Die Geschichte der Schwarzen ist die Geschichte Amerikas, heisst es zu Beginn von «I Am Not Your Negro». Raoul Pecks Dokumentation, im Februar noch für den Oscar nominiert, ist das zeitliche Mittelstück von drei neuen Filmen aus den USA, die den Seelenzustand der afroamerikanischen Bevölkerung auf die Kinoleinwand spiegeln. Zusammen mit «The Birth of a Nation» und «Get Out» zieht Pecks Film eine Linie von damals zu heute, von Sklavenaufständen über Malcolm X bis hin zu weissen Liberalen, die Respekt gegenüber Schwarzen bloss vorschwindeln.

Die Geschichte der Schwarzen ist die Geschichte Amerikas – einer Nation, geschmiedet in der Glut der Sklaverei, wie «The Birth of a Nation» zeigt. Denselben Titel trug auch schon das berüchtigte Filmepos von D.W. Griffith aus dem Jahr 1915, das als rassistische Ku-Klux-Klan-Propaganda in die Kinogeschichte einging. Nate Parker, ein schwarzer Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor aus Virginia, hat sich Griffiths unrühmlichen Filmtitel nun angeeignet – und dreht den Spiess um.

Parkers «The Birth of a Nation» (jetzt neu im Kino) erzählt nach wahren Begebenheiten die Geschichte des schwarzen Priesters Nathaniel Turner, der in den 1820er-Jahren dazu instrumentalisiert wird, aufständische Sklaven in Schach zu halten. Bis er erkennt: «Für jeden Bibelvers, mit dem unsere weissen Herren unsere Gefangenschaft rechtfertigen, gibt es einen anderen Vers, der unsere Freiheit einfordert!» Turner führte 1831 einen Sklavenaufstand auf und wurde zur Symbolfigur gegen die Vorherrschaft der Weissen.

Schwarzer Vordenker: James Baldwin in «I Am Not Your Negro».

Schwarzer Vordenker: James Baldwin in «I Am Not Your Negro».

Ein Geistesverwandter von Turner ist Malcolm X, der militante Anführer der Black-Power-Bewegung, der 1965 in New York erschossen wurde. Dessen Clinch mit Martin Luther King, der den damaligen Rassenunruhen mit Botschaften von Liebe und Frieden begegnete, steht im Zentrum von «I Am Not Your Negro». Der Dokumentarfilm, der seit Mitte April im Kino läuft, speist sich aus Zitaten des schwarzen Schriftstellers James Baldwin, ein etwas älterer Zeitgenosse von King und Malcolm X, mit denen er zeitlebens in einem intellektuellen Diskurs stand.

Gefährliche Apathie

Baldwin stand in ihrem Schatten, doch wie der Film nahelegt, war er den beiden Wortführern der schwarzen Bevölkerung wohl gedanklich voraus. «Es geht nicht darum, dass die Weissen Angst vor den Schwarzen haben», sagt Baldwin im Film, «sondern um die Apathie und das Unwissen, den Preis für die Rassentrennung, die ja bedeutet: Man weiss nicht, was auf der anderen Seite los ist, weil man das nicht will.»

Immer wieder schlägt Filmemacher Raoul Peck den Bogen zu heute. Wenn er die Bilder der zahlreichen schwarzen Opfer aktueller Polizeigewalt mit Zitaten von Baldwin unterlegt, der davon spricht, dass die Nation nicht wisse, was sie mit ihrer schwarzen Bevölkerung anstellen soll, «ausser von einer Endlösung zu träumen», dann läuft es einem als Zuschauer kalt den Rücken herunter.

Aus der Wut der gewaltsamen Diskriminierung schöpft auch «The Birth of a Nation» kinematografische Kraft. Im Unterschied zu Peck vermittelt Nate Parker, der in seinem Film auch die Hauptrolle spielt, seine Botschaft allerdings oft mit dem Vorschlaghammer: In einer zentralen Szene erhebt sich der Priester Nathaniel, nachdem er brutal ausgepeitscht wurde, heldenhaft zu Kerzenlicht und ergreifenden Violinklängen. «Ich habe meine Lektion gelernt», verkündet Nathanial darauf, und greift zum Beil. Pathos pur.

Sklavenanführer: Nathanial Turner (Nate Parker) in «The Birth of a Nation».

