Film

«Der Tod steht immer im Raum»

Das Making of zum Film «Stationspiraten»

Das Making of zum Film «Stationspiraten»

Der Regisseur Michael Schaerer über das Thema Krebs, seine erste Begegnung mit dem Tod und sein preisgekröntes Werk «Stationspiraten».

Michael Schaerer, erinnern Sie sich daran, wann Sie zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert wurden?

Michael Schaerer:Die erste bewusste Begegnung war der Tod meiner Grossmutter, da war ich schon ein Teenager. Sie war krank, und eines Tages bekamen wir einen Anruf, dass sie gestorben sei. Meine Eltern fragten uns Kinder, ob wir mit ins Zimmer wollten, um sie zu sehen. Ich habe das Bild heute noch vor Augen, wie sie dort lag, die Ruhe, die sie ausstrahlte. Es hatte etwas sehr Natürliches, Direktes, es war kein traumatisches Bild. Ich habe dort viel Angst vor dem Tod verloren.

Ihr Film ist ein «Feelgood-Drama» zum Thema Krebs, so steht es im Pressetext – ein riskantes Unterfangen. Woher kam der Mut, sich an dieses Projekt zu wagen?

Michael Schaerer: Die Kategorisierung eines Films zu Kommunikationszwecken beinhaltet immer eine unscharfe Definition. Ich denke, sie soll aussagen, dass wir eine dramatische Geschichte mit viel Leichtigkeit und Humor erzählt haben. Die Produzenten Reto Schaerli und Lukas Hobi kontaktierten mich vor drei Jahren mit einer zweiten Drehbuchfassung. Den persönlichen Ausschlag für das Projekt gab, dass ich Angst vor der Auseinandersetzung mit Krankheit und Kindersterblichkeit hatte, unter anderem, weil ich selber zwei Kinder habe. Gerade weil ich anfangs meine eigene Haltung zu diesen Themen noch nicht kannte, war dafür mein Interesse umso grösser, sie zu erforschen.

Haben Sie als Vorbereitung mit Krebskranken gesprochen?

Michael Schaerer: Ja. Es war mir extrem wichtig, dass ich zu verstehen versuche, wovon ich da erzähle. Wir hatten das Glück, dass uns Ärzte und Patientenorganisationen nach anfänglicher Skepsis Zugang zu Betroffenen ermöglicht haben. Über ein Jahr hinweg habe ich mit ehemaligen Krebskranken gesprochen, mit Psychologen, Onkologen, die alle das Drehbuch gelesen und uns beraten haben. Ich war immer wieder auf der Onkologie des Kinderspitals Zürich und habe Patienten besucht. Ich wollte nicht nur die technischen Abläufe, sondern vor allem die menschliche Dimension der Krankheit begreifen.

Wie gingen Sie damit um, über Monate hinweg ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein?

Michael Schaerer: Es war schwierig, professionell zu bleiben, weil mir die entsprechende Routine fehlt. Die Begegnungen haben mich immer sehr mitgenommen. Kraft und Inspiration bekam ich vor allem von ehemaligen und aktuellen Betroffenen. Zum Beispiel von einem Jugendlichen, der trotz schwieriger Krankheitsphase den Mut hatte, sich mit dem Drehbuch auseinanderzusetzen. Trotz allen widrigen Umständen war seine Neugierde, und Lust auf Erfahrung, auf Auseinandersetzung omnipräsent. Er wollte kein andächtiges Schweigen – das war sehr inspirierend.

Krebs ist ein Tabuthema, viele wissen nicht, wie man mit Erkrankten umgehen soll. Sehen Sie Ihren Film als Tabubruch und als Anregung, über den Krebs zu reden?

Michael Schaerer: Es wäre anmassend zu hoffen, dass dieser Film die Welt verändert. Aber persönlich würde ich mir wünschen, dass die Menschen offener und direkter auf Kranke zugehen, anstatt hintenrum zu tuscheln. Einen solchen Film zu realisieren, ist insofern ein Wagnis, weil Krebs kein «sexy» Thema ist. Es brauchte Mut zu sagen, dass wir daran glauben, so einen Film ans Publikum bringen zu können. Insofern ist es vielleicht kein Tabubruch, aber wir haben versucht, ein Thema mit einer gewissen Dringlichkeit und Existenzialität zu erzählen und nicht etwas Beliebiges.

Warum haben Sie sich entschlossen, das Thema nicht auf dramatische Weise, sondern mit einer Leichtigkeit und einem Humor zu erzählen, der einen als Zuschauer – ehrlich gesagt – am Anfang etwas befremdet?

Michael Schaerer: Das Thema ist dramatisch, das haben wir auch ernst genommen, der Tod steht immer im Raum. Die Leichtigkeit entsteht aus unserer Haltung, die Krankheit und den Tod nicht als etwas vom Leben Getrenntes zu erzählen, sondern als Teil davon. Die Idee war, mit einem Kontrast zur generellen Erwartung in die Geschichte einzusteigen. Nicht eine Onkologie-Sonderzone zu zeigen, wo man auf Zehenspitzen den Flur hinabschleichen muss, sondern aus der Sicht der Patienten einen alltäglichen Ort: Die Kinder und ihre Eltern verbringen Monate dort, diese Welt besitzt Humor, Witz, da gibt es Sprüche, die Krankenpflegerinnen werden enge Vertrauenspersonen. Gerade weil der Film die Figuren und ihre lebensbedrohende Krankheit ernst nimmt, kann diese Welt ein Publikum abschrecken. Durch den Humor wollten wir es den Zuschauern erleichtern, uns auch dorthin zu folgen.

«Stationspiraten» hat den Publikumspreis am Zurich Film Festival gewonnen, es hat also funktioniert. Was bedeutet Ihnen der Preis?

Michael Schaerer: Der Publikumspreis ist für alle Beteiligten eine unerwartete und grosse Freude! Es ist wunderbar zu hören, dass die Geschichte die Zuschauer erreicht und bewegt hat. Während des Schaffensprozesses denkt man zwar immer wieder an das Publikum, aber man arbeitet trotzdem immer weit vom eigentlichen Zuschauer entfernt, ist nur in der Vorstellung verbunden. Diese Bestätigung macht mich persönlich sehr glücklich.

«Stationspiraten» ist ein Remake eines spanischen Films, «Planta4a». Was unterscheidet die beiden Filme?

Michael Schaerer: Die Entstehungsgeschichte des Films ist relativ lang: In den 70er-Jahren gab es in Spanien einen Knaben mit Knochenkrebs, Albert Espinoza, der als Erwachsener seine Erlebnisse in einem Theaterstück verarbeitete. Daraus entstand der Film «Planta4a». Die erste Drehbuchfassung von «Stationspiraten» war im Grunde eine Übersetzung davon. Doch damit waren wir nicht glücklich. So haben wir unsere Charaktere in mehrjähriger Arbeit von Grund auf neu entwickelt. Immer gleich geblieben ist aber die Grundprämisse des Films, einen lebensbejahenden Ensemblefilm am Rand des Todes zu erzählen.

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