Wer ganz gewisse Epochen oder Dekaden erlebte, der hat Mühe, sie auf einen Nenner zu bringen. Das Gefühl ist deutlich; die Dinge aber sind zu widersprüchlich, um ein Zeitalter in ein Brennglas zu fassen.

Das gilt auch für die erste Hälfte der Sechzigerjahre (heute mehrheitlich als Aufheizen jenes kollektiv-psychischen Cocktails angesehen, der 1968 das sogenannte Wirtschaftswunder hatte explodieren lassen).

Ein Jubiläum könnte jetzt helfen, sich genauer zu erinnern: 50 Jahre sind es her, seit der erste Winnetou-Film über die Leinwand flimmerte. Darum lässt sich sagen – von einer Schweizer Warte aus gesehen:

Diese frühen Sechzigerjahre glühten in einem milchig blauen Schimmer, der sich zusammensetzte aus Expo 64, Dorothea Furrer und – eben – Winnetou.

Alles ausgestrahlt – und darum bläulich – im neuen Familienheiligtum, dem Fernsehgerät, das (noch) in einer Stubenkommode hinter Klapptüren versteckt wurde.

Dorothea Furrer war Expo-Hostess gewesen, ehe sie im Fernsehen Karriere machte; zunächst als Ansagerin mit toupiertem Hausfrauen-Haar, später – mit messerscharf zu zwei Spitzen geknoteter Halsschleife – als Gastgeberin eines Sonntagnachmittag-TV-Salons, zu dem sich jeweils die ganze Familie versammelte.

Furrer zeigte ein Potpourri beliebter Filmsequenzen, aufgelockert durch Musik und sonstige Einsprengsel. Die Eltern kamen eher auf ihre Kosten als die Kinder. «An heiligen Wassern», ein Heimatfilm über den lebensgefährlichen Bau der Walliser Wasserkännel, war ein Dauerbrenner. Brennend aber wartete die «Jungmannschaft», wie man damals zur Brut sagte, nur auf einen: Winnetou!

Manchmal vergingen unheilige Monate, bis Dorothea Furrer, stets mit einer Attitüde, als erwehre sie sich einer ordinären Flut nicht länger, endlich wieder einmal ein Einsehen hatte und «aufgrund Hunderter von Zuschriften» einen Ausschnitt zeigte aus «Winnetou» oder aus dem «Schatz im Silbersee».

Der «Sohnemann» – auch so ein Begriff von damals – wusste längst, dass die Filme «nicht stimmten». Auf dem Bücherbrett des Schülers standen immerhin zwei Meter originaler Karl May. Selbst der Schöpfer Winnetous hatte seinen Indianerhelden anfangs wilder gestaltet und erst allmählich «veredelt».

So skalpierte Winnetou bei Karl May gar einen Widersacher, und in «Winnetou III» erschoss er einen verdächtigen – und unbewaffneten! – Schurken.

Da hatte May bereits mit Tempo Teufel arbeiten müssen, aufgrund des Erfolgs, und wohl schludrig einfach eine frühere Passage wiederverwendet.

«Winnetou» - der Trailer von 1963

«Winnetou» - der Trailer von 1963

Nach anfänglicher Irritation, was nun galt – Buchstabe oder Bild – spielte das freilich bald keine Rolle mehr. Anhand von Winnetou lernte der Schüler erstmals im Leben, dass sich Welt in Fiktion und Wirklichkeit aufteilte, und dass beide Seiten oft ununterscheidbar waren.

Hauptsache, der Film passte auf seine Weise zu Winnetou, auch wenn er sich nur ungefähr an Karl Mays Vorlage anlehnte.

Pierre Brice, der Franzose als angemalter Indianer, und Lex Barker als gut rasierter Amerikaner (bei Karl May trägt Shatterhand noch Bart) verkörperten perfekt ihre Rollen und schufen daraus glaubwürdige, wenn auch subkutan etwas warme neue Blutsbrüder.

Darum war die Französin Marie Versini eminent wichtig: Als Winnetous Schwester Nscho-tschi verliebt sie sich in Shatterhand, stirbt aber, ehe es zum Sex kommt.

Dieses Unerfüllte am Romantischen überstand – neben der Filmmusik – als einziges Element das auskühlende Winnetou-Fieber des heranwachsenden Schülers, wirkte aber noch lange fort, überall, wo jemals schöne Augen indianischen Ursprungs waren.

Gleichwohl brach die Magie der Filme früh, mit zwei Fehlbesetzungen: Die eine war Elke Sommer ein Jahr später im Film «Unter Geiern».

Und die andere war der unsägliche Stewart Granger als Old Surehand. Seine nonchalante Art, das Gewehr im Arm liegen zu lassen wie in einer Baby-Wiege, war ignorant.

So wurden die «wirklichen» Seiten der «richtigen» Filmhelden mit der Zeit viel interessanter, oder sagen wir: das «wahre Leben», die Biografien von Pierre Brice und Lex Barker.

Der eine blieb lebenslang an Winnetou kleben, auf allen Arten von Bühnen, gezwungen, daraus eine Tugend zu machen. Der andere (Lex Barker) verglühte im Heldenbild.

Einst hatte er einen Indianerhäuptling gespielt und glich seinem späteren «Film-Blutsbruder» aus Frankreich (beide waren übrigens auch Kriegshelden).

Barker hatte keine Lust, in Deutschland zu drehen. Seine damalige Frau, Irene Labhardt, eine Schweizerin, überzeugte ihn von der Faszination Karl Mays in Europa.

1962 nahm sie sich das Leben, mit erst 26 Jahren, weil sie Leukämie hatte. Lex Barker sagte, sie sei seine einzige grosse Liebe gewesen. Er starb, auch erst 54-jährig, mittellos und vom Alkohol gezeichnet, an einem Herzanfall.

Der gemeinsame Sohn aus dieser Ehe, Christopher Barker, lebt heute in Genf als Immobilienmakler.