Sklavenanführer: Nathanial Turner (Nate Parker) in «The Birth of a Nation».

«The Birth of a Nation» hatte am Filmfestival Sundance unter den US-Studios einen Bieterwettstreit ausgelöst (Fox Searchlight sicherte sich die Vertriebsrechte für den Rekordbetrag von 17,5 Millionen Dollar) und galt lange als Oscar-Favorit. Doch der Film erhielt keine einzige Nominierung und floppte an den Kinokassen. Parker schob die Schuld den Medien zu, die einen alten Vergewaltigungsvorwurf, von dem Parker 1999 freigesprochen worden war, wieder aufbauschten. Tatsache ist: Ermächtigungsgeschichten wie seine haben Filmemacher wie Steve McQueen («12 Years a Slave») und sogar Quentin Tarantino («Django Unchained») schon weitaus besser bewerkstelligt.

Die Geschichte der Schwarzen ist die Geschichte Amerikas – und die überraschendsten neuen Einsichten in den ewigen Rassenkonflikt vermittelt mit «Get Out» (ab 5. Mai im Kino) ausgerechnet ein Horrorfilm. Dieser beginnt indes ganz harmlos: Die hippe weisse New Yorkerin Rose (Alison Williams) will zusammen mit ihrem Freund Chris (Daniel Kaluuya) ein Wochenende bei ihren Eltern auf dem Land verbringen. «Wissen sie, dass ich schwarz bin?», fragt Chris leicht besorgt. «Keine Sorge, meine Eltern sind keine Rassisten», versichert Rose mit einem bezaubernden Lächeln.

Tatsächlich: Chris erwartet in der schicken Villa ein überaus herzlicher Empfang, jegliche Restspannung löst Roses Vater mit dem Ausruf: «Wir hätten Obama am liebsten ein drittes Mal gewählt, er war der beste Präsident aller Zeiten!» Und die feinen Gäste, die auf Besuch kommen – allesamt weiss, wohlhabend und liberal – schwärmen in Chris’ Anwesenheit davon, wie «modisch» Schwarzsein doch gerade sei.

Die übertriebenen Nettigkeiten, die seltsamen Blicke der schwarzen Bediensteten, die ominöse Stimmung: Chris traut der ganzen Sache immer weniger – und mit ihm auch die Kinozuschauer.

Rassismus auch von links

Und dann wird «Get Out» böse, richtig, richtig böse. Über die Wendungen in der zweiten Filmhälfte sei an dieser Stelle nichts verraten. Festzuhalten ist aber, dass es Regisseur und Autor Jordan Peele gelingt, die Angst und die Faszination gegenüber dem Fremden zu einem subversiven Horror-Cocktail zu mixen. «Get Out» avancierte in den USA zur regelrechten Kinosensation. Den bescheidenen Herstellungskosten von 4,5 Millionen Dollar stehen derzeit Einnahmen von beinahe 200 Millionen gegenüber: Peele ist damit der erfolgreichste amerikanische Debütfilmer aller Zeiten.

Trailer von «Get Out»  (2017)

Trailer von «Get Out» (2017)

«Get Out» ist indes kein revolutionärer Film, er wird das Horrorgenre nicht auf den Kopf stellen. Er leistet aber – und das ist viel entscheidender – einen eminent wichtigen Beitrag zum Diskriminierungsdiskurs, in dem er offenlegt, dass Rassismus nicht nur von Rednecks und anderen Ultra-Nationalisten am Leben erhalten wird. Das wahre Schreckgespenst der zweigeteilten amerikanischen Gesellschaft ortet Jordan Peele in einer Ignoranz und Selbstgefälligkeit, die auch unter den Linken gärt.

Das Kino des schwarzen Amerikas nährt sich aus subversiver Kraft, aus Wut, aber auch aus Enttäuschung. «Ich bin kein Nigger, sondern ein Mensch», hatte James Baldwin Mitte der Sechzigerjahre plädiert. Doch die farbenblinde US-Gesellschaft, die er sich damals erhoffte, ist auch nach acht Jahren Obama nicht Wirklichkeit geworden. Umso nötiger sind Filme wie «I Am Not Your Negro», «Get Out» und «The Birth of a Nation». Sie legen den Finger auf die Wunden eines Landes, die fast jeden Tag aufs Neue aufreissen.