleine in ein Gehege mit mehr als einem Wolf. Wölfe sind zwar nicht die reissenden Bestien, aber sie sind unglaublich kreativ. Sie tun Dinge, die wir niemals erwarten würden.»

Quelle: Gruppe Wolf Schweiz / Redaktion: dfu / Grafik: lsi

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Quelle: Gruppe Wolf Schweiz / Redaktion: dfu / Grafik: lsi

Der Zuschauer schliesst daraus: unberechenbar. Und versteht: Eine Begegnung, sei sie noch so unwahrscheinlich, weil der Wolf unter normalen Umständen Begegnungen mit Menschen meidet, muss nicht, kann aber schmerzhaft enden.

Die menschliche Urangst vor der Bestie

Dieser Zwiespalt prägt denn auch die Wolfsdebatte in der Schweiz: Auf der einen Seite steht die wichtige Rolle, die der Wolf in der Natur einnimmt, weil er mit seiner Jagd auf Rotwild den Wald schützt. Auf der anderen Seite fürchten wir uns, wie Rotkäppchen gefressen zu werden.

Zwar liegt dieses Risiko in Europa und Nordamerika nahe bei Null. Doch das Restrisiko einer gefährlichen Begegnung bleibt. Das zeigen internationale Studien, auch wenn es in der Schweiz keinen einzigen Fall gibt, seit die ersten Wölfe in den 1990ern zurückgekehrt sind.

Generelle Faktoren, welche eine Begegnungen mit Wölfe begünstigen: Tollwut, die in der Schweiz als ausgerottet gilt, die Fütterung der Wölfe oder ein Mangel an Beute, also an Wild.

Zwar ist der Dreh- und Angelpunkt in der Wolfsdebatte die menschliche Urangst vor der Bestie. Doch der Widerstand gegen den Wolfsschutz organisiert sich in der Schweiz vor allem unter Schafzüchtern. Und diese lässt Thomas Horat in seinem Film zu Wort kommen: den Bündner Bergbauern, der seine paar Schafe mit einem Elektrozaun zu schützen versucht, den Bündner Schafhirten, der vor allem die Haltung der Hirtenhunde schwierig findet, weil die Bevölkerung diese nicht akzeptiere.

Und aus Österreich zwei Schafzüchter in einem Gebiet, in dem der Wolf bis anhin keinerlei Thema war und der Herdenschutz gemäss Wolfsexperten demjenigen in der Schweiz um Jahre hinterher hinkt.

In der Schweiz wird der Widerstand von Walliser Politikern angeführt. Mit Erfolg: Geht es nach dem Bund, sollen Wölfe künftig auch präventiv gejagt werden dürfen, sofern andere Massnahmen zur Verhütung von Schäden nicht wirken. Dagegen haben Naturschutzverbände das Referendum lanciert. Bei den gut besuchten Vorpremieren von «Die Rückkehr der Wölfe» fanden sie das ideale Publikum fürs Unterschriftensammeln.

Mit seinem Film will Thomas Horat nicht die politische Debatte abbilden. «Es gibt kein Pro und Kontra in dieser Frage», findet er, «der Wolf ist zurückgekehrt und es geht nur noch darum, wie wir mit der Situation umgehen.»

Horat filmte und trug Filmmaterial zusammen in der Schweiz, in Österreich, Bulgarien, Deutschland, Polen und den USA. Wölfe bekam er zwar zu Gesicht, die Wolfsaufnahmen stammen allerdings allesamt von anderen Filmern. Trotzdem gibt der Film exklusiven Einblick in das Verhalten der Wölfe.

Welches genau, sei hier nicht verraten. Der Film überrascht zudem mit einem animierten Teil, der auf die Ausrottung des Wolfs in der Schweiz im 19. Jahrhundert zurückblickt. Für diesen Teil erweckte ein baskischer Zeichner die Malerei Albert Ankers und Ferdinand Hodlers zum Leben.

Besonders hervor sticht der Soundtrack. Die dunklen Akkordeon-Klänge des Schwyzer Trios Artra verstärken die Auftritte der kauzigen Protagonisten und passen ausgezeichnet zu den wilden Landschaften.

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