«Rencontre»

Der Dokumentarist Peter Liechti ist Glatzkopf, Querkopf und Hitzkopf

Peter Liechti, der eigenwillige Ostschweizer, wird an den Solothurner Filmtagen mit einer «Rencontre» geehrt, die sein Gesamtwerk umfasst. Höchste Zeit, seine Filme wieder zu entdecken.

Ich liebe Leute mit Humor, und ich hasse die Fröhlichkeit. Sie langweilt mich zu Tode.» Das ist er, Peter Liechti, wie er redet in seinem Roadmovie «Hans im Glück». In all den Jahren hat der 63-jährige Ostschweizer Dokumentarist seinen Eigensinn behalten. Er ist ein Dränger, ein Draufgänger, ein Einmann-Stosstrupp für schwierige Missionen. Wenn Liechti in die Welt auszieht, dann als Forscher in eigener Sache. Zuletzt fuhr er von Zürich nach St. Gallen, dort ist er aufgewachsen, und klingelte bei den alten Eltern. «Vaters Garten» sorgte allerorts für Begeisterung, regelmässig wird Liechti mit Preisen geehrt, und auch bei uns fehlt es ihm nicht an Fans, höchstens vielleicht an Zuschauern.

Aber man kann es sich nicht vorstellen, dass er jetzt noch Kompromisse eingeht. Peter Liechti wird weiter seine extrem persönlichen Filme drehen, die nie zur Nabelschau verkommen oder sich an den Zeitgeist anbiedern. Er wird weiter rebellieren, ohne in der Pose zu erstarren. Er wird weiter experimentieren mit dem Medium Film, seiner Art, dem Leben eine Form zu geben. Später werden wir zurückschauen und sagen: Was wir an dem Liechti gehabt haben, war uns gar nicht richtig bewusst. Gut also, führen die Solothurner Filmtage sein Werk integral vor. Sieben Filme haben wir ausgewählt.

1 «Senkrecht/Waagrecht» (1985)

Nur wenige Minuten dauert er, dieser störrische Experimentalfilm von Peter Liechti. Und doch erkennt man darin seine Lebensthemen: die Widersprüche der Welt, illustriert anhand von gegensätzlichen Bewegungsrichtungen. Die (noch) nicht etablierte Kunst, veranschaulicht durch Roman Signer, der einen Stuhl von der Brücke wirft. Die beiläufige Heimatkunde und der Kampf gegen die Natur. Die Musik, lärmig und andersartig. Das Filmmaterial, in das sich ein Monster aus farbigen Flecken hineinfrisst. Die ungebrochene Lust am Versuch, die Welt zu hinterfragen und dadurch etwas über sich selbst herauszufinden.

2«Ausflug ins Gebirg» (1986)

Man darf Liechtis halbstündigen Essayfilm über die hartnäckige Anwesenheit der Berge zu den lustigsten Filmen über die Schweizer Mentalität zählen – auch wenn er in Österreich spielt. Zu  16-mm-Aufnahmen von alpinen Regionen spricht der junge Liechti seinen insistierenden Kommentar, klagt die dummen Felsen an und verspürt bald grosse Unlust, eingeklemmt zwischen Himbeertorte und Berghang und in der Lunge nichts als dünne Luft. «Ich will gar nichts vom Berg», sagt Liechti. Sogar das Frühstück im Berghotel sieht aus wie ein riesiger Haufen: «Dieser Berg ist mein letzter Berg.»

3«Signers Koffer» (1996)

Peter Liechtis bildmächtige Hommage an den Künstlerfreund Roman Signer. Mit der Ernsthaftigkeit des Tüftlers erzählt Signer von seiner Aktionskunst und nimmt uns mit nach Stromboli. Dort schiesst er rote Bänder in die Luft, sie fangen an zu tanzen mit den Lavafontänen. Gäbe es Stromboli nicht, Roman Signer hätte den Vulkan eigenhändig aufgeschichtet. Von seiner Kunst berichtet er mit dem Stolz eines Handwerkers, der abends müde ins Bett sinkt, weil ihm etwas Hübsches gelungen ist. Signers Spreng- und Bastelaktionen leuchten als magische Momente – und Liechti findet darin die gesuchte Bildkraft.

