Renato Berta

Der einflussreichste Schweizer im europäischen Gegenwartskino

Der Zauber der Bilder: Ingrid Caven in der Spiegelung gefilmt - in Daniel Schmids frühem Meisterwerk «La Paloma» (1974).

Der Zauber der Bilder: Ingrid Caven in der Spiegelung gefilmt - in Daniel Schmids frühem Meisterwerk «La Paloma» (1974).

Das Stadtkino Basel würdigt mit Renato Berta einen Kameramann – einen Poeten der laufenden Bilder.

Oft verbindet man Filme mit den Namen von Schauspielern und Regisseuren. Die Künstler hinter der Kamera, am Schnittpult oder Schreibtisch finden dagegen selten breite Beachtung. Umso verdienstvoller ist deshalb, dass das Basler Stadtkino diesen Monat mit Renato Berta einem Kameramann eine Retrospektive widmet. Denn wie die eindrucksvolle Auswahl zeigt, hat wohl kein anderer Schweizer die europäische Filmkunst der vergangenen Jahrzehnte so entschieden geprägt wie er.

Geboren 1945 in Bellinzona, liess sich Berta nach einer Lehre als Mechaniker Mitte der 1960er-Jahre in Rom zum Kameramann ausbilden, diesem Epizentrum der Filmkunst der Nachkriegszeit. Von hier waren in den 1950er-Jahren jene Beben ausgegangen, die in ganz Europa die Filmszene erschütterten und einen Neuanfang verkündeten: Ob auf den Faschismus, der dem Kontinent noch in den Knochen steckte, oder auf die freiere Sexualität, die Gemüter und Generationen schied, der Blick wurde radikal subjektiv, die Filme bekamen die Handschrift ihrer Regisseure – oder ihres Auteurs, wie man sie nun nannte.

In ganz Europa? Nein, denn in der Schweiz war man auf dem besten Weg, diese Entwicklungen zu verschlafen, bis eben Renato Berta, zurück in der Schweiz, 1969 bei dem noch unbekannten Alain Tanner anheuerte, um bei dessen Langspielfilmdebüt die Kameraarbeit zu übernehmen: «Charles mort ou vif?» war die Geschichte eines Fabrikanten, der seine Arbeit aufgibt und die Familie verlässt, um sich in einer Art Hippie-WG mit den Fragen des Lebens zu konfrontieren. Der Zeitgeist der 1960er-Jahre war doch noch im schweizerischen Film angekommen.

Bilder von eigener Intimität

Bertas Kamera fand dafür Bilder in körnigem Schwarz-Weiss, erzeugte Intimität gegenüber den Figuren, wirkte dabei aber nie aufdringlich. So persönlich und originell in Erzählton wie Handlung und – eben durch Berta – auch visuell stimmig war der Schweizer Film bis dahin selten. Wenn spätere Filme dieses Niveau wieder erreichten, «La Salamandre» (1971), «Le Milieu du Monde» (1974), «Jonas» (1976) oder «Messidor» (1979), waren wiederum Tanner und Berta gemeinsam am Werk.

Berta war ebenso der inspirierende Begleiter, des Erfinders von verzaubernden wie abgründigen Geschichten. Daniel Schmid verehrte Berta, und Berta schuf ihm Bilder von einer grossen Poesie der Nacht, des Rätselhaften und Unerklärlichen.

Bertas Ruf als einer der innovativsten Kameramänner im europäischen Raum hatte sich schnell gefestigt, und nachdem er 1980 für den diskursmächtigen Jean-Luc Godard dessen wohl schönsten Film, «Sauve qui peut (la vie)», umgesetzt hatte, wollten jene französischen Grossmeister der 1960er-Jahre, die Tanner und ihn einst inspiriert hatten, mit ihm arbeiten: Er filmte mit Éric Rohmer («Les Nuits de la pleine lune», 1984), mit Louis Malle («Au revoir les enfants», 1987) und mit Alain Resnais («On connaît la chanson», 1997). Auch der wichtigste Filmemacher Portugals wurde auf ihn aufmerksam: Manoel de Oliveira, der, 1908 geboren, schon in der Stummfilmzeit (!) aktiv war und ab den 1990er Jahren vier Filme mit Berta realisierte – zuletzt 2012, da war de Oliveira schon 104. Er lebt und arbeitet noch immer.

Ein begnadeter Erzähler

In den fast 50 Jahren seines Schaffens hat Renato Berta so ziemlich alle Preise abgeräumt, die es in Europa für die Kameraarbeit zu gewinnen gibt, und 2011 wurde ihm eine besondere Ehre zuteil: Die renommierte «Cinémathèque française» widmete ihm eine grosse Retrospektive. Dort zeigt sich eine weitere grosse Qualität Bertas: sein Erzähltalent auch neben der Leinwand. Hinreissend schilderte er im Publikumsgespräch in Paris, wie man für die Inszenierung einer jüdischen Hochzeit im Spielfilm «Kadosh» (1999) einen echten Rabbi engagiert hatte. Dieser habe das Ritual dann aber mitten in der Szene abgebrochen und gewarnt, wenn er jetzt fortführe, wären die Schauspieler danach wirklich miteinander verheiratet.

Auch erzählte Berta vergnügt von den Schrullen der Regisseure; wie ihn etwa Godard auch lange nach Abschluss der Dreharbeiten noch vom Schneidetisch aus angerufen habe, um das Nachdrehen ganz bestimmter Einstellungen zu verlangen, die dabei, wie sich Berta lächelnd erinnerte, mit dem bisher Gefilmten in absolut keinerlei Zusammenhang gestanden hätten.

Fabelhafte Anekdoten, wie sie auch im Basler Stadtkino zu hören sein werden, denn wie vor vier Jahren in Paris ist Berta heute Abend dort für ein längeres Publikumsgespräch zu Gast.

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