Es ist eine der verführerischsten Filmszenen des Jahres: Zula (Joanna Kulig) erstrahlt im weissen Bühnenlicht, greift sich in der verrauchten Kneipe das Mikrofon und haucht mit glutvoller Stimme eine Liebesballade.

Viktor (Tomasz Kot) hat sie längst mit seinen dunklen Augen fixiert, ein Knistern liegt in der Luft. Ein Knistern, das sich im weiteren Verlauf des Films «Cold War» in eine stürmische Amour fou entlädt.

Eine stürmische Zeit hat auch «Cold War»-Regisseur und Autor Pawel Pawlikowski hinter sich. Drei Jahre ist es her, seit er für seinen letzten Film, «Ida», den Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film gewonnen hat.

Trailer «Cold War»

Das war zuvor noch keinem anderen Filmemacher aus Polen gelungen, doch in Pawlikowskis Heimatland löste die Ehrung keine Begeisterung aus, im Gegenteil: «Die polnische Regierung nannte unsere Auszeichnung einen ‹Oscar der Schande›», erzählt der 61-jährige Filmemacher der «Schweiz am Wochenende».

«Ida» spielt in den 60er-Jahren und handelt von einer jungen polnischen Novizin, die in eine Glaubens- und Sinnkrise stürzt. Weil der Film auch die Rolle einiger Polen während der Nazi-Besetzung im Zweiten Weltkrieg thematisiert, wurde «Ida» von der rechtspopulistischen Regierungspartei PiS, die damals gerade einen hitzigen Wahlkampf führte, als «anti-polnisch» verschmäht.

«Es wurde sogar eine Petition lanciert, um die Ausstrahlung des Films zu verbieten», sagt Pawlikowski. «Sie wurde von mehr Menschen unterzeichnet, als der Film Zuschauer hatte.»

Den Frust darüber lässt sich der Filmemacher nicht anmerken. Pawlikowski hat ziemlich genau die Hälfte seines Lebens in England verbracht, nach seinem Oxford-Studium realisierte er in den 90er-Jahren zuerst Dokumentationen für die BBC und feierte dann mit englischsprachigen Autorenfilmen wie «My Summer of Love» (2004) den internationalen Durchbruch.

Heimkehr nach 30 Jahren

Dass er nach über dreissig Jahren in seine Geburtsstadt Warschau zurückgezogen ist, bereut er nicht: «Ich liebe Warschau, hier gibt es eine fantastische Künstler-Community. Ich glaube nach wie vor an mein Polen. Deshalb ist es wichtig, dass polnische Künstler wie ich dort bleiben.»

Die Heimkehr hat Pawlikowski die Möglichkeit eröffnet, äusserst persönliche Filme zu drehen. «Cold War» ist eine Hommage an seine Eltern, deren Hassliebe die explosive Beziehung von Zula und Viktor im Film inspiriert hat.

«Ich habe die Filmfiguren nach meinen Eltern benannt», sagt Pawlikowski. Seine Mutter rannte mit 17 von zu Hause weg, um Balletttänzerin zu werden, und lernte dann seinen Vater kennen, einen Arzt.

«Sie waren 40 Jahre lang zusammen, trennten sich während dieser Zeit aber immer wieder und heirateten dazwischen auch andere Leute. Doch als sie starben, waren sie wieder zusammen. Das war 1989, kurz bevor die Mauer fiel.»

Von Pawlikowskis Eltern inspiriert: Die stürmische Liebschaft zwischen Viktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig) in «Cold War».

Von Pawlikowskis Eltern inspiriert: Die stürmische Liebschaft zwischen Viktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig) in «Cold War».

«Cold War» setzt im Jahr 1948 ein. Viktor ist im Film ein Komponist und hat den Auftrag, mit dem staatlichen Musik- und Tanzensemble Mazowse traditionelle polnische Volkslieder auf die Bühne zu bringen. Ganz im Sinne der kommunistischen Regierung waren patriotische, staatserhaltende Lieder gefragt.

«Mazowse trat damals auch im Kreml vor einem grossen Stalin-Porträt auf», erzählt Pawlikowski. «Das ist dem Ensemble, das immer noch existiert und mich beim Dreh unterstützt hat, heute ziemlich peinlich.»

Im Film wird Zula zum Aushängeschild der Gesangstruppe. Als sie erstmals zum Vorsingen erscheint, ist Viktor weniger von ihrer Stimme angetan als von ihrer explosiven Energie. Die beiden kommen sich näher.

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entflammt zwischen ihnen eine epische Romanze, die sie von Polen über Berlin nach Paris führt – und wieder zurück in den Osten. Viktor und Zula verlieren sich dabei immer wieder aus den Augen, sie streiten sich, lieben sich, trennen sich – und können dann doch nicht voneinander lassen.

Für Bond-Rolle vorgesprochen

Joanna Kulig und Tomasz Kot, die beiden Darsteller, spielen diesen Kalten Krieg der Herzen mit einer berauschenden Energie. Seit der Weltpremiere in Cannes, wo «Cold War» den Regiepreis gewann, reisst sich ganz Hollywood um die beiden.

Kulig wurde von der amerikanischen Presse bereits als neue Jennifer Lawrence gefeiert. Kot sprach als neuer Bond-Bösewicht vor.

Angesprochen auf die Gerüchte, dass Bond-Regisseur Danny Boyle kurz darauf das Handtuch warf, weil die Filmproduzenten Kot nicht casten wollten, winkt Pawlikowski allerdings ab: «Die britische Presse steckte da wohl gerade in einem Sommerloch. Doch in Polen liebt man es, solche Dinge aufzubauschen. Wenn unsere Fussball-Nationalmannschaft mal gut spielt, träumen wir schon vom Weltmeistertitel!»

Pawel Pawlikowski gewann im Mai 2018 den Regiepreis in Cannes.

Pawel Pawlikowski gewann im Mai 2018 den Regiepreis in Cannes.

Mit «Cold War» erweist sich Pawel Pawlikowski als Weltmeister der filmischen Verdichtung: Die 15 Jahre, die die Filmhandlung umfasst, erzählt er in unter 90 Minuten. Der Filmstoff ist von sämtlichem Überfluss befreit, keine Einstellung ist hier zu viel.

«Filmdialoge sind oft nur dazu da, die vorige Szene mit der nächsten zu verknüpfen», kommentiert Pawlikowski. «Ich möchte in meinen Filmen aber nicht erklären, sondern zeigen.»

Inszeniert hat er das schlanke Werk wie schon «Ida» in hochästhetischen Schwarz-Weiss-Bildern – die, je stärker Viktor und Zula in den Westen vordringen und dabei den Jazz für sich entdecken, freier und verspielter daherkommen. «Die Musik ist der Klebstoff, der meine fragmentierte Filmhandlung zusammenhält», sagt Pawlikowski.

Magnetische Aura: Zula (Joanna Kulig).

Magnetische Aura: Zula (Joanna Kulig).

Dieser Fragmentierung zum Trotz fühlt sich «Cold War» nie an, als ob etwas fehlt. Pawlikowski schafft es, die Nuancen einer jahrelangen Beziehung in kurzen, teilweise wortlosen Einstellungen zusammenzufassen. Was dem Film einen mitreissenden Vorwärtsimpuls verleiht.

«Art is all about what you leave out», bringt Pawlikowski sein filmisches Prinzip auf den Punkt: Bei Kunst geht es um das, was man weglässt.