Kino

Der mit den Drogen tanzt: Überraschend zahmer Skandalregisseur

Mit Ausnahme von Schauspielerin Sofia Boutella (Mitte) fand der Regisseur die Tänzer in «Climax» über das Internet oder an Tanzwettbewerben.

«Climax»

Mit Ausnahme von Schauspielerin Sofia Boutella (Mitte) fand der Regisseur die Tänzer in «Climax» über das Internet oder an Tanzwettbewerben.

Gaspar Noé, das franzöische Enfant terrible, zeigt in seinem neuen Film «Climax» junge Tänzerinnen und Tänzer an einer Party, die ausgelassen beginnt und Schritt für Schritt in den Wahnsinn mündet.

An keinem lebenden Filmemacher scheiden sich die Geister der Filmwelt wie an Gaspar Noé. Die einen sehen in ihm einen Visionär, der die Grenzen des Filmemachens auslotet. Die anderen halten ihn für einen sensationshungrigen Provokateur. 2002 sorgte der französische Regisseur mit «Irréversible» für einen Skandal.

Trailer von «Climax»

Der Film schockierte mit einer Szene, in der die von Monica Bellucci gespielte Hauptfigur neun Minuten lang vergewaltigt wird. Nicht minder extrem war die Gestaltung des Filmes. Die schwindelerregende Kameraführung und ein pulsierender Soundeffekt mit extrem niedriger Frequenz riefen bei einigen Zuschauern Übelkeit hervor. Bei der Weltpremiere in Cannes wurde «Irréversible» von wütenden Zwischenrufen begleitet, rund 200 Zuschauer verliessen vorzeitig den Saal.

Gaspar Noé gilt seither als Enfant terrible des Kinos. Seine Filme sind ein Frontalangriff auf die Sinne des Zuschauers. «Enter the Void» (2009) ist eine halluzinogene Achterbahnfahrt durch Tokio aus der subjektiven Perspektive eines kürzlich Verstorbenen. In «Love» (2015) zeigte Noé echte Sexszenen in 3D inklusive einer Ejakulation in die Filmkamera.

Ein freundlicher Provokateur

Wie tickt dieser Mann? Als wir den Regisseur am Filmfestival NIFFF in Neuenburg zum Gespräch treffen, stellen wir beruhigt fest, dass Noé höflich ist. Es störe ihn überhaupt nicht, dass er als Skandalregisseur und Provokateur gilt, denn seine Vorbilder habe man ebenso betitelt: «Alle Regisseure, die ich bewundere, also Rainer Werner Fassbinder, Pier Paolo Pasolini, David Cronenberg, nannte man provokativ.» Er sehe das als etwas Positives, sagt der 54-Jährige und nippt an einem Glas Rosé – dem Atem nach ist es nicht sein erstes. «Wenn man dich einen Faschisten nennt, bist du auf dem richtigen Weg.»

Die jungen Tänzerinnen und Tänzer in «Climax» feiern ausgelassen das Ende ihrer Proben, bis die Stimmung umschlägt.

Feiern bis zum Wahnsinn

Die jungen Tänzerinnen und Tänzer in «Climax» feiern ausgelassen das Ende ihrer Proben, bis die Stimmung umschlägt.

Noé ist da, um seinen neuen Film «Climax» zu bewerben. Dieser handelt von einer Gruppe von jungen Tänzerinnen und Tänzern, die in einem abgelegenen Haus zu wummernder, ekstatischer Technomusik das Ende ihrer Proben feiert. Doch nachdem jemand LSD in die Sangria-Bowle geschüttet hat, schlägt die ausgelassene Stimmung in einen drogeninduzierten Wahnsinn um.

Noé castete für den Film nicht Schauspieler, sondern vor allem professionelle Tänzer, die er über das Internet oder an Tanzwettbewerben fand. Ihre Energie habe ihn fasziniert: «Die Tänzer im Film sind so unglaublich gut, dass man einfach hypnotisiert ist.» In der Tat entfaltet sich die hypnotisierende Wirkung der Tanzeinlagen während einer 15-minütigen Einstellung, in der Noé ohne sichtbaren Schnitt die Truppe bei ihren Tanznummern zeigt.

Die Filmkamera fängt das Geschehen aus der Vogelperspektive ein, sodass die Bewegungen der Tänzer fast abstrakte Formen annehmen, in denen man sich als Zuschauer verliert. Solche Szenen erscheinen als Reverenz vor Musicalnummern des klassischen Hollywoodkinos, wie man sie, zum Beispiel, aus Werken von Busby Berkeley (1895 - 1976) kennt. 

Für einmal scheint Noé auf seine berüchtigten Gewalt- und Sexexzesse zu verzichten und etwas Neues zu wagen. Doch dann setzt in der Hälfte des Filmes plötzlich eine in Neonfarben aufflackernde Filmtitel-Sequenz ein, die man eigentlich zu Filmbeginn erwartet hätte. Es ist eine aus den früheren Werken des Regisseurs altbekannte Spielerei, die dem Zuschauer signalisiert: bitte anschnallen, jetzt geht’s gleich ab.

Der übliche Wahnsinn

Nun setzt Noé auf sein bewährtes filmisches Arsenal: die Kamera (Benoît Debie) schwebt und rotiert in langen Fahrten durch die Räume, die Szenerie ist in dämonisch rotem Licht eingetaucht und Zwischentitel verkünden uns pseudophilosophische Botschaften wie: «Das Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit.» Aha. Am Ende verlässt man taumelnd das Kino und fragt sich, was man mit dem eben Gesehenen anstellen soll.

Leider liefert das Gespräch mit dem Regisseur auch keine Antworten. Mitten im Interview erkennt ein Festivalbesucher mit Bierdose in Hand Gaspar Noé und bittet ihn um ein Foto. Der Regisseur weist den Besucher freundlicherweise darauf hin, dass wir uns in einem Interview befänden und es später Gelegenheit für ein Foto gäbe. Nachdem sich der Fan entfernt hat, gibt Noé seinem Ärger freien Lauf: «Ich hasse Selfies. Die Leute wollen ein Foto von dir, nur damit sie es auf Facebook und Instagram posten können.»

In der uns verbleibenden Zeit holt der Regisseur zu einem Rundumschlag gegen Smartphones und Social Media aus («eine Geisteskrankheit, fast so schlimm wie Religion»), erklärt wie Drogen unseren Neocortex verwirren würden, so dass unser «Reptiliengehirn» die Kontrolle über uns nähme, und gibt eine Anekdote zum Besten, in der jemand LSD in Noés Drink schüttete, um ihn als Nebenbuhler einer Frau zu neutralisieren. Dann sind wir auch schon am Ende des Interviews angelangt. 

Noé verkauft uns «Climax» als einen Film über den körperlichen Ausdruck, der sich gleichzeitig mit den grossen Fragen um Leben und Tod beschäftgt. Er glänzt in den Momenten, in denen er sich gänzlich der phänomenalen Tanzgruppe und ihrem Können hingibt. Allerdings werden die Figuren in Dialogfetzen so oberflächlich umrissen, dass wir nie ein wirkliches Interesse für sie entwickeln. So verkommt die Tanzgruppe zur reinen Staffage in Noés selbstverliebten Zurschaustellung seiner Drogenfantasie. Mit der Zeit ist das nur noch ermüdend.

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