Kino

Der Stotterer besteigt den englischen Thron

«The King's Speech» mit Colin Firth

«The King's Speech» mit Colin Firth

«The King’s Speech» mit Colin Firth als stotterndem Monarchen ist ein Kinoerlebnis der Extraklasse und für zwölf Oscars im Rennen.

Der Mann am Mikrofon des Wembleystadions würgt und presst, als ob er nächstens ersticken müsste. Aber die Worte wollen einfach nicht raus. Sein Name ist Prinz Albert von Wales (Colin Firth). Jahre später wird er als Symbol des Widerstands gegen Adolf Hitler gefeiert – als King George VI., britisches Oberhaupt von 1936 bis 1952 und Vater der noch heute amtierenden Elisabeth II. Aber eben: Zuerst sollte der Mann mal sprechen lernen.

Klassisch, trendbewusst

«The King’s Speech», mit zwölf Nominationen der grosse Oscarfavorit 2011, beginnt klassisch. Und trendbewusst. Schon «The Queen» (2006) und «The Young Victoria» (2008) bestachen als scharfe zwischenmenschliche Analysen des britischen Königshofs. Dennoch: Wie aufregend mag es sein, einem Monarchen bei der zungenakrobatischen Nachhilfe zuzusehen, sich in dessen Versagensängste zu versetzen?

Enorm spannend, wenn es der 38-jährige Regisseur Tom Hooper nach Vorlage des 73-jährigen Drehbuchautors David Seidler tut. Die beiden verhandeln in «The King’s Speech» historische Fakten und intime Dramen so elegant wie unaufgeregt.

Es beginnt damit, dass Albert nach der Abdankung seines älteren Bruders Edward VIII., der eine zweifach geschiedene Amerikanerin heiratete, zum Thron und zur Sprache gezwungen wird. Seine Gattin (Helena Bonham Carter) erreicht dabei, dass Albert den Palast verlässt, um einen unorthodoxen Sprachtrainer namens Lionel Logue (Geoffrey Rush) aufzusuchen. Der schlägt vor, sich mit «Bertie» auf Augenhöhe zu unterhalten.

Ein brillanter Schachzug

Colin Firth, der Inbegriff des versnobten Briten, bringt diese königliche Verstocktheit ausgezeichnet zur Geltung. Aufgrund seiner bisherigen Rollen («Bridget Jones», «Mamma Mia!», «A Single Man») war das auch nicht anders zu erwarten. Wie er jedoch Ohnmacht urplötzlich in Wut umschlagen lässt und mit unköniglichen Worten zu königlicher Sprache findet, ist brillant umgesetzt.

Gegen Ende, als George VI. angesichts des drohenden Weltkrieges eine Radioansprache halten soll, bleibt sogar Raum für eine Prise Selbstironie. Längere Pausen, meint Sprachtrainer Logue, seien nicht so schlimm, sie vermittelten Ernsthaftigkeit. «In diesem Fall», meint George VI., «werde ich der ernsteste König aller Zeiten sein.» Trockener und ergreifender kann man das nicht ausdrücken.

The King’s Speech (AUS, GB 2011) 118Min. Regie: Tom Hooper. Mit: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter u.a.

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