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Der sanftmütige Revolverheld – dieser Western ist aus mehreren Gründen ungewöhnlich

Der ewige Nebendarsteller für einmal in einer Hauptrolle: John C. Reilly als sensibler Auftragskiller Eli in «The Sisters Brothers». Elite

Der ewige Nebendarsteller für einmal in einer Hauptrolle: John C. Reilly als sensibler Auftragskiller Eli in «The Sisters Brothers». Elite

Wie John C. Reilly im Western «The Sisters Brothers» mit dem Klischee des taffen Cowboys bricht.

Sein Gesicht kennen alle, die auch nur hin und wieder ins Kino gehen. Aber seinen Namen? John C. Reilly ist so etwas wie der bekannte Unbekannte. Der 53-jährige Schauspieler aus Chicago war bereits in über einhundert Filmen und Fernsehserien zu sehen – doch meistens nur kurz. Ob als Pornodarsteller in «Boogie Nights», als gutgläubiger Ehemann in «Chicago» oder als dümmlicher Space-Cop in «Guardians of the Galaxy»: Reilly ist sowas wie der ewige Nebendarsteller.

«Ich bin von Natur aus eher schüchtern und mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen», erzählt er beim Gespräch in Zürich. Reilly ist angereist, um seinen neuen Kinofilm «The Sisters Brothers» zu promoten. Ein Western, der gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist. Zum Beispiel, weil Reilly darin für einmal die Hauptrolle spielt. Das hat er sich selbst zu verdanken: Reilly sicherte sich die Filmrechte am gleichnamigen Roman von Patrick deWitt, produzierte die Kinoadaption und castetete sich selbst: in der Rolle von Eli Sisters, einem Auftragskiller im Jahr 1851.

Dieser Eli ist allerdings kein typischer Revolverheld, sondern eigentlich ein ganz sanftmütiger Kerl – wie so viele von Reillys Filmfiguren, sein knautschiges Gesicht eignet sich ja hervorragend dazu. Wenn Eli an der Seite seines Bruders Charlie Sisters (gespielt von Joaquin Phoenix) jemanden umlegt, dann verrichtet er bloss seinen Job. Doch eigentlich träumt Eli davon, auszusteigen, sein eigenes Geschäft zu eröffnen und eine Familie zu gründen.

Ein Mann voller Selbstzweifel

«In Eli steckt viel von mir drin», sagt Reilly. «Ich kenne die Selbstzweifel, die an ihm nagen, diese Einsamkeit, dieses Verlangen nach Liebe.» Die Menschen in Elis Umfeld – dazu gehört auch sein Bruder Charlie – würden ihn völlig falsch einschätzen. «Diesen Widerspruch zwischen seiner äusseren Erscheinung und seiner inneren Gefühlswelt fand ich als Schauspieler wahnsinnig interessant.»

Einem letzten Auftrag stimmt Eli allerdings noch zu: Zusammen mit Charlie soll er einen Goldsucher (Riz Ahmed), der ihrem Auftraggeber, dem undurchsichtigen Commodere (Rutger Hauer), angeblich etwas gestohlen hat, aufspüren und zur Strecke bringen. Ein typisches Westernmotiv, mit dem «The Sisters Brothers» in der Folge allerdings bricht. So zeigt der Film alltägliche Dinge, die in Western normalerweise ausgeblendet werden: den Kater nach einer durchzechten Nacht, den Toilettengang unter dem freien Sternenhimmel, die geschwollene Backe nach einem unruhigen Schlaf. Die Sisters Brüder verkehren auf ihrer Reise durch die Berge Oregons das Bild des schweigsamen, undurchsichtigen Cowboys à la John Wayne ins Gegenteil. Eli und Charlie reden über alles und reflektieren in einer Art Dauerdialog ihre Existenz. «Sie sind keine gefühlskalten Kerle, sondern tragen ihr Herz auf dem Ärmel», sagt Reilly. «Das sieht man in Western nur selten.»

Wie viele andere Amerikaner wuchs auch Reilly mit den klassischen Western auf, auch er träumte als Kind davon, ein Cowboy zu sein. Er weiss genau, was hinter dieser Faszination steckt: «Cowboys existieren in einer schwarz-weissen Welt. Da sind Helden, Schurken und Waffen, das ist einfach zu verstehen.» Heute betrachtet er das amerikanischste aller Filmgenres weitaus kritischer: «Ich glaube, viele Western basieren einfach auf anderen Western. So hält sich dieser Kreislauf von Klischees am Leben.»

Weg mit dem Western-Mythos

Um sicherzugehen, dass «The Sisters Brothers» diesem Kreislauf entkommt, engagierte Reilly für die Regie des Films statt eines Amerikaners den preisgekrönten französischen Autorenfilmer Jacques Audiard. «Jacques hat einen viel objektiveren Zugang zu diesem Stoff und dieser Ära», erklärt Reilly. «Und er ist für seine unsentimentalen Filme bekannt.»

Audiards Verpflichtung ist ein Coup. Wie in seinen Meisterwerken «Un prophète» (2009) und «De rouille et d’os» (2011) kratzt der Franzose auch in «The Sisters Brothers» auf subtile Weise unter der Oberfläche seiner Protagonisten. «Er interessiert sich nicht für den Mythos des Westerns», sagt Reilly, «sondern für grundlegende Fragen wie: Wer waren diese Menschen? Was bereitete ihnen Sorgen?»

Diese Zuspitzung aufs Wesentliche bringt in «The Sisters Brothers» viele grossartige Szenen hervor. In einer von ihnen erblickt und erwirbt Eli seine erste Zahnbürste, die danach rege zum Einsatz kommt. «Um Ihren Atem frisch zu halten», erklärt der Apotheker. Ein simples Haushaltsobjekt wird zum Symbol für Freiheit, für Ausbruch, für ein modernes Leben. Und in John C. Reilly knautischigem Gesicht funkeln die Augen.

The Sisters Brothers (F / SPA / RUM / BEL / USA 2018) 122 Min. Regie: Jacques Audiard. Ab 21.3. im Kino. HHHHI

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