TV-Serie

Der Schwarze, den keiner erschiessen kann

Luke Cage (Mike Colter) hat einen kugelsicheren Körper und trägt gerne Kapuzenpullis – eine Hommage an den 2012 erschossenen Schwarzen Trayvon Martin.Netflix

Luke Cage (Mike Colter) hat einen kugelsicheren Körper und trägt gerne Kapuzenpullis – eine Hommage an den 2012 erschossenen Schwarzen Trayvon Martin.Netflix

«Luke Cage» ist derzeit Amerikas brisantester Fernsehheld: eine Symbolfigur gegen Waffengewalt.

Wäre Netflix bloss so robust wie sein neuester Fernsehheld. Ende September war der Streamingdienst, der Filme und Serien auf Knopfdruck im Internet anbietet, mehrere Stunden offline. Der Aufschrei unter den weltweit über 80 Millionen Abonnenten war riesig. Denn just an jenem Tag feierte Marvels neue Superhelden-Serie «Luke Cage» Premiere. Netflix wollte nichts bestätigen, doch es lässt sich vermuten, dass die Nachfrage nach der Serie so gross war, dass seine Server unter der Last kapitulierten. Denn Luke Cage ist im Dunst des aktuellen politischen und gesellschaftlichen Klimas in den USA eine Fernsehfigur voller Zündstoff.

Augenfällig ist zunächst einmal seine imposante Statur. Luke Cage (gespielt vom 40-jährigen US-Amerikaner Mike Colter) ist ein grosser, überaus muskulöser schwarzer Mann. Wenn er auf seine Feinde zuschreitet, weichen diese vor ihm zurück. Ihre Waffen können Cage nichts anhaben. Kugeln durchbohren nur seine Kleidung, nicht aber seinen Körper – sie prallen von seiner Haut ab, als wären sie aus Gummi.

Hommage an Erschossene

Im Vergleich zu anderen Fernseh- und Kinofiguren mit Superkräften verzichtet dieser kugelsichere Kerl auf ein buntes Kostüm. Seine simple Kleidung hat aber nicht weniger Symbolkraft: Cages Kapuzenpullover ist eine visuelle Hommage an den afroamerikanischen Highschool-Schüler Trayvon Martin, der 2012 von einem weissen Nachbarschaftswächter erschossen wurde, welcher später von seiner Tat freigesprochen wurde.

Der Fall löste in den USA eine landesweite Rassismusdebatte aus, die seither fast wöchentlich mit neuen Meldungen über die Erschiessung von Afroamerikanern durch weisse Polizisten weiter angeheizt wird. Der dunkle Kapuzenpulli, den Trayvon Martin in jener Nacht trug, ist bis heute ein Symbol der «Black Lives Matter»-Protestbewegung.

Luke Cage, der im Kugelhagel zwischen Polizei und Drogengangs seinen Körper wie einen schützenden Schirm vor seine Mitbürger stellt, ist ein Held für die «Black Lives Matter»-Ära – nicht aber ihre Erfindung. Seinen ersten Auftritt hatte Cage bereits 1972 in einem Marvel Comicbuch. Er trug ein knallgelbes Hemd und ein metallenes Kopfband und war den rachsüchtigen schwarzen Helden aus Kinohits wie «Shaft» und «Superfly» nachempfunden. Im Prinzip war «Luke Cage» nichts weiter als ein peinlicher Versuch seiner (weissen) Autoren, aus den damals populären Blaxploitation-Filmen Kapital zu schlagen.

Schwarzes Sittengemälde

Mit seiner Neugeburt auf Netflix ist der Charakter nun vollumfänglich ins Jetzt geholt worden. «Jede schwarze Kunst zeigt, dass unsere Geschichte, unsere Erzählungen und unsere Leben bedeutsam sind», sagte der schwarze Serienschöpfer Cheo Hodari Coker im Rahmen des Serienstarts. Der 43-jährige ehemalige Musikjournalist suchte für alle Schlüsselpositionen in Stab und Besetzung Afroamerikaner aus und entwarf ein authentisches Sittengemälde des schwarzen Stadtviertels Harlem. So sprechen die Figuren in typischem Strassen-Slang manchmal minutenlang über schwarze Basketballspieler oder schwarze Musik-Ikonen. Und der zentrale Schauplatz der Serie ist ein Club, in dem angesagte Hip-Hop-Künstler auftreten. Sein Besitzer ist ein Waffenschmuggler, der den Wahlkampf einer korrupten Politikerin finanziert. Sie sind Cages Gegenspieler.

Mahnmal gegen sinnlose Gewalt

Wegen seiner tragischen Vergangenheit will Luke Cage zu Beginn der Serie eigentlich gar nicht im Rampenlicht stehen – der schwarze Literaturklassiker «Invisible Man» von Ralph Ellison liegt nicht zufällig auf seinem Bett. Doch bald sieht sich der unbesiegbare Kraftwürfel dazu genötigt, gegen die zunehmende Brutalität in seinem Viertel einzuschreiten. Und dann passiert etwas Erfreuliches: Dieser Luke Cage entpuppt sich als weit mehr als ein prügelnder Racheengel, der dem Zuschauer die Unfähigkeit der Behörden vor Augen führen soll. Vielmehr ist er ein faszinierender Mann voller Schattierungen: schlagkräftig, aber auch beseelt, unnachgiebig, aber auch kontemplativ.

Wenn Luke Cage seine Feinde platt macht – und das ist ein zweifellos befriedigendes Seherlebnis –, dann spiegelt sich in seinen Augen immer auch eine Reue, die die Sinnlosigkeit dieser ganzen Gewalt entlarvt. So ist Luke Cage vielleicht der brisanteste Fernsehheld unserer Zeit: ein fleischgewordenes Mahnmal gegen die amerikanische Waffenkultur und ihre fortlaufende Zerstörung unzähliger Menschenleben.

Luke Cage (USA 2016). Alle 13 Episoden jetzt auf Netflix. 

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