«Am besten einfach nicht daran denken», beendet Markus Welter seine kurze Gedankenpause. Es ist Mittwochmittag. Man sitzt im Restaurant Volkshaus, und der Filmemacher ist bereits nervös. Dabei wird seine neue Regiearbeit erst am Dienstag am Zurich Film Festival gezeigt.

Und lediglich einem Bruchteil der Leute, die «Der Teufel von Mailand» am folgenden Sonntag im Schweizer Fernsehen sehen werden. Nichtsdestotrotz ist es eine Premiere. Selbst die Crew wird den fertigen Film zum ersten Mal sehen. Welter versichert, mit dem Resultat sehr zufrieden zu sein. Dass die Romanvorlage aber vom grossen Martin Suter stammt, macht ihn nicht weniger unruhig.

Mit Pavarotti in die Berge

Am besten nicht daran denken - Sonia würde das helfen. Traumatisiert vom Mordversuch ihres Ex-Manns Frédéric, versucht die Hauptfigur in «Der Teufel von Mailand» verzweifelt ihr Leben zu ordnen. Doch holt die Vergangenheit sie immerzu ein: Mal durch Flashbacks im Kopf, mal durch die Mutter von Frédéric, die Sonias Unterschrift verlangt, um ihren Sohn aus der psychiatrischen Klinik rauszuholen. Bloss weg von diesem verfluchten Zürich, denkt sich die Gepeinigte. Sie nimmt eine Stelle als Physiotherapeutin in einem Unterengadiner Wellnesshotel an. Mit darf nur ihr engster Vertrauter, der Wellensittich Pavarotti.

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Das zur geistigen Genesung gewählte Refugium stellt sich nur als bedingt tauglich heraus. Im Dorf wird Sonia geschnitten, weil die unterkühlte Hotelinhaberin Barbara Peters bei den Einwohnern verhasst ist. Dazu ereignen sich in der Nobelherberge mysteriöse Dinge, die offensichtlich im Zusammenhang mit der Sage «Der Teufel von Mailand» stehen. Sonia weiss immer weniger, wem sie trauen kann. Vielleicht nicht mal sich selbst.

Martin Suters 2006 erschienener Roman ist signifikant im Schaffen des Schweizer Autors. Zum einen ist darin für einmal eine Frau die Hauptfigur, zum anderen ist er als fesselnder Psychothriller angelegt, wuchtiger Klimax am Ende. Kopfkino par excellence - eine der herausragenden Eigenschaften aller Suter-Bücher. Kaum verwunderlich, wurden bereits mehrere davon verfilmt, etwa «Lila, Lila», «Small World» oder «Der letzte Weynfeldt». Den produzierte die Zürcher C-Films AG vor zwei Jahren mit dem ZDF und dem Schweizer Fernsehen.

In derselben Konstellation wurde «Der Teufel von Mailand» verwirklicht, mit einem Etat von 2,5 Mio. Franken und dem Dorf Zuoz als Hauptdrehort. Dass dieses Mal Markus Welter Regie führte, und nicht wie bei «Weynfeldt» Alain Gsponer, liegt an der Vorlage: «Die beiden Bücher sind sehr unterschiedlich, und so suchten wir dem Genre entsprechend den Regisseur aus. Markus Welter hat in seinen Filmen bewiesen, dass er mit Suspense sehr gut umgehen kann», so die Produzentin Anne Walser von C-Films AG.

Fürwahr wird Welter im Gespräch beim Thema Suspense - der Kunst, mit einfachen stilistischen Mitteln grosse Spannung zu erzeugen - euphorisch. «Suspense macht einfach grossen Spass», sagt der 44-jährige gebürtige Deutsche mit einem Grinsen. Sein letztjähriger Kinohit «One Way Trip 3D» lebte als Horrorfilm wesentlich davon. In «Der Teufel von Mailand» bringt er damit nun effektvoll Sonia an den Rand des Wahnsinns. Hauptdarstellerin Regula Grauwiller tut dabei das ihre, die Zerrissenheit und die Beklemmung ihrer Figur überzeugend rüberzubringen.

Für die Migros Werbung gemacht

Ein grosser Suter-Fan sei er, sagt Welter. Kennen gelernt haben sie sich bei der Migros: Suter schrieb Mitte der Neunziger für die Detailhändlerin die Werbespots, Welter realisierte sie als Regieassistent und Cutter. Beide gingen daraufhin ihren Weg. Letztes Jahr trafen sie sich als Schriftsteller und Filmemacher wieder. «Wir redeten über die Figuren der Geschichte, wobei Suter interessante Denkanstösse lieferte. Gewisse kamen rein, andere mussten aussen vor bleiben.» Welter strebte eine grosse Nähe zum Buch an, musste aber die Gesetzmässigkeiten des Filmemachens berücksichtigen. Die offensichtlichste Veränderung gegenüber der Vorlage ist das Weglassen der synästhetischen Wahrnehmungen von Sonia, die filmisch nicht umsetzbar war. «Wir versuchten stattdessen, die Gewalt der Engadiner Natur einzufangen, dem Zuschauer ihre Farben vor Augen zu führen, selbst ihre Gerüche bei ihm abzurufen», so Welter.

Sein Film sei düsterer als Suters Buch. Er sei nahe dran, und doch anders. Wer den Roman gelesen hat, wird Welters gelungene Version penibel mit der Vorlage abgleichen. Auch heute an der Premiere am Zurich Film Festival. Doch denen sei geraten: Am besten einfach nicht daran denken.