Ein schwerbewaffnetes Elitekommando der kolumbianischen Regierung sucht im Dschungel um Medellin den aus seinem Luxusgefängnis entwichenen Drogenmilliardär Pablo Escobar. Der Gesuchte gelte als unbesiegbar, übe furchtbare Rache an seinen Widersachern, munkeln die angstschlotternden Soldaten. Plötzlich tritt ER aus dem Dickicht, schreitet durch den Suchtrupp. Die Verhaftung wird verweigert. Die Soldaten lassen ihn gewähren und Escobar verschwindet in der Dunkelheit, um sein mörderisches Werk fortzusetzen.

Ein starker, fast surrealer Auftakt zur zweiten Staffel der Netflix-Serie «Narcos». Die Erstauflage erzählte den Aufstieg Escobars vom Kleinkriminellen zum siebtreichsten Mann der Erde. Nach dem Motto «plata o plomo» (Silber oder Blei) führte er sein Kokainimperium mit einem Jahresumsatz von 22 Milliarden Dollar. Wer sich nicht kaufen liess, wurde umgebracht. Die kolumbianischen Behörden wurden in ihrem Kampf gegen Escobar von den USA unterstützt. Zwei Beamte der DEA (Drug Enforcement Administration) baut «Narcos» zu Widersachern von Escobar auf. Die beiden realen Vorbilder standen den Machern der TV-Serie als Berater zur Verfügung. «Narcos» folgt meist den historischen Fakten.

Ein bisschen Flunkern muss sein

Bei der brillanten Anfangsszene ist das aber kaum der Fall. Hier kommt eine dramaturgische Binsenwahrheit zum Tragen: Im Detail muss manchmal geflunkert werden, um die «grosse» Geschichte wahrhaftig erzählen zu können. Denn eines steht fest: Der Mann hatte Kolumbien während fast zwei Jahrzehnten im tödlichen Schwitzkasten. Anfang der Neunzigerjahre sah es so aus, als ob die Regierung den Kampf gegen ihn gewonnen hatte. Escobar ergab sich 1991 und ging in das eigens für ihn erbaute Gefängnis «La Catedral». Dort steuerte er sein Kokainimperium weiter – eine taktische Meisterleistung. Im Luxusknast gab es einen Bordellbetrieb und einen Fussballplatz, wo Escobars Schergen ermordete Widersacher verscharrten. Schliesslich wurde ein 600-Kopf starkes Kommando nach «La Catedral» entsandt, um Escobar in ein normales Gefängnis zu versetzen. Er entkam, starb 1993 im Kugelhagel der Polizei.

Auch in der 2. Staffel ragt Escobar als Figur heraus. Das liegt auch an der Besetzung – ein Glücksfall. Der Brasilianer Wagner Moura sprach kaum Spanisch, als er die Rolle annahm, frass sich zudem eine Zwanzig-Kilo-Wampe an. Viel Bedrohlichkeit entfaltet der Darsteller über sein Gesicht: Die Sprechstimme liegt eine Oktave unter der normalen von Moura. Ist sein Escobar als liebender Vater und respektvoller Ehemann gut aufgelegt, teilt er sich über Wohligkeit verströmendes Brummeln mit. Bei Konfrontationen mit der Aussenwelt eskaliert diese Stimme dann zum Donnergrollen. Das Gesicht friert ein, blinzelnd-bekiffte Schläfrigkeit weicht dem eiskalt-starren Blick einer Kobra. Und der Zuschauer weiss: jetzt wird es gleich blutig.

Hinter der alleinigen Dominanz des «Narcos»-Escobars steckt neben Mouras schauspielerischer Genialität auch Autorenabsicht. Die Showrunner Adam Fierro und Chris konfrontieren den Drogenboss nicht mit einem einzelnen starken Gegner, sondern – historisch korrekt –- mit einem Kollektiv. Die US-amerikanischen Regierungsbeamten Murphy und Pena (Boyd Holbrook und Pedro Pascal) ragen zwar heraus. Sie werden aber zunehmend zur Schreibtischarbeit verdonnert, statt an Schiessereien mit der Drogenmafia teilnehmen zu dürfen. Das tun die kolumbianischen Kollegen lieber alleine – doch die bleiben in «Narcos» weitgehend gesichtslos.

Dass sich Cop Steve Murphy trotzdem auf Augenhöhe mit Escobar zu bewegen scheint, wird durch den Einsatz eines vielgescholtenen Stilmittels suggeriert. Die Drehbuchautoren lassen Murphy als allwissenden Erzähler auftreten, der via Off-Stimme ergänzende Informationen liefert, das Geschehen bündelt und ironietriefend erklärt.

Unzufriedener Roberto Escobar

Total unironisch gemeint ist dagegen ein Klageschreiben ans «Netflix»-Management seitens Roberto Escobar, dem jüngeren Bruder von Pablo. Nicht dass diesem über viertausend Morde zur Last gelegt werden, störten Roberto, sondern dass der ihm nachempfundene Buchhalter als unfähig dargestellt wird. Eine Milliarde Dollar Entschädigung fordert er von «Netflix» für die unerlaubte Nutzung der Familienstory. Erst mal freundlich. Notfalls will er die Summe gerichtlich einklagen.

Narcos Die zweite Staffel läuft ab heute auf Netflix.