Kaum hatte er die neue Stelle angetreten, befand er sich im Auge des Orkans. Stefano Semeria stelle die grossen Fernseh-Stars wie Roman Kilchsperger und Kurt Aeschbacher kalt. Und ja, nicht mal jassen könne er. Der Sturm hat sich verzogen. Aber die Herausforderungen sind geblieben. Semeria muss mit deutlich kleinerem Budget als seine Vorgänger ein fesselndes Programm produzieren.

Herr Semeria, wie gefällt Ihnen Michael Elseners «Late Update»?

Stefano Semeria: Sehr gut.

Wieso? Gewisse Startschwierigkeiten waren doch offensichtlich.

Nun, er hat den Druck ausgehalten. Das muss man als junger Comedian erst mal hinkriegen. Ich habe die Kritiken gelesen. Und natürlich gibt es noch Luft nach oben. Aber wir haben nie gesagt, Elsener müsse die Nachfolge von Giacobbo/Müller antreten. Elsener bringt eine Farbe rein, die wir einige Zeit nicht mehr auf dem Sender hatten – und er setzt sie in seiner ganz eigenen Form um. Es war ein solider bis guter Start. Auch mit der Themenwahl bin ich sehr zufrieden.

Die grossen SRF-Quotenhits in der TV-Unterhaltung

Spüren Sie Ihrer Herkunft wegen Ressentiments? Schliesslich ist TV-Unterhaltung für viele Menschen ein Stück Kulturgut. Und da sollte der Chef-Unterhalter mit den hiesigen Besonderheiten vertraut sein.

Für mich sind das zwei Ebenen. Die eine: Wie gut kennt man ein Land, um beurteilen zu können, was die Unterhaltungsformen und wer die wichtigsten Persönlichkeiten in diesem Sektor sind? Das ist ein Feld, wo ich Defizite habe. Schliesslich bin ich nicht durch das Schweizer Fernsehen sozialisiert worden. Die andere Ebene: In wie weit ist die erste Ebene wichtig für meine tägliche Arbeit? In meinem Job ist nicht nur wichtig, den kulturellen Hintergrund zu kennen. Sondern ich muss auch wissen, wie sich Medien verändern – wo es hingeht. Ich habe mich mit dieser Frage viele Jahre sehr intensiv auseinandergesetzt. Dieses Feld ist nicht länderspezifisch.

Unmittelbar nach Ihrem Start wurden Sie medial in die Mangel genommen. Es hiess: Dieser Mann nimmt uns die Stars wie Roman Kilchsperger, Monika Fasnacht und Kurt Aeschbacher weg.

Die Schlagzeilen sind das eine. Die Haltung das andere. Roman Kilchsperger hat mit dem Wechsel zu Teleclub selbst den Schritt gemacht. Wir hätten sowieso eine Nachfolge suchen müssen. Jetzt haben wir den Wechsel ein Jahr früher vollzogen. Bei Aeschbacher war definiert, dass es ein Ende gibt. Einzig wegen Sparmassnahmen wurde das Ende um ein halbes Jahr vorgezogen.

Ist schon klar, wer das neue «Donnschtig-Jass»-Gesicht wird?

Nein.

Sie dürfen das ältere Stammpublikum nicht verlieren, müssen aber gleichzeitig ein junges Publikum gewinnen. Das ist wie die Quadratur des Kreises.

Wenn es darum geht, ein junges Publikum, das per se weniger TV konsumiert, mit klassischen Sendungen wieder vor den Fernseher zu holen: Das wird nicht funktionieren. Aber ich habe andere Kanäle, um das junge Publikum zu gewinnen.

Die Sendezeit im Fernsehen wird nicht weniger. Aber das Geld wird weniger und gleichzeitig soll das Unternehmen mehr im Bereich Online investieren. Gibt es in zehn Jahren nur noch einen Schweizer Sender pro Sprachregion?

Das will ich nicht prognostizieren. Vielleicht gibt es in zehn Jahren Senderformen, die wir heute noch gar nicht kennen. Vielleicht gibt es Sender- und Demandplattformen, die koexistieren und sich gegenseitig alimentieren. Es gibt Leute, die behaupten, in zehn Jahren ist das Fernsehen tot. Aber ich halte dagegen: Denn eine älter werdende Gesellschaft ist nicht an die Fernbedienung gekettet. Meine Eltern sind weit über 70, wissen aber, wie Podcast funktioniert. Selbst die Nutzungsgewohnheiten von älteren Menschen wechseln. Deshalb ist es für mich nicht so sehr die Frage, wie viele Senderketten es in zehn Jahren noch gibt, sondern wie sich das Nutzungsverhalten verändert. Seit wann gibt es Smartphones? Und hätten wir es vor 15 Jahren für möglich gehalten, dass sich der Medienkonsum dermassen auf diesen kleinen Bildschirm fokussiert? Ich kann dem Publikum nicht vorschreiben, wo es uns konsumieren soll.

Kann man es wenigstens in eine Richtung lenken?

Nein. Unsere Konkurrenz ist nicht ein anderer Fernsehsender, sondern alles, was die Aufmerksamkeit des Publikums anzieht. Das kann ein anderer Bildschirm sein, eine Spielkonsole, eine App, alles. Deshalb ist der Markt viel grösser und der Vergleich mit einem anderen Sender obsolet geworden.

Wo sparen Sie?