4«Hans im Glück» (2003)

Es stinkt nach Rauch in der Küche, es stinkt seit dreissig Jahren: Peter Liechti zieht aus, das Rauchen aufzugeben. Dreimal marschiert er von Zürich zu Fuss in seinen Geburtsort St. Gallen, zweimal klappt es nicht. Sobald er nicht mehr raucht, fängt es in ihm an zu denken, was die Sache nicht einfacher macht. Weiterhin steht Liechtis Selbstversuch «Hans im Glück» wie ein Findling im Schweizer Filmschaffen. Das ist ein Reisetagebuch, eine aufrichtige Selbstbefragung, eine Erkundung der Ostschweizer Landschaft und ihrer Bewohner. Das Meisterwerk des Scheiterns und der Abschweifung bleibt vielleicht Liechtis bester, da persönlichster Film.

5«Hardcore Chambermusic» (2006)

Während dreissig Tagen nahm das Trio Koch-Schütz-Studer einen Zürcher Club in Beschlag und experimentierte drauflos. Peter Liechti dokumentiert diese Marathonsitzung der improvisierten Musik mit mikroskopischem Gespür für die Dynamik des Sounds, für die täglichen Prozesse der Entstehung. Wir können fast dabei zuschauen, wie Klang geboren wird aus Impulsen und Reflexen. Liechti, ein Bruder im Geiste der freien Musik, rhythmisiert die Wahrnehmungssplitter und zeigt drei Musiker, die aus dem Nichts etwas schaffen, das beginnt, selber zu atmen.

6«The Sound of Insects» (2009)

Kaum jemand hat sich im Kino Liechtis Essay über einen Mann angeschaut, der ins Moor ging, um zu verhungern. Der Fall ist real, das im Film vorgelesene Tagebuch des Sterbewilligen stammt aus der Feder eines Schriftstellers. Und was ist das, ein bebildertes Hörspiel? Nicht doch, eher das Glanzstück eines Experimentators, der traumartige Bilder schafft vom Mikrogewebe der Natur und von der flüchtigen Pracht eines Lebens, das zu Ende geht. Regentropfen fallen auf Plastikplanen: Liechti verdichtet die letzten Tage eines Lebensmüden zu einer Meditation über das sterbende Bewusstsein. Assoziativ komponiert ist das und von rarer Radikalität.

7«Vaters Garten: Die Liebe meiner
Eltern» (2013)

Liechtis neuester Dokumentarfilm über seine bünzligen Eltern ist sein mit Abstand erfolgreichstes Werk – und ein Geniestreich: Der Regisseur drängt sich an Max und Hedi Liechti heran und schreckt wieder vor ihnen zurück. Etwa dann, wenn der Vater einfältige Dinge sagt oder die Mutter vor sich hin frömmelt. Zuweilen treten die Eltern als Hasenpuppen auf. Oder Liechti wehrt sich, indem er den Krach des Japaners Keiji Haino laufen lässt. Ein unerschrockenes Porträt der Eltern, deren Liebe andauert, obschon sie viele Bösartigkeiten ertragen musste. Und zugleich das Dokument einer verschwindenden Generation und damit ein Kapitel Schweizer Zeitgeschichte.

Gespräch zwischen Peter Liechti und Peter Mettler am Samstag, 25. Januar. Am Sonntag, 26. Januar, wird Liechti von den Machern der Filmzeitschrift «Revolver» interviewt (Kino Palace). Koch-Schütz-Studer spielen am Freitag, 24. Januar, um 23 Uhr im Kino im Uferbau.

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