Wir suchen nach Synergieeffekten zwischen dem, was am Fernsehen stattfindet, und dem, was wir online machen könnten. Eine ganz simple Idee: Der Anteil des jüngeren Publikums ist bei «Happy Day» oder «SRF bi de Lüt: Live» sehr hoch. Die Frage ist: Können wir die Inhalte von «Happy Day» nutzen und in irgendeiner Form online ausbauen oder ausspielen? Dafür müssen wir nicht eine ganz neue Sendung erfinden. Aber etwas, das mit dem Kern und den Protagonisten von «Happy Day» zusammenhängt. Der andere Weg: Kann ich mit geringeren Mitteln als denen, die ich im Fernsehen ausgebe, Inhalt so präsentieren, dass ich eine dezidierte Zielgruppe erreiche? In diesem Zusammenhang entwickeln wir ein auf Online ausgerichtetes Konzept mit Susanne Kunz, wo es um junge Eltern geht. Aus unserer Sicht ist das sinnvoll, weil wir damit auch eine nachwachsende Zielgruppe ansprechen. Ob das auf Facebook, Youtube oder Instagram stattfinden wird, ist noch offen.

Können Sie konkreter werden?

Letztendlich geht es um die Frage, dass Eltern unter dem Druck stehen, alles perfekt machen zu müssen, aber regelmässig daran scheitern. Wir sagen: Das ist okay. Es geht aber unter anderem auch darum, wie man Berufs- und Familienleben unter einen Hut bringen kann. Haben Sie Kinder?

Ja, zwei. Acht- und sechsjährig.

Und wie halten sie es mit Spielen an elektronischen Geräten? Geht’s schon los?

Am Smartphone

Und, gibt’s eine zeitliche Beschränkung für die Kinder?

Ja, eigentlich 20 Minuten pro Tag.

Und das ist für viele Eltern ein riesiges Problem. Was ist ein adäquates Mass? Und ist es überhaupt sinnvoll, die Kinder unbeaufsichtigt am Smartphone spielen zu lassen? Das sind Themen, da spürt man die Unsicherheit der Eltern. Ich sage nicht, dass wir mit dem neuen Format die Lösung präsentieren werden. Aber wir beschäftigen uns damit. Ein anderes Thema sind Kindergeburtstage. Da tobt ein regelrechter Wettkampf. Auch dem wollen wir uns widmen.

Wann läuft die Sendung an?

Wenn alles gut geht im Frühling 2019.

Früher wurde der SRF-Unterhaltungs-Chef daran gemessen, wie viele Familien am Samstagabend vor der Glotze sassen. Hat der Sendeplatz immer noch diese enorme Bedeutung?

Ja, aber der Freitagabend ist genauso wichtig geworden. Aus Spargründen verzichten wir am Samstagabend aber grösstenteils auf einmalige Shows. Wir wollen vermehrt auf Serielles wie «Happy Day» setzen, was so produktionell günstiger ist. Ein Versuch, der am Samstagabend erfolgreich gestartet ist, heisst «Wer wohnt wo?». Damit versuchen wir, den Samstagabend weiterhin hochwertig zu besetzen. Aber wir dürfen uns nichts vormachen: So etwas wie «Die grössten Schweizer Talente» können wir uns in dieser Form nicht mehr leisten.

Was ist am Gerücht, wonach Sie den Samstagabend auf SRF 1 zum Film- und Serien-Abend umwandeln wollen?

Da ist nichts dran. Einzige Ausnahme ist, wenn das Publikum im Sommer am Strand liegt. Wichtig ist, dass das Samstagabend-Programm in der Regel einen klaren Schweizer Bezug hat.

Aber was passiert, wenn Player wie Netflix auf die Idee kommen, Inhalte mit regionalem Bezug zu produzieren? Dann wird es richtig eng für SRF.

Das leisten die sich nicht.

Sind Sie sicher? Im deutschsprachigen Raum leben immerhin rund 100 Millionen Menschen.

Netflix macht bereits deutsche Produktionen. Aber in der Schweiz lohnt sich das nicht, dafür ist der Markt zu klein. Schweizer Sujets wie bei «Wilder» oder «Seitentriebe», das werden wir bei Netflix als Eigenproduktionen nie sehen.

Ein deutscher «Tatort» ist bei uns mindestens so populär wie der «Tatort» aus Luzern.

Unsere Verpflichtung ist es, die Themen hier spielen zu lassen, in der Lebenswelt unseres Publikums. Darum kümmert sich jemand wie Netflix nicht – nicht in einem solch kleinen Markt.

Trotzdem: Eine deutsche Netflix-Produktion könnte auch hier zum Kassenschlager werden.

Das will ich nicht bezweifeln. Und die Konkurrenzsituation wird sich bestimmt verschärfen. Aber unsere Chance ist es, Themen aufzugreifen, die hier spielen.

Hat das jüngere Publikum überhaupt noch das Bedürfnis nach Swissness?

Wir hatten mit der Web-Serie «Nr. 47» über 1,9 Millionen Views. Weil sich die Sendung im Kern an 18- bis 24-Jährige richtet und in der Zielgruppe 90 Prozent erreicht, lautet die Antwort auf Ihre Frage klar: Ja. Dass Netflix und andere die Aufmerksamkeit von uns weglenken können, ist gar keine Frage. Aber sorgen müssen wir uns nicht, dass sie Schweizer Themen aufgreifen. Die einzige Frage, die sich noch stellt: Wann beginnen diese Plattformen, Unterhaltungsformate zu produzieren. Es gibt Signale, die darauf hindeuten, dass dies schon bald passiert. Jetzt ist die Frage: Wie gross ist der globale Ansatz solcher Unterhaltungssendungen? Das könnte einen negativen Einfluss auf das Interesse an unseren Inhalten haben.